Kommentar: Horst Seehofers Männerriege zu Recht im Shitstorm | Kommentare | DW | 29.03.2018
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Standpunkt

Kommentar: Horst Seehofers Männerriege zu Recht im Shitstorm

Acht Staatssekretäre hat der Bundesinnenminister - so viele, wie sonst keiner. Doch Horst Seehofer hat ausschließlich Männer ins hohe Amt berufen. Der Zorn der Netzgemeinde ist mehr als berechtigt, meint Anja Brockmann.

Deutschland Regierung - Seehofers Führungsriege (picture alliance/dpa/Bundesministerium des Innern für Bau und Heimat)

Ein Minister und acht Staatssekretäre in mehrheitlich schlecht sitzenden Anzügen

Es dauerte vier Tage, bis die Nachricht ins digitale Bewusstsein eingesickert war: Das neue Superministerium der deutschen Regierung, das auch für Heimat und Bauen zuständige Bundesinnenministerium (BMI), ist auf Leitungsebene durchweg mit Männern besetzt. Nach einer entsprechenden Pressemitteilung am vergangenen Freitag grassiert das Foto mit Minister Horst Seehofer (CSU) und seinen acht ranghohen männlichen Führungskräften auf Twitter, wo es jetzt mit Ironie und Häme übersät wird. "Frauen können keine Politik", spottet ein User. "Wo kann man denn online einen Verstoß gegen den Gleichstellungsgrundsatz melden?", fragt ein anderer.

Wie kann das überhaupt sein - im Jahr 2018? Die deutsche Gesellschaft ist bis tief in konservative Milieus hinein liberalisiert, die der Christlich-Demokratischen Union sichert seit fast 13 Jahren eine Kanzlerin, und wenn Angela Merkel als mächtigste Frau der Welt tituliert wird, dann erfüllt das ganz gewiss auch die Männerherzen in der bayerischen Schwesterpartei CSU mit Stolz.

Eine Frau als Feigenblatt der CSU

Und doch - die CSU hat ein Frauenproblem. Ihre drei Bundesminister: allesamt Männer. Auch eine Ebene darunter: überhaupt nur eine einzige Frau. Und die wird in der Öffentlichkeit wenig präsent sein. Man sieht sie förmlich vor sich, die Chefrunden in den CSU-geführten Ministerien, wenn es um das Auto der Zukunft oder die Terrorabwehr geht: Männerthemen eben, so sieht es die CSU offenbar. Der Versuch, dieses Elend zu kaschieren, indem sich die CSU noch schnell ein Staatsministerium für Digitales im Kanzleramt basteln ließ, in das sie mit Dorothee Bär die einzige christsoziale Frau an den Kabinettstisch entsandt hat, ist nicht wirklich überzeugend.

Anja Brockman Kommentarbild APP (DW)

Anja Brockmann ist stellvertretende Leiterin der Redaktion Politik und Gesellschaft

Alltags-Sexismus trifft fast jede Frau

Fehlende Gleichbehandlung am Arbeitsplatz und ein männerdominiertes Arbeitsumfeld sind die Grundlage für Alltags-Sexismus. Ein Phänomen, das nahezu jede Frau in der westlichen Welt am Arbeitsplatz erlebt. Mal ist es plumpe Anmache, mal ein dummer Spruch, der die Leistung einer Frau herabsetzt. Nahezu zeitgleich zum Shitstorm über Seehofers Männerriege verbreitete sich über die Sozialen Medien ein Video aus dem britischen Unterhaus. Es zeigt John Bercow, den Sprecher des Parlaments, welcher die Sitzungen leitet, der Außenminister Boris Johnson mit Nachdruck rügt. Der Grund: Johnson hatte in einer Rede die Labour-Abgeordnete Emily Thornberry - in Anspielung auf den Namen und Titel ihres Ehemanns Sir Christopher Nugee - als "Lady Nugee" verspottet.

Britischer Macho-Außenminister gerügt

Parlaments-Chef Bercow ließ ihm das nicht durchgehen. Im Parlament würden Frauen nicht mit den Titeln ihrer Ehepartner bezeichnet, sagte Bercow. Die Politikerin habe einen eigenen, allseits bekannten Namen und der laute nicht ‘Lady Irgendwas‘. Und dann holte Bercow zur Grundsatzkritik aus: Johnsons Benehmen sei klar sexistisch!

Solch deutliche Ansagen sind im politischen Betrieb auch des Jahres 2018 noch immer die Ausnahme. Begrüßenswert sind sie allemal. Das Mindeste aber, was Wählerinnen und Wähler erwarten dürfen, ist, dass Politiker begreifen, warum es im Jahre 2018 kritische Nachfragen gibt, wenn alle Leitungsstellen durchweg mit Männern besetzt werden. Dass es dann nicht reicht zu sagen, man habe sich für die "Richtigen" entschieden, so wie das ein Ministeriumsprecher dürftig formulierte. Und wenn es tatsächlich so sein sollte, dass für acht offene Top-Stellen nicht eine einzige qualifizierte und interessierte Frau gefunden werden konnte, dann ist es Aufgabe der Politik, genau das zu ändern.

Entlarvende Fotos vorübergehend gelöscht

Stattdessen wird das entlarvende Gruppenbild vorübergehend gelöscht. Genau das ist nämlich passiert, als die Kritik immer lauter wurde. Das Foto mit Seehofer und seiner Männerriege war auf der Ministeriumsseite für einige Stunden nicht mehr zu sehen. Als dies auffiel, wurde es mit der lauen Begründung, die Stellenbesetzungen seien formal noch nicht abgeschlossen gewesen, verschämt wieder veröffentlicht. Als sei man bei einem Dumme-Jungen-Streich erwischt worden, den man schnell vergessen machen will.

Die beste Reaktion auf das ganze Trauerspiel kam dazu übrigens aus der CSU selbst! Von einer Frau. Ilse Aigner, die frisch ernannte Bauministerin in Bayern, retweetete auf Twitter ein Foto von sich. Das zeigt sie mit einem elektrischen Schraubendreher in der Hand, beim Anbringen des provisorischen Eingangsschildes an ihrem neu gegründeten Ministerium.

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