Kommentar: Das Böse ist weg - was nun? | Kommentare | DW | 07.06.2018
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Kommentar

Kommentar: Das Böse ist weg - was nun?

Bayer, der Chemiegigant, schluckt Monsanto und lässt den Namen verschwinden. Ein Name, der vielen ein Synonym für das Böse schlechthin war. Dann ist doch alles gut, oder? Ein Kommentar von Henrik Böhme.

Endlich sorgt mal wieder ein deutsches Unternehmen für fette Schlagzeilen auf den Wirtschaftsseiten und an den Finanzplätzen dieser Welt. Im Gegensatz zu den Dieselgates der deutschen Autobauer und dem Absturz der Deutschen Bank sind es dieses Mal sogar gute Nachrichten: Der Chemie- und Pharmakonzern Bayer sorgt für einen der größten Deals des Jahres. Für umgerechnet 56 Milliarden Euro verleiben sich die Leverkusener den US-Saatgutriesen Monsanto ein. Und: Es ist die größte Übernahme, die ein deutscher Konzern je im Ausland durchgezogen hat. Bei der Finanzierung nicht dabei war übrigens die Deutsche Bank. Aber das ist eine andere Geschichte. 

Ein Hassobjekt verschwindet

Wenn große Dinge wie diese passieren, dann ist auf eines Verlass: Auf die große Schar der Kritiker, die sich hierzulande zusammenfindet und alles Mögliche daran auszusetzen hat. Am Kapitalismus im Allgemeinen, an Monsanto und der Gentechnik im Speziellen - und dass beides zusammen am Leid der Bauern in den Entwicklungsländern schuld ist. Da entstehe ein Monopol, das den Landwirten auf der Welt keine Auswahl mehr lasse. Bayer verleibe sich ein Schmuddelkind ersten Ranges ein und versaue sich sein eigenes Image. Bei jeder passenden Gelegenheit fand sich eine Handvoll Demonstranten ein, die Schilder hochhielten, auf denen stand: "Monsanto = Böse". Praktisch jedes Vorurteil ließ sich wunderbar auf die geplante Megafusion übertragen.

Klar, Monsanto war (muss man ja jetzt sagen) ein Hassobjekt. Der Konzern aus St. Louis/Missouri hat nichts ausgelassen, wenn es um seine Produkte ging. Da wurden Untersuchungsergebnisse geschönt oder gar gefälscht und Mitarbeiter von Zulassungsbehörden geschmiert. Für das schlechte Image sorgten Skandale, Rechtsstreitigkeiten und wirkliches Fehlverhalten - aber eben auch: Vorurteile. In Deutschland ist es zum Beispiel die grassierende Angst vor der Gentechnik. Woher diese Angst kommt, weiß keiner, denn die Wissenschaft bemüht sich nach Kräften, den Leuten diese Ängste zu nehmen. Aber vergeblich, denn "die sind sowieso alle von Monsanto gekauft", heißt es dann.

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Monopol statt Vielfalt?

Bei den Landwirten ist das Bild ähnlich gespalten: Die einen finden den Unkrautvernichter Roundup (das Zeug mit dem Glyphosat) und das dazu passende Saatgut perfekt, weil auch unter schwierigen klimatischen Bedingungen etwas wächst, was man ernten kann. Für andere ist es ein Teufelszeug, weil es uns alle zu Mutanten macht. Und wenn nun Bayer Monsanto schluckt, dann verschwindet zwar der Name, aber Glyphosat (oder besser Roundup) bleibt. Bleiben werden auch Sammelklagen von US-Bauern, die gegen Monsanto anhängig sind: Die Kläger sagen, Roundup mache krank und fordern Schadensersatz. Bekommen sie Recht, hat Bayer ein Problem.

Dann ist da die Sache mit dem vermeintlichen Monopol: Bayer kommt nach der Fusion auf ein Viertel des Weltmarktanteils, das ist kein Monopol. Es teilt sich den Markt mit drei weiteren Konzernen, die sich ihrerseits Partner gesucht haben. Ja, es stimmt: Vor einigen Jahren gab es noch sieben große Agrochemie-Konzerne, jetzt noch vier. Und ja, Bayer wird der weltgrößte Anbieter von Saatgut und Pflanzenschutzmitteln. Aber die Wettbewerbsbehörden in immerhin 30 Ländern haben sich den Bayer-Monsanto-Deal extrem akribisch angeschaut, jede einzelne hatte Forderungen, welche Geschäftsteile Bayer zu verkaufen habe, damit eben weiterhin Wettbewerb möglich ist. Die Leverkusener ihrerseits haben geschätzte 40 Millionen Blatt Papier allein in Brüssel und Washington eingereicht, um die Kartellwächter vom Deal zu überzeugen.

Ein großes Versprechen

Bayer und Monsanto: Nun ist der Deal durch, im Stillen von den Hausjuristen unterschrieben und veröffentlicht. Keine Party, keine Konzernchefs, die von einer "Hochzeit im Himmel" faseln. Das zeigt, dass Bayer wohl weiß, worauf man sich einlässt. "Wir werden unserer Verantwortung gerecht gegenüber Landwirten, Verbrauchern und der Umwelt", hat Bayer-Chef Werner Baumann dieser Tage versprochen. Und Transparenz dazu.

Nach 117 Jahren verschwindet nun also der Name Monsanto. Zunächst von den Kurszetteln der Börse. Das geht schnell. Aus den Köpfen der Menschen? Das wird dauern. Der Schar der Kritiker ist das Symbol des Bösen abhanden gekommen. Es liegt am Management von Bayer zu beweisen, dass man das Böse auch tatsächlich besiegen kann.    

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