Kommentar: Der Klimawandel und die Katastrophe von Norilsk | Kommentare | DW | 06.06.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Russland

Kommentar: Der Klimawandel und die Katastrophe von Norilsk

Die eigentliche Ursache für die Umweltkatastrophe mit 20.000 Tonnen ausgelaufenem Diesel in Sibirien ist das Tauen des Permafrost wegen der Erderwärmung. Aber kaum jemand in Russland will das hören, meint Andrey Gurkov.

Russland Norilsk Ölkatastrophe (picture-alliance/dpa/Press-service of Nornickel)

Es wird versucht, das ausgelaufene Dieselöl aus den verseuchten Flüssen abzupumpen

Der ausgelaufene Diesel aus dem Tanklager eines Kraftwerks im ostsibirischen Norilsk, der für ihre Nickelproduktion bekannten weltweit größten Industriestadt nördlich des Polarkreises, bedroht das empfindliche Ökosystem in diesem Teil der Arktis. Vom Ernst der Lage zeugt eine vom russischen Präsidenten Wladimir Putin eigens einberufene Videokonferenz am 3. Juni, auf der der föderale Notstand ausgerufen wurde. Mit anderen Worten: Es geht um ein Desaster von nationaler Tragweite.

Nun gilt es zu verstehen, worin das eigentliche Übel besteht. In den russischen wie auch internationalen Medien ist meistens von einem "Diesel-Austritt" die Rede. Das ist in der Sache korrekt und beschreibt die unmittelbare Bedrohung für die Umwelt. Allerdings kann diese Formulierung zum Trugschluss führen, es handele sich hier um einen typischen Industrieunfall: Die Verantwortlichen vor Ort haben nachlässig ein Leck übersehen und versuchten den Vorfall danach tagelang zu vertuschen. So etwas kann ja überall passieren. 

Die Folge eines globalen Problems

Doch das Grundproblem bei dieser Katastrophe hat eine ganz andere Dimension: Da ist etwas passiert, was einerseits einen ganz spezifischen sibirischen Bezug hat, andererseits aber gleichzeitig ein sehr ernstes globales Problem darstellt. Wir haben es hier nämlich mit den verheerenden Folgen des Tauens von Permafrost infolge der Erderwärmung zu tun. 

Gurkov Andrey Kommentarbild App

DW-Redakteur Andrey Gurkov

Denn es war kein "gewöhnliches" Leck, aus dem der Diesel in die Tundra strömte. Auf der Konferenz mit Putin meldete der russische Minister für Katastrophenschutz, die Ursache für das Auslaufen sei, nach vorläufigen Kenntnisstand, das Absacken der Stelzen im Fundament des Tanklagers. Das ist ein klarer Hinweis darauf, dass der Dauerfrostboden unter diesen Stelzen aufgetaut war, was die Statik buchstäblich ins Wanken brachte. Aber dieser Aspekt wurde weder vom Präsidenten noch von den anderen Teilnehmern irgendwie weiter thematisiert.

Stattdessen konzentrierte man sich voll und ganz auf den Kampf gegen die Umweltkatastrophe, was sogar verständlich ist: Das Gebot der Stunde ist zweifellos, den Diesel zu stoppen, einzugrenzen, abzusaugen, zu entsorgen. Sollte aber die russische Staatsführung auch weiterhin die eigentliche Ursache des Desasters ausklammern, wird der jetzige Großeinsatz in Norilsk auf das Behandeln von Symptomen hinauslaufen, aber nicht zur Heilung der Krankheit führen.

Das Grundübel ist das Tauen des Permafrostes

Dabei ist es eine sehr gefährliche und in Russland möglicherweise bereits verschleppte "Krankheit" - internationale Wissenschaftler warnen vor ihr schon seit Jahren. "Stellen Sie sich vor, dass die Böden, auf denen Häuser und Fabriken stehen, auf denen Straßen, Bahngleise und Pipelines verlegt wurden, jedes Jahr um mehrere Zentimeter absacken",beschrieb Ende 2018 im DW-Gespräch der Leipziger Geograf Mathias Ulrich das Problem, der im ostsibirischen Jakutien den tauenden Permafrost erforscht.

Mehr als die Hälfte der Landfläche Russlands wird vom Permafrost unterlagert, unterstrich er damals. Deshalb werden dort Gebäude und andere Objekte der Infrastruktur auf Stelzen gestellt, denn im Sommer taut die obere Schicht der Böden auf, um im Winter wieder zu gefrieren. Doch vielerorts schrumpft die Dauerfrostschicht zusehends. Diesen Prozess habe der menschgemachte Klimawandel nun radikal beschleunigt, so der deutsche Forscher.

Russland will vom menschengemachten Klimawandel nichts wissen

Angesichts der jetzigen Ökokatastrophe in Norilsk verweisen auch russische Experten und Umweltaktivisten auf mehrere Jahre "unnatürlich warmen Wetters" in Sibirien und auf "absackende Objekte" wegen tauender Permafrostböden in anderen Städten im russischen Norden. Dabei wird gelegentlich auch der Ausdruck Klimawandel verwendet, man vermeidet es aber, ihn als menschengemacht zu bezeichnen.

Von der Mitschuld des Menschen an der Erderwärmung will man nämlich Russland, das seinen relativen Wohlstand hauptsächlich den fossilen Energieträgern Öl, Erdgas und Kohle verdankt, nach wie vor nichts wissen. "Leiden und leugnen" heißt wohl die Devise, schrieb ich vorigen Sommer über die beharrliche Weigerung der russischen Bevölkerung, einen Zusammenhang zwischen den Wetterextremen in Sibirien, die zu tödlichen Überschwemmungen und Waldbränden führten, und dem globalen Klimawandel zu sehen.

Es muss Vorsorge getroffen werden

Bei dem jetzigen "Diesel-Austritt" in Norilsk ist es bisher nicht anders. Bleibt die Hoffnung, dass diese Umweltkatastrophe die russische Gesellschaft wenigstens für das Problem des tauenden Permafrostes sensibilisiert und sie zum Handeln bewegt: wenn nicht zum aktiven Klimaschutz (daran ist vorerst wohl nicht zu denken), so doch zumindest zu Vorsorgemaßnahmen gegen weitere Vorfälle dieser Art.

Denn die große Mehrheit der Wohngebäude und Industrieanlagen im russischen Norden steht auf Stelzen, die noch zu Zeiten der Sowjetunion in das heutzutage nicht mehr ewige Eis gerammt wurden.

Audio und Video zum Thema

Anzeige