Kommentar: Der perversen Logik des religiösen Terrors widerstehen | Kommentare | DW | 24.04.2019
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Sri Lanka

Kommentar: Der perversen Logik des religiösen Terrors widerstehen

Die Zahl der Terrortoten von Sri Lanka steigt weiter an. Bei aller verständlichen Wut und Trauer - der Ruf nach Rache wäre genau das, was die Täter wollen, meint Felix Steiner.

Police officers work at the scene at St. Sebastian Catholic Church in Negombo (Reuters/A. Perawongmetha)

Bombensplitter über dem Altar von St. Sebastian in Negombo - eine der drei angegriffenen Kirchen in Sri Lanka

Natürlich waren die Anschläge von Sri Lanka gezielt gegen Christen gerichtet. Was denn sonst, wenn Attentäter sich am höchsten christlichen Feiertag mitten in drei vollbesetzten Kirchen in die Luft sprengen, sowie in Luxushotels, die in erster Linie von Touristen aus der christlich geprägten westlichen Welt besucht werden?

Vieles andere ist dagegen bis zur Stunde immer noch fragwürdig. Ob es sich zum Beispiel wirklich um ein Werk des IS handelt, wie die Terrorgruppe drei Tage nach der Tat behauptet; bisher hatte der IS solche Taten immer viel schneller für sich reklamiert - selbst wenn sich später herausstellte, dass es gar keine Kontakte zum Täter gegeben hatte. Oder ob der Massenmord vom Ostersonntag tatsächlich eine gezielte Vergeltung für den Anschlag von Christchurch war, wie die Regierung von Sri Lanka inzwischen zu wissen glaubt.

Zweifel an der "Vergeltung" sind angebracht

Daran haben internationale Terrorexperten nämlich begründete Zweifel. Denn für die Vorbereitung einer solchermaßen choreografierten Anschlagsserie braucht es deutlich mehr Vorlauf als die fünfeinhalb Wochen, die seit dem Massaker in Neuseeland vergangen sind.

Steiner Felix Kommentarbild App

DW-Redakteur Felix Steiner

Für die inzwischen mehr als 350 Todesopfer spielt das alles keine Rolle. Genauso wenig wie für die 50 Muslime, die am 15. März von einem rechtsradikalen Irren beim Freitagsgebet in zwei Moscheen in Christchurch erschossen worden sind. Die allermeisten von ihnen wollten ganz einfach nur ungestört ihre Religion ausüben, ihren Glauben leben - so wie es das Grundrecht eines jeden Menschen ist.

Der brutale Tod all dieser Menschen erscheint auch deswegen so unverständlich und sinnlos, weil es weder auf Sri Lanka Religionskonflikte gibt, an denen Christen beteiligt wären, noch in Neuseeland Probleme mit der muslimischen Minderheit bekannt sind. Hier wie dort haben Fanatiker gewütet, die genau den Kampf der Kulturen und Religionen herbeibomben und -schießen wollen, als dessen Opfer sie sich selbst betrachten. Nur: Die tatsächlichen Opfer - die Toten und Verletzten von Sri Lanka, Neuseeland und inzwischen unzähligen anderen Orten - haben mit diesem Kampf rein gar nichts zu tun. Wollten ihn nicht. Haben weder Kampf noch Krieg gesucht, sondern, wie jeder normale Mensch, einzig und allein ihr privates Glück.

Trauer, Gebet und Polizeiarbeit

Die Logik der Terroristen (ist es überhaupt eine?) lässt sich mit rationalen Mitteln nicht erschließen. Deswegen braucht man mit diesen Menschen gewiss keinen Dialog zu führen (worüber auch?), darf ihnen aber auch nicht auf den Leim gehen, indem man ihre perverse Freund-Feind-Weltsicht übernimmt. Allein Trauer ist angesichts dieses Wahnsinns angebracht. Wer es kann, soll auch gerne für Opfer und Täter beten. Worin hingegen läge der Sinn - wie es bereits von sich besonders fromm wähnenden kirchlichen Kreisen gefordert wird - die Opfer vom Ostersonntag allesamt und sofort heilig zu sprechen? Zum Glück hört auch der Papst in Rom nicht nur auf jene, die sich für seine treuesten Anhänger halten.

Racherufe und Märtyrerkult - das genau ist es, worauf die Drahtzieher des religiös verbrämten Terrors hoffen. Um damit dann die nächsten Taten zu rechtfertigen. Nein, diesen Gefallen sollte ihnen niemand tun. Eine bessere Polizei- und Geheimdienstarbeit hingegen ist aller Mühen wert. Denn was oftmals genauso verstört, wie die grausamen Anschläge selbst: wieviel die Behörden im Vorfeld schon wussten, den Massenmord aber doch nicht verhindern konnten.

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