Kommentar: Dann eben keine G7-Gipfel mehr | Kommentare | DW | 11.06.2018
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Eklat beim G7-Gipfel

Kommentar: Dann eben keine G7-Gipfel mehr

Wem sollen Eklats wie der vom Samstag in Kanada eigentlich dienen? Dann besser gleich auf die ganze Gipfelei verzichten. Das Format hat sich ohnehin schon seit mehr als einem Jahrzehnt überlebt, meint Felix Steiner.

Angela Merkel und Emmanuel Macron sollten die Sache einfach in die Hand nehmen und gemeinsam den Verzicht auf weitere G7-Gipfel ausrufen. Wer könnte ihnen dieses Recht streitig machen? Da die Weltwirtschaftsgipfel, wie die jährlichen Treffen der Chefs der größten Industrienationen früher hießen, auf eine Idee des deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt und des französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing zurückgehen, liegt das Urheberrecht ja zweifelsfrei bei den gewählten Amtsnachfolgern.

Inszenierung statt vertrauliches Kamingespräch

Der Verzicht auf das Mega-Event wäre gewiss kein Verlust für die Menschheit - von der ursprünglichen Idee des vertraulichen Kamingesprächs jenseits aller protokollarischen Zwänge, wie es 1975 zum ersten Mal stattgefunden hat, ist ohnehin nichts mehr übrig geblieben. Stattdessen jedes Jahr ein Auflauf von über 1000 Journalisten, aus Angst vor Demonstranten an einem möglichst abgelegenen Ort, die jede Geste und jeden Gesichtsausdruck der Großen Sieben live interpretieren.

Und weil die Regierenden das wissen, inszenieren sie sich - senden Bilder von sich in die Welt, die vor allem das heimische Wahlvolk beeindrucken sollen. Welch unterschiedliche nationale Wahrnehmungen der identischen Szenerie dabei entstehen, war selten so schön zu beobachten wie bei diesem Gipfel.

Unkonkrete Abschlusserklärung

Dann diese diplomatisch lang verhandelte und deswegen reichlich unkonkrete Abschlusserklärung, die schon seit vielen Jahren zum Gipfel gehört: Ob die nun von allen unterschrieben wird oder nicht, verändert den Lauf der Welt in keiner Weise. Ohnehin fragt man sich, ob in den wenigen Stunden, die so ein Gipfel hat, wirklich um den Plastikmüll im Meer oder das Unternehmertum von Frauen in Entwicklungsländern gefeilscht werden muss. Beides ohne Frage wichtige Themen - aber in diesem Kreis? Gibt es da nicht geeignetere Foren im Rahmen der Vereinten Nationen?

Steiner Felix Kommentarbild App

DW-Redakteur Felix Steiner

2007 in Heiligendamm räsonierten die Staatenlenker über den Klimawandel - obwohl es die jährliche Weltklimakonferenz längst gab. Die acht Wochen später beginnende Weltfinanzkrise sah hingegen keiner kommen. Ökonomen nennen so etwas die Vernachlässigung des Kerngeschäftes. Und das führt meistens direkt in die Insolvenz.

Ohnehin hält der Name G7 der Realität längst nicht mehr stand: An Stelle von Italien und Kanada müssten seit Jahren Indien und vor allem China am Konferenztisch der wirklich Großen Sieben sitzen. Deswegen wurden für weltwirtschaftliche Konsultationen nach der Finanzkrise eigens die G20 aus der Taufe gehoben - weil es ohne die stark gewachsenen Schwellenländer gar nicht mehr geht. Die G7 hätten sich eigentlich damals schon auflösen können, haben aber - überzeugt von ihrer eigenen Wichtigkeit - einfach einen Kunstgriff vollzogen und sich flugs zur "Wertegemeinschaft" umdefiniert. Was genauso albern ist wie bei der NATO, die bei allem Gerede von gemeinsamen Werten weder mit der griechischen noch den diversen türkischen Militärdiktaturen je ein Problem hatte.

Baldige Kurskorrektur nicht absehbar

Nein, NATO wie G7 sind punktuelle Interessensgemeinschaften. Und die USA als das mächtigste Mitglied in beiden Clubs haben sich - demokratisch legitimiert - nun zu einer Neudefinition ihrer Interessen in der Handelspolitik entschlossen. Donald Trumps Wähler goutieren die Politik ihres Präsidenten ausweislich aktueller Umfragen. Insofern ist eine baldige Kurskorrektur nicht absehbar - so sehr man sich das diesseits des Atlantiks auch wünschen mag.

Damit hat G7 spätestens jetzt seine Geschäftsgrundlage verloren - alles andere war ohnehin nur schmückendes Beiwerk ohne wirklichen Nutzwert. Ein Abbruch der transatlantischen Verbindungen ist das mitnichten - Konsultationsforen auf anderen Ebenen gibt es noch reichlich. Aber Angela Merkel hat sicherlich recht, wenn sie nun betont, dass es jetzt mehr denn je auf Einigkeit in der EU ankomme. Ein Appell, der in erster Linie an sie selbst geht: Denn sie weiß sicher selbst am besten, wie viel von den gegenwärtigen Verwerfungen in der EU durch ihre Politik und die von ihr geführten Bundesregierungen ausgelöst wurden.

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