Kommentar: Drei Jahre Jemen-Krieg und die Verantwortung des Westens | Kommentare | DW | 26.03.2018
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Standpunkt

Kommentar: Drei Jahre Jemen-Krieg und die Verantwortung des Westens

Mit dem Eingreifen Saudi-Arabiens in den jemenitischen Machtkampf verschlimmerte sich die Lage dramatisch. An der katastrophalen Lage der Menschen im Jemen trägt jedoch auch der Westen Schuld, meint Matthias von Hein.

Proteste gegen Saudi-Arabien-Intervention in Jemen (Reuters/K. Abdullah)

Demonstration in Sanaa am dritten Jahrestag des saudi-arabischen Eingreifens in den Krieg im Jemen

Es gibt humanitäre Katastrophen nach Tsunamis, nach Wirbelstürmen oder anderen Naturereignissen. Es gibt aber auch humanitäre Katastrophen, die sind von Menschen gemacht - und deshalb umso unerträglicher. So wie die derzeit schwerste und größte humanitäre Katastrophe der Welt im Jemen. Vor genau drei Jahren hat Saudi-Arabien mit einer Militärintervention in den innerjemenitischen Machtkampf eingegriffen - als erste außenpolitische Machtdemonstration des jetzigen Kronprinzen Mohammad Bin Salman.

In den gut 1000 Tagen seither hat es knapp 17.000 Luftangriffe auf den Jemen gegeben. Etwa ein Drittel davon auf zivile Ziele. Das schon vor der Intervention ärmste Land der arabischen Welt ist mittlerweile eine Trümmerwüste. Drei Viertel der Bevölkerung brauchen Hilfe zum Überleben: 22 Millionen Menschen, über die Hälfte davon Kinder. Direkt durch die Luftangriffe getötet wurden knapp 10.000 Menschen. Hunger und Krankheiten wie die weltgrößte Cholera-Epidemie aber lassen noch weit mehr Jemeniten sterben.

Der mächtigste Spieler, aber nicht der einzige Verantwortliche

Saudi-Arabien ist nicht der einzige Verantwortliche für die jemenitische Tragödie. Aber Saudi-Arabien ist der mächtigste Spieler. Und auch wenn die Hauptgegner der saudisch geführten Koalition, die Huthis, sich Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht haben: Die saudische Bombenkampagne ist durch nichts zu rechtfertigen. Das gilt erst recht für die saudische Blockade der Häfen am Roten Meer. In einem Land, das 90 Prozent seiner Nahrungsmittel und praktisch sämtliche Medikamente und Medizinprodukte und auch den Großteil des Treibstoffs importieren muss, ist das eine Kollektivstrafe für die gesamte Zivilbevölkerung des Landes. Nebenbei bemerkt, ohne das Ziel der Blockade zu erreichen, nämlich die illegale Lieferung von Waffen und Munition zu verhindern. UN-Experten warfen Saudi Arabien im Januar vor, Hunger in diesem Krieg als Waffe einzusetzen - ein klares Kriegsverbrechen.

von Hein Matthias Kommentarbild App

DW-Redakteur Matthias von Hein

Zu Recht beklagen Saudi-Arabien und der Westen die iranische Unterstützung für die Huthis. Aber während der Iran mit Sanktionen belegt wird, konnte Mohammed Bin Salman vergangene Woche mit Donald Trump im Weißen Haus über weitere Waffenlieferungen verhandeln. Aber auch Deutschland verkauft Waffen an die saudische Kriegskoalition: im vergangenen Jahr für rund 1,3 Milliarden Euro. Und erst vergangene Woche wurde die Lieferung von acht deutschen Patrouillenbooten nach Saudi-Arabien genehmigt. Diese direkte Beteiligung an dem Konflikt ist eine moralische Bankrotterklärung. Sie gehört beendet! 

Dazu kommt: Saudi-Arabien hat keines seiner Kriegsziele erreicht. Das Land ist heute deutlich weniger sicher als vor drei Jahren. Und anstatt den iranischen Einfluss zurück zu drängen, wurden die Huthis erst recht in die Arme Teherans getrieben. Eher noch hat der Iran im Jemen die Möglichkeit, seinen geostrategischen Rivalen ohne großen Aufwand empfindlich zu stören. Profitiert von dem Krieg haben vor allem Al-Kaida und der lokale Ableger des sogenannten "Islamischen Staats".

Niemand kann diesen Krieg gewinnen

Keine der sich vervielfachenden Konfliktparteien kann diesen Krieg gewinnen. Und es ist fraglich, ob der Jemen als Land erhalten werden kann oder in verschiedene Teile zerfällt. Deswegen ist jetzt Druck auf die Konfliktparteien nötig. Und weil die Zeit drängt, zuerst auf Riad: Als Erstes muss die Blockade der Häfen und Flughäfen vollsständig aufgehoben werden. Die Menschen müssen wieder versorgt werden können, Hilfsorganisationen wieder Zugang erhalten.

Von den Huthis gibt es Signale der Verhandlungsbereitschaft. Und es gibt einen neuen UN-Beauftragten für den Konflikt. Diese Chance sollte Riad nutzen - auch wenn es den Saudis schwer fallen wird, die Huthis an einer Nachkriegsordnung zu beteiligen. Damit endlich Bewegung in den festgefahrenen Konflikt kommt, muss er auf die Tagesordnung der Weltgemeinschaft. Bislang hat die leider im Jemen lieber weggesehen.

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