Kommentar: Der Traum vom guten Netz | Kommentare | DW | 26.11.2019
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Internet

Kommentar: Der Traum vom guten Netz

Mit schärferen Gesetzen sollen Regierungen gegen den Missbrauch des Internet vorgehen, schlägt Sir Tim Berners-Lee vor, der "Vater des World Wide Web". Doch gerade er sollte es besser wissen, meint Konstantin Klein.

Portugal Web Summit 2018 | Tim Berners-Lee (picture-alliance/dpa/P. Fiuza)

Tim Berners-Lee - gerne gesehener Redner auf vielerlei Konferenzen zur Zukunft des Internet

Der Elfenbeinturm ist die Metapher eines geistigen Ortes der Abgeschiedenheit und Unberührtheit von der Welt. Dieser Satz - man muss es zugeben - ist 1:1 aus der deutschsprachigen Wikipedia abgeschrieben, der anerkannten Quelle soliden Halbwissens im Internet. Und besagter Elfenbeinturm wird oft, im Journalismus ebenso gerne wie außerhalb, als Symbolbild für das mentale Zuhause weltentrückter Wissenschaftler herangezogen.

Womit alle notwendigen Bausteine - Wissenschaft, Internet, Weltfremdheit - beisammen wären, um über die Idee nachzudenken, die Sir Tim Berners-Lee auf dem Internet Governance Forum (IGF) in Berlin vorgestellt hat: die Initiative für ein besseres Netz, den "Vertrag für das Internet". Aber der Reihe nach.

Die Architektur des Internets: ein Bastard

Das Internet ist älter, als die meisten Netzbürger es sich vorstellen können. Das Konzept vom vernetzten Wissen und Denken geht zurück auf Ideen des Ingenieurs und Präsidentenberaters Vannevar Bush aus den 1940er-Jahren, die Umsetzung als verteiltes Netz von Servern stammt aus den 1960er-Jahren und ist ein uneheliches Kind - manche sagen auch "Bastard" zu so etwas - von Wissenschaft und Militär. Beides, Konzept wie Architektur, sind der Grund dafür, weshalb Veranstaltungen wie das IGF und Berners-Lees Initiative überhaupt nötig geworden sind, aber auch schuld daran, dass die positiven Folgen der Initiative von Sir Tim nicht über den Ausdruck des guten Willens hinausgehen können.

Kommentarbild Klein Konstantin

DW-Redakteur Konstantin Klein

Einer, der das am besten weiß, ist Berners-Lee selbst. Auf seine Arbeiten geht das World Wide Web zurück, der Teil des Netzes, den wir heute als "das Internet" wahrnehmen. Seine ursprüngliche Idee - und hier kommt wieder der Elfenbeinturm aus dem ersten Absatz ins Spiel - war die Antwort auf die Frage, wie seine Forscherkolleginnen und -kollegen bei der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) ihre Ideen und Ergebnisse unbehindert durch Dienstwege und Hierarchien miteinander austauschen können. Die ersten Menschen im WWW waren also mehr durch gemeinsame als durch unterschiedliche Interessen motiviert - nicht unbedingt die Art von Gesellschaft, der wir heute in Sozialen Medien und an anderen Orten im Netz begegnen.

Das Netz schützen - geht das eigentlich?

"Wenn wir jetzt nicht handeln, gemeinsam handeln, um das Netz vor jenen zu schützen, die ausbeuten, spalten und untergraben, dann riskieren wir, sein Potenzial für das Gute zu vergeben", hat Berners-Lee in seinem Vertragsvorschlag erklärt. Schade, dass es keine technische Möglichkeit gibt, jene, die ausbeuten, spalten und untergraben, am Ausbeuten, Spalten, Untergraben und vor allem Beeinflussen zu hindern.

Dafür sorgt das militärische Erbgut des Internet. Aus Gründen der Betriebssicherheit selbst im Falle eines Atomkrieges wurde es als "unkaputtbares" Netz entworfen: Zu den Grundfunktionen des Internet gehört, dass es seinem Nutzer immer einen Weg zu den gesuchten Informationen bahnt, auch um Störungen, Sperren und Blockaden herum. Diese Eigenschaft ist der Grund, weshalb Staaten wie Russland und China immensen technischen Aufwand betreiben müssen, um ihren Bürgern den Zugang zu unliebsamen Informationen aus dem Ausland zu versperren, und damit doch nie hundertprozentigen Erfolg haben - dank frei verfügbarer Technologien wie Virtuellen Privaten Netzen (VPN) oder Tor. Die "iranische Lösung", einfach das ganze Land vom Netz zu trennen, ist für Global Player in einer vernetzten Welt ohnehin kein gangbarer Weg.

Der Mensch ist eben so und fällt auf jeden Mist herein

Das Problem liegt nicht darin, dass es zu wenig wirkungsvolle Regeln für ein besseres Netz gibt. Das Problem liegt in der Natur des Menschen, der, leichtgläubig, denkfaul und von Vorurteilen gelenkt, auf jeden Mist hereinfällt, wenn er nur verlockend genug präsentiert wird. Das haben soziale Netzwerke überall auf der Welt erkannt und nützen es zum Wohle des eigenen Umsatzes oder auch im Interesse ihrer politischen Herren und Meister aus.

IGF-Teilnehmer wie das Plenum der Jugend-IGF, aber auch Siemens-Chef Joe Kaeser sprechen dabei den eigentlichen Knackpunkt an, wenn sie - neben einem verbesserten Schutz sensibler Daten - einen allgemein durchsetzbaren Anspruch auf Transparenz bei der Erhebung und Nutzung dieser Daten fordern. Die Erfahrung gerade der vergangenen Jahre zeigt aber, dass die so gewonnenen Erkenntnisse, wenn sie erst einmal vorliegen, an den Fans von Verschwörungstheorien und Pöbelei im Netz spurlos vorbeigehen werden. Denn Fakten sind ja so langweilig.

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