Kommentar: Indische Bauernopfer | Kommentare | DW | 08.06.2018
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Bauernproteste in Indien

Kommentar: Indische Bauernopfer

Indiens Bauern streiken. In sieben Bundesstaaten gehen sie zehn Tage lang auf die Straße und fordern von der Regierung Mindestpreise und einen Schuldenerlass. Indien hat seine Agrarprobleme verschlafen, meint Mahesh Jha.

Indien ist ein Land der Landwirte. Etwa 70 Prozent der 1,3 Milliarden Inder leben auf dem Land. Auch wenn Indien große Sprünge als Industrienation gemacht hat, mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist immer noch abhängig von der Landwirtschaft. Funktionierende ländliche Räume sind nicht nur wichtig für die Ernährungssicherheit, sondern auch für die nachhaltige Umwelt. Und die Landwirtschaft in Indien steckt seit langem in der Krise. 

Weil die Kolonialmacht England die Landwirtschaft in Indien für ihre Industrie ausgebeutet hat, entwickelten sich die Verhältnisse in den ländlichen Gebieten entsprechend. Noch heute wird die Landwirtschaft bloß als Quelle für Ressourcen und Beschäftigungsfeld für billige Arbeitskräfte gesehen. So hatten diese Gebiete nie eine Chance, sich eigenständig zu entwickeln. Seit der grünen Agrarrevolution in den 70er Jahren hat sich zwar einiges verändert; Menschen hungern nicht mehr in den Dörfern, dennoch ist der Lebensstandard an sich  größtenteils unverändert. Seit kurzem gibt es in vielen Landesteilen eine nahezu flächendeckende Stromversorgung, es fehlen aber noch immer Schulen, Krankenhäuser und moderne Infrastruktur. Und selbst wenn es sie gäbe, wären die Menschen oft nicht in der Lage, sich diese finanziell zu leisten. Die Folge: Immer mehr Inder fliehen in die ohnehin schon überbevölkerten Städte. Doch auch dort gibt es keine Arbeit mehr. 

Schuldenerlass und Mindestpreise

In dem jetzigen Bauernaufstand geht es wesentlich um zwei Forderungen. Die Bauern verlangen einen Erlass von Kreditschulden und einen erhöhten staatlich zugesicherten Mindestpreis für Ihre Erzeugnisse, der 50 Prozent über den Produktionskosten liegen soll. Das Problem: Bei Dürre reicht der Ertrag nicht aus, bei zu viel Niederschlag kommt es zu einer Überproduktion, was zu niedrigen Preisen auf dem Markt führt. Deshalb bestehen die Bauern auf der Einführung dieses Mindestpreises.

Jha Mahesh Kommentarbild App

Mahesh Jha, Teamleiter DW Hindi

Indien hat die Probleme in seiner Landwirtschaft verschlafen. Der indische Agrarsektor durchläuft zur Zeit einen Strukturwandel, doch niemand in der Regierung besitzt das Rezept, wie dieser zu lenken ist. Die meisten Politiker und Beamten kommen zwar aus ländlichen Regionen, doch scheinen sie machtlos gegenüber der starken Industrie und der Agrarlobby großer transnationaler Konzerne. Die Regierung in Delhi will die Armut im Land auf keinen Fall verschärfen und daher unbedingt die Kosten für Nahrungsmittel niedrig halten. Eine Erhöhung des staatlichen Mindestpreises, wie von den bauern gefordert, würde schlagartig die Preise von Grundnahrungsmitteln verteuern. Das wiederum träfe vor allem die Einwohner ländlicher Gebiete, in denen die Einkommen besonders niedrig sind.

Indien braucht eine übergreifende Agrarpolitik. Das bisherige Niedriglohnland muss umfassende Maßnahmen ergreifen, um eine bessere Einkommensverteilung zu erzielen. Mehr Einkommen bedeutet mehr Konsum und führt zu vermehrter Produktion, und damit würden auch die Löhne der Landbevölkerung mittelfristig steigen. 

Doch davon ist Indien noch weit entfernt. Jedes Jahr begehen in Indien rund 12.000 Bauern Selbstmord, weil sie dem Teufelskreis aus Armut, Verzweiflung und Neuverschuldung nicht mehr entrinnen können. Es wird höchste Zeit, dass Indien die Lösung der bäuerlichen Probleme als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreift. Denn auch wenn die Zahl der Selbstmorde unter Bauern im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung niedrig erscheinen, ist jeder Tote einer zuviel.

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