Kommentar: Ein bisschen Demut bitte, Monsieur le Président! | Kommentare | DW | 16.10.2018
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Frankreich

Kommentar: Ein bisschen Demut bitte, Monsieur le Président!

Emmanuel Macron muss seinen Stil ändern. Ein paar neue Minister zu ernennen, wird nicht reichen, um ihn aus dem Umfragetief herauszuführen, meint Max Hofmann. Jetzt sind vor allem Gesten und Symbolik gefragt.

In der Liebe wie in der Politik ist der Lack ein Jahr nach den Flitterwochen häufig ab. Nachdem die letzten Wahlkampfparolen verschollen sind, zeigt die Beliebtheitskurve von neuen Amtsträgern fast immer nach unten. Das gilt sogar für den zum Amtsantritt als Lichtgestalt gefeierten Emmanuel Macron.

Der französische Präsident hat schon Recht, wenn er die Franzosen als "widerspenstige Gallier" bezeichnet. Das gilt zumindest für den Teil der Bevölkerung, der sofort Autoreifen auf den Straßen anzündet, wenn die überlasteten Sozialsysteme auch nur ein bisschen reformiert werden sollen. Schlau ist es keinesfalls, sein eigenes Volk so von oben herab zu behandeln. Macron hat nun schon einige Male in einer Weise agiert, dass er in den Augen vieler herablassend und herrisch erscheint. Dementsprechend geht es in den Umfragen mit seinen Beliebtheitswerten bergab.

Inhaltliche Erfolge reichen nicht

Dabei hat der 40-Jährige nach seinem ersten Jahr im Élysée-Palast mehr vorzuweisen als seine unmittelbaren Vorgänger nach ihrer gesamten Zeit dort. An der Reform des Arbeitsrechtes bissen sich von Chirac bis Hollande alle die Zähne aus, sie wechselten ihre Premierminister wie schmutzige Hemden. Macron hielt auch den monatelangen Streiks der Eisenbahner stand, die ihre veralteten Privilegien nicht aufgeben wollten. Inhaltlich kann er also einige Erfolge vorweisen, und seine Standhaftigkeit steht außer Frage.

Nun aber muss er zeigen, dass er nicht nur ein harter Hund sein kann. Er muss aufhören, den Intellektuellen raushängen zu lassen. Er muss stattdessen Empathie zeigen und Verständnis für die Sorgen und Nöte der Menschen. Auch das ist Politik. In seinem Fall ist das nun genauso wichtig wie die Sachfragen. Denn in Frankreich verhärtet sich langsam aber sicher der Eindruck, es mit einem neuen Roi Soleil zu tun zu haben. Einem, der beratungsresistent sein Ding durchzieht. Wenn das so weiter geht, dann wird der Präsident sicherlich noch mehr Kabinettsmitglieder verlieren.

Hofmann Max Kommentarbild

Max Hofmann leitet das DW-Studio in Brüssel

Ein Kabinett, das hinter ihm steht

Doch allein mit seinem Stil ist der Ministerschwund der vergangenen Wochen nicht zu erklären. Das liegt auch an Macrons Experiment, möglichst viele politische Kräfte in einer Regierung zusammen zu schließen. Inhaltlich konnte das nicht immer gut gehen. Bestes Beispiel ist sicher Nicolas Hulot: vom Aktivisten zum Umweltminister - Enttäuschung und Rücktritt waren geradezu programmiert.

Nun aber hat Emmanuel Macron die Chance, einiges wieder ins Lot zu bringen. Inhaltlich, so hat er durchblicken lassen, will er nichts ändern. Aber das muss er auch nicht. Jahrzehntelang forderten die Franzosen einen, der seine Pläne umsetzt und nicht immer vor den Gewerkschaften oder anderen Interessengruppen einknickt. Jetzt haben sie ihn. Er wiederum hat nun hoffentlich ein Kabinett, das sich in seiner Gesamtheit mit dem identifizieren kann, was der Chef vorhat. Ein wichtiger Schritt, wenn er wieder aus der Popularitätssenke herausfinden möchte.

Weiterhin Gegenmodell zum Populismus

Noch wichtiger aber wird, wie Macron sich fortan selbst verkauft. Ein erster Hinweis, dass er mehr Volksnähe suchen möchte, ist seine angekündigte Frankreich-Tour in drei Wochen. Sie soll ihn gleich über mehrere Tage an verschiedene Schauplätze des Ersten Weltkrieges führen, dessen Ende sich im November zum 100. Mal jährt. Soviel Zeit hat noch nie ein französischer Präsident auf das Gedenken des "Großen Krieges" verwendet.

Dies wird eine Chance etwas Demut zu zeigen. Wirklich zuzuhören und nicht nur zu maßregeln. Genau daran hat es Macron bisher mangeln lassen. Seinen Tatendrang, sein Feuer bei Diskussion, seine Liebe zur Kultur, all das muss er ja nicht ablegen. Er soll gerne das Gegenmodell zum Populismus bleiben. Aber aus Fehlern lernen, das muss auch einer, der weiter als Lichtgestalt gelten und als erfolgreicher Präsident in die Geschichte eingehen möchte.

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