Kolumbien-Stichwahl: Rechter Anwalt oder linker Senator
1. Juni 2026
Die erste Runde der Präsidentschaftswahl in Kolumbien hat der rechte Hardliner Abelardo de la Espriella für sich entschieden. Nach dem vorläufigen Endergebnis der Abstimmung vom Sonntag liegt der Anwalt bei 43,7 Prozent der gültigen Stimmen. Da er jedoch weniger als die Hälfte der abgegebenen Stimmen bekam, muss sich de la Espriella am 21. Juni einer Stichwahl stellen. Sein Gegner dort: der linke Menschenrechtler und Senator Iván Cepeda, der mit 40,9 Prozent zweiter bei der Wahl am Sonntag wurde.
Der Ausgang der Stichwahl in drei Wochen in dem südamerikanischen Land gilt trotz der gegensätzlichen Positionen als völlig offen. Das linke Lager um Noch-Präsident Gustavo Petro und dessen Wunschnachfolger Cepeda zweifelte das Ergebnis der Wahlbehörden öffentlich an. Cepeda bezeichnete den Urnengang aber nicht als manipuliert.
Drastische Worte und Beleidigungen
Noch am Wahlabend warben die Stichwahl-Kandidaten mit leidenschaftlichen Reden für ihren Kurs. Der jeweilige Gegner wurde schwer beschimpft. Cepeda nannte de la Espriella einen rechtsextremen Faschisten und brachte seinen Rivalen mit organisierter Kriminalität in Verbindung. Sein linkes Wahlbündnis "Pacto Histórico" sei die einzige demokratische Kraft Kolumbiens, so der 63-Jährige. Cepeda versprach, den "Kurs des vollständigen Friedens" des scheidenden Präsidenten fortzusetzen.
De la Espriella, der ein Trikot der kolumbianischen Fußball-Nationalmannschaft trug, sagte: "Ich werde mich für Kolumbien umbringen, falls es nötig ist." Der Millionär und Unternehmer beschimpfte Cepeda und Petro als "Banditen", die "aus dem Weg geräumt" gehörten. Er werde die Demokratie "mit Vernunft oder Gewalt" verteidigen, erklärte de la Espriella. Vorbild des 47-Jährigen ist US-Präsident Donald Trump.
Auf Platz drei bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl landete abgeschlagen die rechtsgerichtete Senatorin Paloma Valencia. Sie erhielt knapp sieben Prozent. Im Wahlkampf war Valencia noch als Favoritin gehandelt worden. Am Sonntagabend stellte sie sich hinter die Kandidatur von de la Espriella.
Angesichts der schweren Vorwürfe gegeneinander, der Attacken der beiden Lager auf Medienvertreter und der anhaltenden Gewalt im Wahlkampf kommentierte die unabhängige kolumbianische Nachrichten- und Medienplattform "La Silla Vacia" am Wahlabend: "Mehr als eine Wahl zwischen Links und Rechts stellt sich die Stichwahl als ein Kampf darüber dar, welche Angst schwerer wiegt: die Angst vor einer Fortsetzung der Politik unter Petro oder die Angst vor einem autoritären Rechtsruck."
se/pgr (afp, kna, epd, dpa)