Ralph Denk: ″Es wird eine sehr offene Tour de France″ | Sport | DW | 05.07.2018
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Interview

Ralph Denk: "Es wird eine sehr offene Tour de France"

Am Samstag startet die 105. Auflage der Tour de France. Ralph Denk, Chef des deutschen Rad-Teams Bora-hansgrohe, spricht im DW-Interview unter anderem über seine Erwartungen an die Tour und den Fall Froome.

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Ralph Denk: "Chris Froome hat Körner gelassen"

DW: Ralph Denk, eine Tour mit nur acht Fahrern pro Team - ist das ein taktisches Problem für Ihre Mannschaft?

Ralf Denk: Nein, eher für die Leute, die für die Aufstellung zuständig waren. Sie konnten nicht mehr neun Fahrer auswählen, sondern mussten sich für acht entscheiden. Wir mussten harte Entscheidungen treffen und Leute zu Hause lassen, die es eigentlich verdient hätten, dabei zu sein. Aber acht Fahrer pro Mannschaft bedeuten ein kleineres Fahrerfeld insgesamt und weniger taktischen Spielraum für die Teams. Ich denke, dadurch wird die Spannung gefördert, und das tut uns gut. 

Sie wollen mit Peter Sagan ins Grüne Trikot, mit Rafal Majka in die Top 5, dazu mindestens ein Etappensieg - droht ihrem Team in Frankreich die Zerreißprobe?

Wir haben bei den Bergfahrern Abstriche gemacht. Wenn man sich die letzten Jahre bei der Tour oder andere Rennen anschaut, fahren am letzten oder vorletzten Berg der Bergetappen die Favoriten mehr oder weniger isoliert - bis auf die ganz starken Mannschaften wie das Team Sky, die noch zwei oder drei weitere Fahrer [in der Spitzengruppe - Anm. der Red.] mit dabei haben.

Wir haben mit Rafal Majka ganz offen gesprochen und ihm klargemacht, dass er noch nie auf dem Podium stand und wir ihm deswegen nicht fünf oder sechs, sondern nur zwei Bergfahrer an die Seite stellen. Damit kommt er klar, aber es wird sicher Situationen geben, in denen Rafal am Berg alleine auf sich gestellt ist. 

Tour de France 2014 17. Etappe 23.7.2014 Polen Rafal Majka (Reuters)

Rafal Majka war 2014 und 2016 der beste Bergfahrer der Tour de France

Zum Auftakt winkt das Gelbe Trikot, ist das ein großes Ziel für Ihr Team?

Nein, es ist kein großes Ziel, weil wir für die erste Etappe mit Peter Sagan nicht Topfavorit sind. Peter hat eher Qualitäten, wenn es um Ausdauer geht oder kupiertes Gelände [mal flach, mal mit Steigungen oder Abfahren]. Es ist eine relativ flache Etappe, und jeder ist noch frisch. So sehe ich als Favoriten eher [die Sprinter] Marcel Kittel oder Fernando Gaviria und nicht uns.

Ihr Team hat eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht: Vom Außenseiter zu einem der größten im Peloton. Wie war das möglich?

Es ist meine Philosophie, dass beides passen muss: Man muss gute Fahrer haben, eine gute interne Teamstruktur und gute Trainer, aber man muss auch für Sponsoren interessant sein. Man muss mit den Sponsoren Konzepte erarbeiten, damit sie den Mehrwert sehen und bei uns auch investieren. Schlussendlich braucht man eben auch die wirtschaftliche Grundlage, um Radsport auf höchstem Niveau zu betreiben. Ich denke, es ist meinem Team und mir gut gelungen, sowohl das Interesse der Sponsoren wahrzunehmen, aber auch in den Sport und in die Entwicklung der Fahrer zu investieren. 

Paris-Roubaix: Weltmeister Sagan triumphiert (Getty Images/AFP/J. Pachoud)

Peter Sagan gewann in diesem Frühjahr bereits den Klassiker Paris-Roubaix

Wird die Tour in der ersten Woche im Schatten der Fußballball- WM stehen?

Klar wäre es schöner gewesen, wenn es keine Überlappung mit dem Fußball gegeben hätte. Aber es ist nun einmal so, dass Fußball aus medialer Sicht das größere Event ist. Aber es würde mich freuen, wenn sich die Medien speziell in Deutschland auch mit Radsport und der Tour de France befassen, zumal die deutsche Mannschaft in Russland ja nicht mehr dabei ist.

Toursieger Chris Froome darf nun in Frankreich starten, trotz eines auffälligen Dopingtests bei der Spanien-Rundfahrt 2017. Finden Sie das fair?

Ich finde es gut, dass der Fall vor der Tour gelöst worden ist. Die UCI [der Radsport-Weltverband] hat ein Urteil gefällt: Freispruch. Ich will betonen, dass die UCI ein Abkommen mit der WADA [Welt-Anti-Doping-Agentur] hat. Die WADA hat den Freispruch kontrolliert und trägt ihn mit. Somit haben wir zwei Instanzen, die sagen: 'Da war nichts, Froome wird freigesprochen.' Ich bin froh, dass es geklärt ist.

Frankreich Tour de France 2017 | Christopher Froome (REUTERS)

Nach 2013, 2015, 2016 und 2017 strebt der Brite Christopher Froome seinen fünften Tour-Sieg an

In der Vergangenheit wurden Fahrer mit einer geringeren Salbutamol-Konzentration gesperrt, Chris Froome aber wurde freigesprochen. Misst die UCI hier mit zweierlei Maß?

Das glaube ich nicht. Wenn die UCI mit zweierlei Maß messen würde, würde die WADA einhaken und sagen: 'Liebe UCI, so geht es nicht! Wir bringen den Fall vor den CAS [Internationaler Sportgerichtshof].' Stattdessen trägt die WADA die Entscheidung der UCI mit. Somit muss die Verteidigung von Team Sky und Froome plausibel sein. 

Die Affäre um Froome auf der einen Seite, neue Sponsoren und neue Rennen auf der anderen Seite: Wo steht der Radsport 2018?

Global gesehen haben wir eine große Wahrnehmung. Das ist schön und auch im Sinne unserer Partner, die den Radsport in Sachen Vermarktung durch die globale Brille sehen. Durch die deutsche Brille würde ich mir noch mehr Aufmerksamkeit wünschen. Ich finde, in Deutschland sind es nicht nur wir Radsportler, sondern alle Sommersportarten, die vom Fußball fast erdrückt werden.

Was erwarten Sie für eine Tour?

Ich denke, es wird eine sehr offene Tour. Chris Froome ist ja schon den Giro d'Italia gefahren und hat ihn auch gewonnen. Ich glaube, dass er dabei Körner gelassen hat und dadurch andere Fahrer wie hoffentlich auch unser Rafal Majka die Chance haben, ihn anzugreifen. Ich würde mich freuen, wenn das Team Sky nicht so klar dominieren würde wie in den letzten Jahren.

Der ehemalige Amateur-Radrennfahrer Ralph Denk ist Teamchef der deutschen Profi-Mannschaft Bora-hansgrohe. Der 44-Jährige aus Bad Aibling in Bayern gründete das Team 2010. Seitdem wechselte das Team mehrfach den Sponsor und damit auch seinen Namen. Bei Bora-hansgrohe stehen unter anderen der Slowake Peter Sagan und der Pole Rafal Majka unter Vertrag. Sagan wurde seit 2015 dreimal in Serie Weltmeister und gewann insgesamt fünfmal das Grüne Trikot der Tour de France, Majka sicherte sich zweimal das gepunktete Bergtrikot der Frankreich-Rundfahrt.

Das Interview führte Joscha Weber.

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