Kommentar: Gegen ein Tempolimit - Die Volkserzieher | Kommentare | DW | 27.01.2019
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Contra Tempolimit

Kommentar: Gegen ein Tempolimit - Die Volkserzieher

Dem Klimaschutz hilft der Verzicht auf schnelles Autofahren überhaupt nicht. Da müssten ganz andere Maßnahmen ergriffen werden, meint Felix Steiner. Und macht auch gleich einige deutlich wirksamere Vorschläge.

Deutschland empfohlene Richtgeschwindigkeit 130 (picture-alliance/dpa/G. Breloer)

Richtgeschwindigkeit 130 auf deutschen Autobahnen - so ist es bisher

Seit einigen Tagen laufen sie in Deutschland wieder zu Hochform auf - die ideologiegetriebenen Volkserzieher und Gesellschaftspädagogen. Der Anlass - wie könnte es anders sein - ist wieder einmal der Klimawandel. Der Verkehr, so der Befund, leistet bislang keinen Beitrag zur Reduktion der Treibhausgase. Ihr Ausstoß ist heute noch genau so hoch wie schon 1990.

Dass sich das ändern soll - einverstanden. Aber dass eine der ersten und entscheidenden Maßnahmen ein Tempolimit auf Deutschlands Autobahnen sein soll, ist schlicht ein Witz. Denn eine Studie des Kraftfahrbundesamtes sagt klipp und klar: Ein solcher Schritt bringt wenig bis gar nichts.

Und weil das so ist, werden allerlei Hilfsargumente bemüht. Rasen tötet, heißt es zum Beispiel. Dabei sind Autobahnen die sichersten Straßen in Deutschland - nirgendwo sterben weniger Menschen. Auf Landstraßen und im Stadtverkehr trotz Tempobegrenzung jedenfalls deutlich mehr. Dann der Verweis auf die Weltgemeinschaft: Nur in Somalia und Burkina Faso gebe es ebenfalls kein Tempolimit. Aha. Entscheidender ist doch viel mehr: Obwohl es auf Frankreichs und Österreichs Autobahnen streng kontrollierte Geschwindigkeitsgrenzen gibt, sterben dort dennoch mehr Menschen als in Deutschland.

Fakten zum wirklichen Klimaschutz

Wem es also wirklich um den Klimaschutz geht, der sollte sich an die Fakten halten: Die meisten Schadstoffe stoßen Fahrzeuge aus, wenn sie gar nicht fahren - im Stau nämlich. Stauvermeidung wäre demnach der beste Klimaschutz. Mehr und breitere Straßen also - ob das die Deutsche Umwelthilfe oder die Grünen hören wollen?

Steiner Felix Kommentarbild App

DW-Redakteur Felix Steiner

Wenn der Schadstoffausstoß des Verkehrs seit 1990 nicht gesunken ist, dann hat das vor allem zwei Gründe. Zum einen der Güterverkehr: Die Zahl der durch Deutschland fahrenden Lastwagen hat sich seither mehr als verdreifacht. Dabei ist mehr als jeder vierte Brummi leer. An einem besseren Frachtmanagement sowie dem Schadstoffausstoß der 40-Tonner arbeiten - so ließen sich Erfolge erzielen!

Zum anderen der Flugverkehr - auch der wächst überproportional. Warum? Weil das Fliegen immer billiger wird. Für 19,90 Euro nach Mallorca oder zum Wochenendtrip nach London oder Rom - alles kein Problem. Dabei weiß jeder, der sich ein wenig in der Materie auskennt, dass der CO2-Ausstoß über den Wolken wesentlich klimarelevanter ist als jener am Boden. Also vielleicht doch mal besser über eine Steuer für Flugbenzin nachdenken?

Zu guter Letzt die naive Hoffnung, aufgrund eines Tempolimits würden sich die Menschen für den Kauf kleinerer und verbrauchsärmerer Autos entscheiden. Ja, man kann den Trend zu immer schwereren und PS-stärkeren Autos kritisieren. Aber wenn die Politik das ändern will, dann soll sie eben eine SUV-Steuer einführen oder die Mineralölsteuer erhöhen. Wer viel verbraucht, zahlt dann ganz einfach viel. 

Wo die Freiheit beginnt

Ein Grundsatz, der im Übrigen auch für alle gilt, die gerne schnell fahren. Denn oberhalb von 130 Stundenkilometern steigt der Spritverbrauch bei fast jedem Wagen überproportional an. Das muss man sich dann eben leisten wollen und können. Ganz einfach. Nachts um 2 Uhr auf einer leeren und trockenen Autobahn alle zu zwingen, konsequent nur 130 fahren - dafür gibt es jedenfalls keinen nachvollziehbaren Grund. Außer eben den volkerzieherischen: Die Politik entscheidet, was wir dürfen, und als Untertanen haben wir uns daran zu halten - selbst wenn das keinerlei Sinn stiftet. Mein Ideal ist das jedenfalls nicht!

Jetzt glauben Sie sicher, dass ich ein begeisterter Raser bin. Immerhin schafft mein Wagen laut Papieren 184 Stundenkilometer. Es mag Sie vielleicht überraschen - aber ausprobiert habe ich das noch kein einziges Mal in den neun Jahren, die ich mein derzeitiges Auto jetzt fahre. Freiheit beginnt nämlich da, wo man gar nicht alles tun möchte, was man tun könnte.

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