Kommentar: Merkel setzt auf Merkel | Kommentare | DW | 23.11.2016
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Standpunkt

Kommentar: Merkel setzt auf Merkel

Donald Trump? Erdogan? AfD? Zeitenwende? Alles wird anders? Überall? Nicht überall. In einem kleinen gallischen Dorf namens Berlin macht Angela Merkel einfach weiter. Und klingt im Bundestag wie immer, meint Jens Thurau.

Also diese Frau hat Nerven. Oder hört den Schuss einfach nicht mehr. Das darf man sich wohl aussuchen. Vor drei Tagen hat Angela Merkel den Deutschen verkündet, dass sie weitermachen will als Kanzlerin in stürmischer Zeit, nach elf Jahren im Amt. Jetzt steht sie im Bundestag am Pult, bei der Generaldebatte des Bundestages zum Haushalt, in der gern mit der Regierung abgerechnet wird. Und erläutert - ja was eigentlich? Warum sie weitermacht? Nicht richtig. Was sie genau tun will? Auch nicht. Mit wem genau? Kein Wort dazu. Also was jetzt?

Thurau Jens Kommentarbild App

Jens Thurau ist Korrespondent im Hauptstadtstudio

Probleme nicht lösen, nur besser erklären

Merkel macht das wie immer: All die großen Baustellen, die zu Brandherden geworden sind, werden kurz erwähnt. In einem Duktus, in dem einem Mitbewohner berichtet wird, dass eine Glühbirne im Treppenhaus mal gewechselt werden müsste: Die soziale Marktwirtschaft, der Staat, das Gewaltmonopol? Viele Menschen sind da grade verunsichert. Türkei? Ist alarmierend, was passiert, aber wir bleiben im Gespräch. Ukraine und Russland? Ist nicht so, wie ich mir das wünsche. Syrien: Beklemmend. Trump? Wird nicht erwähnt. Einmal sagt die Kanzlerin, Werte wie Demokratie und Menschenrechte müssten gemeinsam verteidigt werden, auch mit den USA. Aha. Aber jetzt: Wenn Probleme da sind, müssen wir sie den Menschen besser erklären, weil: Nie ging es den Deutschen so gut wie heute! Ende der Durchsage.

So war sie immer, diese protestantische Frau aus Hamburg mit Ost-Biografie. Sie hat das vor drei Jahren sogar zur zentralen Aussage im Wahlkampf gemacht, als sie den Bürger im Fernsehen direkt ins Gesicht sah und "Sie kennen mich" raunte. Und tatsächlich wollten die Deutschen ganz lange genau so eine Kanzlerin. Die ganze Welt voller Hysteriker, Populisten, Nationalisten. Voller Brexit-Alleingänge. Und mitten drin eine, die auch keine Antworten weiß, aber immerhin noch alle Tassen im Schrank hat.

Braucht Deutschland wirklich keinen Plan?

Nur gibt es gerade die diffuse Ahnung, dass das nicht mehr reichen könnte in den Jahren 2017, 2018 und folgende. Dass Deutschland einen Plan bräuchte, wie er wild von den Linken eingefordert wird. Etwa Sahra Wagenknecht: Raubtierkapitalismus bekämpfen. Oder von den Grünen: Klimaschutz stärken, Grundrechte verteidigen. Oder von der SPD: irgendwie sozialer werden. Bei Merkel klingt das so: Globale Probleme muss man zusammen lösen. Ich kenne die alle, auf die es da ankommt. Lasst mich mal machen. Oder: Die Wohnung ist doch in Ordnung so, wir wechseln die Glühbirne im Treppenhaus, vielleicht wäre auch ein neuer Teppich schick, aber sonst? Hat da jemand gesagt, dass ganze Gebäude sei morsch und das Dach kaputt, vom Einsturz bedroht? Ich bitte Euch!

Wenn Angela Merkel in dieser Art tatsächlich nochmal die Wahl gewinnen sollte, dann muss es wohl stimmen: dass es diesem Land viel zu gut geht, um die Nerven zu verlieren.

Sie können unterhalb dieses Artikels einen Kommentar abgeben. Wir freuen uns auf Ihre Meinungsäußerung!

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema