Kommentar: Schalke-Ehrenrat tritt im Fall Tönnies eigenes Leitbild mit Füßen | Kommentare | DW | 06.08.2019
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Meinung

Kommentar: Schalke-Ehrenrat tritt im Fall Tönnies eigenes Leitbild mit Füßen

Trotz rassistischer Äußerungen gegen Afrikaner lässt der Ehrenrat des FC Schalke 04 Aufsichtsratschef Clemens Tönnies im Amt. Das Gremium verstößt damit gegen die Grundsätze des Vereins, kritisiert Andreas Sten-Ziemons.

Viele Stunden hat der Ehrenrat des FC Schalke 04 gebraucht, um in der Causa Clemens Tönnies eine Entscheidung zu treffen. Spät am Abend, nach langer Sitzung kam dann allerdings nur eine wachsweiche Lösung heraus: Tönnies wird nicht bestraft, wird nicht aus dem Verein ausgeschlossen oder auch nur von seinem Posten entfernt. Im Gegenzug lässt der Vorsitzende des Aufsichtsrats sein Amt für drei Monate ruhen - danach geht dann alles weiter, als sei nichts gewesen. Schwamm drüber! Alles nicht so ernst nehmen! Der Clemens, der haut schon mal einen raus. Ist eben ein Original! Und er hat sich ja auch entschuldigt. Doch ist es wirklich so einfach?

Tönnies war nach dem Eklat von vielen hart kritisiert worden - darunter auch Schalke-Ikone Gerald Asamoah. Von anderen wurde er vehement verteidigt. Zuletzt äußerte sich sogar der ehemalige deutsche Außenminister und Ex-Parteivorsitzende der Sozialdemokraten, Sigmar Gabriel, der zwar sagte, der Spruch mit den Afrikanern sei daneben gewesen, er wolle Tönnies aber nicht "zum Rassisten stempeln". Zu diesem Schluss kamen auch die fünf Mitglieder des Schalker Ehrenrats - in dem drei Juristen sitzen, darunter eine Richterin, außerdem ein Steuerberater und ein ehemaliger Pfarrer.

Andreas Sten-Ziemons

Andreas Sten-Ziemons

Allerdings war das gar nicht die entscheidende Frage. Es galt nicht zu klären, ob Clemens Tönnies ein Rassist ist. Es ging vielmehr darum, ob jemand, der öffentlich rassistische Äußerungen tätigt, als Schalke-Aufsichtsratschef noch tragbar ist. Hier befand das Gremium richtigerweise, Tönnies habe "gegen das in der Vereinssatzung und im Leitbild verankerte Diskriminierungsverbot verstoßen" und seine "insbesondere den Vorsitzenden des Aufsichtsrats treffende Pflicht verletzt". Warum darauf nicht die Trennung von Tönnies folgte und der Schaden, den der Vereinsboss seinem Klub zugefügt hat, wenigstens konsequent geahndet wurde, bleibt rätselhaft.

Eigenes Leitbild missachtet

Stattdessen darf sich Tönnies selbst aus der Schusslinie nehmen und während der selbstverordneten Suspendierung die Ruhe nach dem Sturm genießen. Tönnies reiht sich damit in eine lange Reihe sogenannter "alter weißer Männer" ein, die derzeit öffentlich diskriminierende Sprüche ablassen und auch noch damit durchkommen. Es ist sozusagen zur Mode geworden. Warum sollte das auf Schalke anders sein?

Warum? Na, weil der königsblaue Traditionsklub sich ein Leitbild gegeben hat, dass sich klar gegen Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung ausspricht. In den vergangenen Tagen wurde es nun gleich zweimal missachtet. Erst von Tönnies, dann von jenen, die über ihn zu "richten" hatten. Unter Punkt 8 steht dort nämlich zu lesen: "Von uns Schalkern geht keine Diskriminierung oder Gewalt aus. Wir zeigen Rassismus die Rote Karte und setzen uns aktiv für Toleranz und Fairness ein."

Hätte der Ehrenrat diese Worte wirklich ernst genommen, dürfte Tönnies jetzt kein Schalker mehr sein - zumindest jedenfalls nicht mehr an der Spitze des Klubs stehen. Er tut es aber noch - Chance verpasst!

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