Kommentar: Leiden und leugnen - Die Russen und der Klimawandel | Kommentare | DW | 06.07.2019
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Russland

Kommentar: Leiden und leugnen - Die Russen und der Klimawandel

Die Reaktionen der Menschen in Russland auf die katastrophale Überschwemmung in der sibirischen Region Irkutsk zeigen: Es wird schwer, sie für den globalen Klimaschutz zu gewinnen, meint Andrey Gurkov.

Russland Überschwemmungen in Sibirien, Irkutsk (Reuters/A. Golovshchikov)

Bei der Überschwemmung im Osten Russlands sind fast 10 Tausend Häuser betroffen

Russland erlebt eine der schwersten Naturkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte, eine verheerende Überschwemmung hat das Gebiet Irkutsk in Sibirien heimgesucht. Mehr als 20 Todesopfer sind bereits zu beklagen, mehr als 33.000 Menschen sind betroffen. Für viele von ihnen geht es nicht allein um vollgelaufene Keller oder Schlamm im Erdgeschoss, sondern um den Verlust ihrer Existenzgrundlage: Ihre Holzhäuser wurden von den Fluten mitgerissen, das Vieh ist tot, die Gemüsegärten vernichtet.

Forscher vor Ort warnen: Wetterextreme werden zunehmen

Forscher der Irkutsker Staatsuniversität sehen den Grund für die Überschwemmungen in "anomalen Prozessen in der Atmosphäre vor dem Hintergrund globaler und regionaler Klimaveränderungen". Sie haben berechnet, dass ein außergewöhnlicher Starkregen innerhalb von drei Tagen die 3,7-fache Monatsnorm an Niederschlägen mit sich brachte. Und sie warnen eindringlich: Angesichts der Erderwärmung wird es künftig in Sibirien immer häufiger sowohl zu langanhaltenden starken Regenfällen als auch zu Dürreperioden kommen. 

DW-Redakteur Andrey Gurkov

DW-Redakteur Andrey Gurkov

Präsident Wladimir Putin, der das Katastrophengebiet besuchte, verweist ebenfalls auf den Klimawandel. Noch auf dem G20-Gipfel in Osaka erinnerte er daran, dass in Russland die Erwärmung, laut Berechnungen russischer Meteorologen, zweieinhalb Mal schneller verlaufe als im Durchschnitt auf dem Planeten.

Wird die Katastrophe im Gebiet Irkutsk somit zum Wendepunkt in der bisherigen skeptisch-zurückhaltenden Einstellung Russlands zum Klimawandel? Hat diese Überschwemmung die Menschen in Sibirien und ganz Russland für die sich überall häufenden Wetterextreme als Folge der Erderwärmung sensibilisiert? Werden sie jetzt von ihrer Regierung mehr Engagement für den globalen Klimaschutz einfordern, wie das in diesem Jahr vor allem junge Menschen in Europa so vehement tun?        

Die Menschen konzentrieren sich auf Details, statt auf das große Ganze

Nein! Definitiv nein. Für einen, der die Geschehnisse aus Deutschland beobachtet und die hiesigen Klimadebatten verfolgt, ist es schon sehr befremdlich, wie in Russland, vor allem in den sozialen Medien, über die Überschwemmung berichtet und diskutiert wird. Von einem von Experten bezeugten Zusammenhang mit der Erderwärmung will praktisch niemand hören, der globale Klimawandel wird als "Blödsinn" und "Hirngespinst" abgetan, Verweise auf ihn wertet man lediglich als plumpen Versuch, von der Verantwortung örtlicher und föderaler Behörden abzulenken.

Die Diskussion fokussiert sich (zum einem guten Teil sicherlich begründet) auf das mutmaßliche Versagen der Politik bei der Katastrophenprävention und -bekämpfung, vom Pfusch beim Bau eines Dammes ist viel die Rede. Verschwörungstheorien machen die Runde, man habe den Wasserstand extra hoch halten wollen, damit die zahlreichen Wasserkraftwerke in der Region mehr billigen Strom für die Fabriken eines Oligarchen produzieren könnten.

Selbst die massive Abholzung im Katastrophengebiet wird weniger als klimaschädliche Entwicklung, sondern vielmehr als Beleg für den "Ausverkauf" des Landes an China gewertet. Die russischen Medien, das Netz konzentrieren sich auf Details, statt auf das große Ganze; man denkt in lokalen, eindeutig nicht in globalen Dimensionen.

Wladimir Putin will keine aktive Klimapolitik 

Solch eine Einstellung der Bevölkerung wird es Wladimir Putin schwer machen, sein Land auf eine aktive Klimapolitik einzuschwören - selbst wenn er es wollte. Zumal das Vertrauen in den Präsidenten eindeutig zurückgeht, wodurch er riskiert, dass seine Verweise auf den Klimawandel bei möglichen unpopulären Maßnahmen als bloße Ausrede verstanden werden.

Aber in Wirklichkeit will Wladimir Putin auch gar keine allzu aktive Klimapolitik, und seine Statements zu diesem Thema macht er ja hauptsächlich auf internationaler Bühne, so wie in Osaka, wo er so Punkte bei seinen ausländischen Amtskollegen sammeln und den Unterschied zum großen Klimaleugner Donald Trump unterstreichen kann.

Im Landesinneren thematisiert Putin und die dem Kreml unterstehenden Staatsmedien den Klimaschutz viel weniger oder gar nicht, und das hat einen simplen und zugleich sehr schwerwiegenden Grund.

Klimaschutz bedeutet Demontage des heutigen russischen Business-Models

Der Kampf gegen den Klimawandel bedeutet ja im Kern die Verringerung des CO2-Ausstoßes, und der entsteht hauptsächlich bei der Verbrennung fossiler Energieträger - Kohle, Öl, Gas. Deren Förderung und Export sind jedoch die Grundlage der russischen Wirtschaft, sie sind die wichtigste Einnahmequelle aller Profiteure des "Systems Putin" - und auch des Staatshaushalts, aus dem die breite Bevölkerung verschiedene Zahlungen empfängt.

Im Grunde genommen würde ein konsequenter Klimaschutz die Demontage oder, freundlicher ausgedrückt, die Neugestaltung des heutigen Business-Models Russlands bedeuten. Wladimir Putin ist in den vergangenen Jahren schon vor viel weniger ambitionierten Reformvorhaben zurückgescheut.

Und auch die Menschen in Russland, so der eindeutige Eindruck, wollen keine Opfer für ein in ihren Augen abstraktes Weltklima erbringen. Sie scheinen eher bereit zu sein, weiterhin an den immer größeren Folgen des Klimawandels zu leiden - und ihn trotzdem inbrünstig zu leugnen.

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