Kommentar: Die Tour de France hat ihr D-Thema zurück | Sport | DW | 05.07.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Radsport

Kommentar: Die Tour de France hat ihr D-Thema zurück

Chris Froome wird vor dem Start der Tour de France ausgebuht und ausgepfiffen - trotz seines Freispruchs. Die Reaktion des Publikums ist verständlich, meint Joscha Weber, denn der Fall Froome hinterlässt einen Verdacht.

Tour de France 2018 | Chris Froome (Getty Images/AFP/P. Lopez)

Ungeliebter Favorit: Die Franzosen buhen Chris Froome vor dem Tour-Start aus

Da rollt etwas zu auf Chris Froome. Mit einem demonstrativen Lächeln fährt er auf seinem schwarz-weißen Renner durch ein schmales Zuschauer-Spalier. Er macht gute Miene zum bösen Spiel, denn je näher er der Bühne der Teampräsentation kommt, desto lauter werden die Pfiffe und Buhrufe. Als der Moderator der Show, das Pfeifkonzert ignorierend, Froome auf der Bühne willkommen heißt und nach dessen Tour-Zielen fragt, ist die Antwort des britischen Vorjahressiegers kaum noch zu verstehen. Das Publikum in La Roche-sur-Yon, dem Zielort der 2. Etappe und Ort der Mannschaftsvorstellung, pfeift, Viele  halten einen nach unten gedrehten Daumen in die Luft. Während Froome artig verspricht "alles zu geben" und von einem "wunderbaren Team" um ihn herum schwärmen darf, entsteht eine Ahnung, was den Titelverteidiger auf den Straßen dieser 105. Tour de France, die am Samstag in Noirmoutier-en-l'Ile beginnt, erwartet.

Die Reaktion der rund 5000 Zuschauer in La Roche-sur-Yon ist auf den ersten Blick irrational, auf den zweiten Blick aber verständlich. Denn Froome erhielt zwar kurz vor dem Start der Frankreich-Rundfahrt und rund neun Monate nach seiner positiven Doping-Probe einen Freispruch durch den Weltradsportverband UCI. Aber es ist ein Freispruch zweiter Klasse. Das liegt einerseits an der UCI und der Welt-Anti-Doping-Agentur, die verständliche Begründungen für den Freispruch Froomes schuldig blieben. Das liegt aber auch an Froome selbst, der genau wie sein Team Sky intransparent bleibt und bis heute nicht erklären kann, warum er den erlaubten Salbutamol-Grenzwert um das Doppelte überschritt. Eine Dehydration während der 18. Vuelta-Etappe 2017, nach der die positive Doping-Probe bei Froome genommen wurde, soll angeblich den Wert in die Höhe getrieben haben. Eine fragwürdige Darstellung. Und so ist die Tour im Diskurs wieder um Jahre zurück in einer Vergangenheit, die sie eigentlich - wieder einmal - hinter sich lassen wollte.

Sportjuristisch betrachtet sauber - aber das war Armstrong lange auch

Weber Joscha Kommentarbild App

DW-Sportredakteur Joscha Weber: "Mit dem Kurz-vor-knapp-Freispruch ohne stichhaltige Begründung hat sich der Radsport einmal mehr selbst geschadet."

Das D-Thema ist zurück. Und mit ihm der Groll des Publikums. Zwar besteht ein großer Unterschied zwischen einem geständigen Doping-Sünder Lance Armstrong und einem freigesprochenem Chris Froome. Nach allem, was die Faktenlage hergibt, ist der Radsport sauberer als zur Epo-verseuchten Zeit Armstrongs. Aber auf der Bauchebene verfangen diese Fakten nicht. Es bleibt ein schales Gefühl. Kann man dem vierfachen Sieger der Tour de France aus Großbritannien noch trauen?

Die Frage muss jeder für sich beantworten. Froome ist, rein sportjuristisch betrachtet, sauber. Aber das war Lance Armstrong bis zu seinem Geständnis auch. In jedem Fall wird die Frage Froome die Tour de France vom Start in der Vendée bis in Ziel nach Paris begleiten, da können sich alle Beteiligten abstrampeln, wie sie wollen. Froomes Sky-Mannschaft fiel bereits mehrfach mit Grenzwert-Überschreitungen und dubiosen Medikamenten-Lieferungen auf. Teamchef Dave Braislford steht schon länger im Zwielicht. Auch in der Szene ist das Misstrauen gegenüber dem dominanten, unantastbar wirkenden Sky-Team groß. Nicht zuletzt, weil Froome manche Bergpässe schneller erklomm als einst besagter Armstrong. 

Grenzwerte? Nimmt doch keiner mehr ernst

Tour de France | Fans der bei Team-Vorstellungszeremonie (Getty Images/AFP/P. Lopez)

Froome hatte es beim französischen Publikum in den letzten Jahren schon nicht leicht. Diese Tour dürfte noch deutlich unbequemer werden

Nach Jahren des Aufwinds im Radsport mit neuen Sponsoren und neuen Rennen ist der Aufschwung plötzlich wieder in Gefahr. Denn es drängt sich ein Verdacht auf: Wie können denn einerseits die Profis Diego Ulissi mit 1900 Nanogramm und Alessandro Petacchi mit 1320 Nanogramm Salbutamol in ihren Dopingproben gesperrt werden und Chris Froome mit 2000 Nanogramm freigesprochen? Beugt die UCI da die eigenen Regeln für ihren größten Star, ganz wie es offenbar in früheren Zeiten mit Lance Armstrong geschah? Und wozu gibt es Grenzwerte für leistungssteigernde Mittel, wenn diese Grenzen dann doch weit überschritten werden dürfen? Lädt man dadurch nicht auch andere zum Dopen ein? Mit der ewigen Hängepartie und dem Kurz-vor-knapp-Freispruch ohne stichhaltige Begründung hat sich der Radsport einmal mehr selbst geschadet.

Die Redaktion empfiehlt