Kommentar: Eine Tragödie erschüttert Kuba | Kommentare | DW | 20.05.2018
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Standpunkt

Kommentar: Eine Tragödie erschüttert Kuba

Die Aufklärung der Umstände des Flugzeugabsturzes zwingt die kubanische Regierung zur Transparenz. Ob ihr das aber aufgrund der ungünstigen Umstände gelingt, ist fraglich, meint Yoani Sánchez.

Kuba Flugzeugabsturz Unfallort (picture-alliance/dpa/XinHua/Cuban News Agency)

Der neue Präsident Miguel Díaz-Canel reiste schnell an den Unfallort

Die Bilder aus Kuba sind von hypnotischer Tragik. Auf einem landwirtschaftlich genutzten Feld unweit des internationalen Flughafens José Martí in Havanna liegen die verstreuten Überreste dessen, was wenige Minuten zuvor ein Flugzeug mit 113 Menschen an Bord war, das von der kubanischen Hauptstadt in die östliche Provinz Holguín fliegen sollte. Nur drei Passagiere konnten gerettet werden. Kuba ist Zeuge einer der schlimmsten Flugzeugkatastrophe der letzten Jahre.

Der Absturz der Boeing 737-200 geschieht für das Land zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Das diplomatische Tauwetter mit Washington ist seit Monaten einer Eiszeit gewichen. Die wirtschaftliche Situation wird zudem durch einen Abfall der Touristenzahlen um 7 Prozent im ersten Quartal des laufenden Jahres belastet. Die Staatskasse ist notorisch klamm und kann durch eine Katastrophe dieser Größenordnung ernsthaft beeinträchtigt werden.

Geübt in Geheimniskrämerei

Die schwere Wirtschaftskrise, in der sich das verbündete Venezuela gerade befindet, verschärft die Situation umso mehr. Es ist zu erwarten, dass die kubanischen Behörden einer Untersuchung des Absturzes unter internationale Beteiligung zustimmen müssen, da sich unter den Opfern auch mexikanische und argentinische Staatsbürger befinden. Die Geheimniskrämerei, die solche Untersuchungen normalerweise auf nationaler Ebene umgibt, wird durch die Suche nach Antworten aus dem Ausland sicher auf eine harte Probe gestellt.

Kommentarbild Yoani Sanchez PROVISORISCH

Die kubanische Bloggerin Yoani Sanchez kommentiert

Und es gibt noch mehr ungünstige Umstände: Gerade erst haben die kubanischen Medien gemeldet, dass sich der greise Raul Castro, der noch immer das Kommando in der kommunistischen Partei Kubas führt, einer Operation unterziehen musste. Sein Nachfolger im Amt des Präsidenten, der Ingenieur Miguel Díaz-Canel, steht vor der größten Herausforderung seiner noch jungen Amtszeit. Am vergangenen Freitag sah man ihn alarmiert am Unfallort und wahrscheinlich darüber nachdenkend, welche politischen Konsequenzen dieses Unglück für ihn haben könnte.

Am schlimmsten trifft es jedoch das Herz der Bevölkerung und insbesondere die Angehörigen der über 100 Kubaner, die an Bord dieses schicksalhaften Flugzeugs waren, das am Freitag um 12.08 Uhr abstürzte. Sie müssen jetzt mit dem langen Schmerz des Verlusts umgehen, mit der Pein der Identifizierung der Körper und mit der intensiven politischen Kampagne, mit der die Regierung jeden Schritt der medizinischen und polizeilichen Aufklärung begleiten wird.

Die Angehörigen haben ein Recht auf Antworten

In ihren Gedanken werden immer wieder die Erinnerungen an die letzten Momente mit den geliebten Menschen kreisen, die sie verloren haben. Sie werden an den Zufall denken, der sie dazu brachte, jene von der mexikanischen Fluglinie Global Air ("Aerolíneas Damojh") angemietete Maschine zu besteigen. Sie werden Geschichten hören von denjenigen, die in letzter Sekunde kein Ticket mehr für die Reise bekamen und von anderen Menschen, die diesen Flug eigentlich nicht nehmen wollten, aber deren Name sich nun auf der Liste der Todesopfer findet.

Jetzt werden Fragen aufgeworfen und Erklärungen verlangt, in einem Land, das gewohnt ist, seine Informationen sehr sparsam zu dosieren. Aber selbst die duldsamsten Kubaner werden merken, dass dieses Unglück vorhersehbar war.

Die staatliche Fluggesellschaft "Cubana de Aviación" befindet sich schon seit Jahren in einer tiefen Krise, die zu ständigen Flugannullierungen führt. Die Krise ist auf den desolaten Zustand ihrer Flugzeuge zurückzuführen, die hauptsächlich aus altersschwachen russischen Maschinen besteht. Der Verfall der eigenen Flugzeugflotte hat die wichtigste kubanische Fluggesellschaft dazu gezwungen, permanent Flugzeuge anderer Gesellschaften anzumieten. Dies hat das Vertrauen der inländischen Kunden auf ein Minimum reduziert.

Die kommenden Tage werden entscheidend sein. Die Reaktion der betroffenen Angehörigen wird im hohen Maße davon abhängen, wie die Behörden und die Fluggesellschaft mit den Informationen über den Absturz umgehen. Transparenz ist offensichtlich geboten. Aber es bleibt abzuwarten, ob die kubanische Regierung dazu in der Lage ist.

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