Kommentar: Boris Johnson und sein Corona-Kollaps | Kommentare | DW | 27.03.2020
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Großbritannien

Kommentar: Boris Johnson und sein Corona-Kollaps

Konfus, leichtsinnig und ausgesprochen gefährlich - so hat der britische Premierminister in der Corona-Krise bislang gehandelt. Boris Johnson ist angesichts der Pandemie eindeutig überfordert, meint Rob Mudge.

Wie wir schon seit einiger Zeit wissen, neigt Boris Johnson dazu, den Eindruck von Größe und Erhabenheit erwecken zu wollen. Winston Churchill, einer seiner berühmtesten Vorgänger, ist das Vorbild, dem er besonders nacheifert. Alles in allem steht er im Vergleich zu diesem bislang nicht wirklich gut da.

Churchill, Großbritanniens Premier in Kriegszeiten, begegnete Krisen frontal und mit stimmiger Strategie. Johnson hingegen, der inzwischen positiv auf das Virus getestet wurde, reagierte ängstlich auf die Corona-Pandemie. Er war zögerlich und versuchte gleichzeitig, besonders resolut zu erscheinen - wirkte bei alledem wie ein Hase, der paralysiert auf die Scheinwerfer des heranrasenden Autos starrt. 

Krise? Welche Krise

Es hat schon etwas von Ironie, dass Johnson nun genau die Maßnahmen anordnet, die viele EU-Staaten schon vor Tagen, wenn nicht Wochen, umgesetzt haben. Jener vollkommen unnützen EU, die Johnson so schnell wie möglich verlassen wollte.

Und - das hätte man sich nicht besser ausdenken können - ausgerechnet jene Leute, die sich per Brexit für weniger Reise- und Niederlassungsfreiheit entschieden haben, beklagen nun, dass sie keine Reisefreiheit mehr haben.

Spät ist Johnson aus seinem Schlummer erwacht und hat den Ernst der Lage eingeräumt. Hatte er doch vor kurzem noch betont, dass keine stärkeren Maßnahmen nötig seien, weil sich das Virus noch nicht stark verbreitet habe. Das ist ein bisschen so als würde man sagen: 'Eine Evakuierung ist nicht nötig, da ja nur das Wohnzimmer brennt. Lasst uns erstmal abwarten, bis das ganze Haus in Flammen steht!'

Unverständliche Antworten

Führungsstärke und klare Botschaften sind das, was die Öffentlichkeit in solchen Zeiten braucht. Johnson hat in beidem versagt. Bei jeder Gelegenheit gibt er damit an, dass er in Oxford 'Literae Humaniores' studiert habe - sich also mit klassischer Literatur und Philosophie des Altertums befasst hat. Aber genau das ist sein Problem: Sich in obskuren Worten und unverständlichen Begriffen zu verlieren, wenn Klarheit und Prägnanz gefragt sind - das zeigt Johnsons Grenzen.

Das Coronavirus lässt sich nicht durch herumalbern oder Witze aus der Welt schaffen. Tricks und politische Ablenkungsmanöver sind in diesen schwierigen Zeiten fehl am Platz. Wichtige Charakterzüge eines Politikers sind hingegen Charisma und Überzeugungskraft. Johnsons Anhänger mögen behaupten, beides sei bei ihm sehr ausgeprägt. Wenn er das doch nur zeigen und seinem Land einen Weg weisen würde, wie es diesen Sturm überstehen kann!

Ein verstörendes Verhaltensmuster

Doch sollten wir von seinen Schnitzern nicht überrascht sein. Eine Vielzahl von Pannen und Ungeschicklichkeiten zieht sich wie ein roter Faden durch seine politische Karriere. Dieser Premier, der jetzt die größte Krise seiner Amtszeit zu bewältigen hat und durch sie definiert werden wird, ist der gleiche Mann, der zu den Olympischen Spielen 2012 einen Affen aus sich machte. Damals wollte er an einem Drahtseil über den Victoria Park in London schweben - und blieb dabei minutenlang in der Mitte des Seils hängen, weiterhin winkend mit seinen beiden britischen Plastikfähnchen.

Mudge Robert Kommentarbild App PROVISORISCH

DW-Redakteur Rob Mudge

Auch seine Zeit als Außenminister war durch diplomatische Fehltritte gekennzeichnet: Er warf dem französischen Präsidenten Hollande in der Brexit-Debatte vor, Strafen "wie in einem Kriegsgefangenenlager" verhängen zu wollen. Er witzelte, die libysche Stadt Sirte könne sich in ein neues Dubai verwandeln - sobald dort die "Leichen von den Straßen geräumt" seien. Und er zitierte ein Gedicht aus Kolonialzeiten, als er einen Tempel in Myanmar besuchte.

Würden Sie einem Premierminister zutrauen, eine Krise dieser Tragweite zu bewältigen, der Szenen wie diese heraufbeschwor: Einen geräucherten Hering schwenkend, hatte Johnson einst behauptet, die EU-Vorschriften zur Lebensmittelsicherheit würden sein Land teuer zu stehen kommen - dabei war es Großbritannien selbst, das diese Regeln mit durchgesetzt hatte.

Ein Mann außerdem, der den Plan aus dem Hut zauberte, Schottland und Nordirland mit einer Brücke zu verbinden - Kosten: 20 Milliarden Pfund. Zum Vergleich: Die Regierung hat lediglich fünf Milliarden Pfund bereitgestellt, um das britische Gesundheitswesen in der Corona-Krise zu stärken.

In seiner unbegrenzten Weisheit hat Johnson verfügt, dass Außenminister Dominic Raab ihn im Krankheitsfall vertreten solle - noch führt Johnson die Geschäfte in Isolation von der Downing Street aus. Zur Erinnerung: Raab hatte erst vor kurzem behauptet, die Pandemie werde die Argumente für einen Abschluss des Brexit spätestens bis zum 31. Dezember stärken. Er widersprach damit Forderungen, die Übergangszeit zum Austritt aus der EU zu verlängern.

Die Geschichte wird darüber urteilen

Johnsons Ausflüchte könnten Großbritannien teuer zu stehen kommen. Ärzte und Pflegekräfte haben gedroht, ihre Arbeit niederzulegen, da sie nicht genug Schutzausrüstung haben. Schwestern und Pfleger könnten gezwungen sein, sich zwischen ihrer Arbeit und ihrer persönlichen Sicherheit zu entscheiden.

Ganz abgesehen von dem absehbar schrecklichen Verlust von Menschenleben: Diese Krise wird dauerhafte Spuren in der britischen Gesellschaft und ihrer Psyche hinterlassen. Sie wird künftige Erwartungen der Bürger und politische Rahmenbedingungen prägen. Vor allem Boris Johnson wird sich daran messen lassen müssen.

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