Ungarn-Wahl: Können Europas Rechte Orban noch helfen?
24. März 2026
Es sollte die "Erste Patriotische Großversammlung" in Ungarn werden, so der Name der Veranstaltung. Doch zumindest eines steht fest - groß wurde sie nicht. Wohlwollend geschätzt, haben sich am Montagnachmittag (23.03.2026) an die zweitausend Menschen im Budapester Millenniumspark versammelt, vor allem ältere.
Dabei hat Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban neben sich selbst auch viele andere prominente Führungsfiguren der europäischen Populisten und Rechtsextremen als Redner aufgeboten - unter ihnen Geert Wilders, Marine Le Pen und Santiago Abascal. Dennoch scheinen an diesem Tag vor allem jene Anhänger der Orban-Partei Fidesz gekommen zu sein, die nicht mehr berufstätig sind.
Eine ältere Besucherin, die lange in den USA gelebt hat und nun wieder in Ungarn ist, sagt der DW: "Ich möchte, dass Fidesz und der Frieden siegen." Eine andere Teilnehmerin berichtet, sie sei hier, "weil ich Ungarin bin, friedliebend, christlich, und weil ich konservative Werte vertrete".
Orbans prominente Gäste halten personenkultartige Elogen auf Ungarns Premier. Geert Wilders nennt ihn einen "Löwen", Matteo Salvini preist ihn als "echten Helden" und Herbert Kickl sagt per Videobotschaft, Orban sei der "einzig Sehende unter den Blinden in Brüssel".
Der Premier selbst hält eine uninspirierte Rede voller jener Textschablonen, wie man sie schon seit Jahren von ihm gewohnt ist. Wieder einmal verspricht er, dass die "patriotischen Kräfte Brüssel einnehmen" würden. Er erzählt dem Publikum, dass die liberal-progressiv geführten EU-Länder wirtschaftlich und sozial immer mehr in den Abgrund rutschen würden, während das von ihm geführte Ungarn erfolgreich sei und einen Aufschwung erlebe.
Das Ganze klingt ein wenig wie die Reden der einstigen kommunistischen Diktatoren, die pausenlos einen Sieg nach dem nächsten über den Kapitalismus verkündeten, während ihre Länder immer mehr in Trostlosigkeit und Elend versanken - so wie es derzeit auch in vielen Teilen der ungarischen Provinz der Fall ist.
Maximale Mobilisierung
"Solche Veranstaltungen sind eine auf die Zeit vor der Wahl zugeschnittene Kommunikationsoffensive", sagt der Politologe Bulcsu Hunyadi vom Budapester Institut Political Capital der DW. "Sie sollen demonstrieren, wie viele internationale Verbündete Viktor Orban hat und dass er auch in der Weltpolitik ein bedeutender Akteur ist. Wenn man genau hinschaut, wird aber nur ein Publikum erreicht, dass ohnehin Orban-nah ist."
Bereits am Samstag (21.03.2026) hatte Orban auf der Konferenz CPAC Hungary - CPAC steht für Conservative Political Action Conference - einen ähnlichen Auftritt hingelegt. So wie auf den beiden Veranstaltungen macht der Premier schon seit längerem den Eindruck eines ideenmüden, alternden Autokraten, der sich trotz aller Probleme eisern an seine Macht klammert.
Tatsächlich steckt Orban vor der Parlamentswahl am 12. April in großen Schwierigkeiten. Obwohl seine Partei Fidesz maximal mobilisiert und die ungarische Regierung sämtliche verfügbaren staatlichen Finanzressourcen und auch Personal des Staatsapparates in die Wahlkampagne einbindet, was rechtlich nicht erlaubt ist, liegt Fidesz in Umfragen deutlich hinter der Oppositionspartei Tisza zurück.
Korruptions- und Umweltskandale
Orban hat die Wahlkampagne ganz auf die Feindbilder Ukraine und Europäische Union und auf das Thema "Krieg oder Frieden" zugeschnitten. Doch innenpolitisch machen ihm vor allem zwei Dinge zu schaffen: Korruptions- und Umweltskandale sowie die Frage, wie sehr er, der "Souveränist", an der Leine des Kremls hängt.
Die neueste Korruptionsaffäre dreht sich um Orbans einstigen Nationalbankchef György Matolcsy. Der hatte das Budapester Gebäude der Nationalbank MNB vor Jahren luxussanieren lassen - für umgerechnet rund 275 Millionen Euro. Dabei hatte Matolcsy sich selbst unter anderem ein regelrechtes Toilettenanwesen aus Gold und schwarzem Marmor einrichten lassen, mit goldenen Klobürsten und goldenen Klopapierhaltern.
Die Familie Matolcsy und die Nationalbank machen seit Jahren Schlagzeilen. Der Ex-MNB-Präsident hatte Staatsgeld in eine verschachtelte Stiftungskonstruktion geleitet, damit hatten Matolcsys Sohn Adam und sein Freundeskreis ihr Luxusleben finanziert. Der neueste Skandal um die MNB-Gebäuderenovierung kam heraus, weil das unabhängige Portal 444.hu in einem langen Gerichtsstreit die Herausgabe von Dokumenten erstritten hatte. Die goldene Klobürste ist nun in Ungarn zu einem Symbol für die Dekadenz, Schamlosigkeit und Arroganz der Orban-Elite geworden.
Zugleich bewegt die Affäre um eine Akkufabrik in Göd nördlich von Budapest noch immer die ungarische Öffentlichkeit. Dort hatte die Firma Samsung bei der Akkuproduktion jahrelang gegen Umweltauflagen verstoßen und Arbeiter giftigem Schwermetallstaub ausgesetzt. Obwohl die Regierung informiert war, unternahm sie nichts. Außenminister Peter Szijjarto soll sogar verhindert haben, dass die Fabrik sanktioniert wurde. Für viele Ungarn ergibt sich das Bild einer Elite, die sich maßlos bereichert und der die Gesundheit der Bürger und massive Umweltschäden im Land egal sind.
Abstimmung mit dem Kreml
Hinzu kommt aktuell der immer größere Skandal um russische Einflussnahme auf den Wahlkampf in Ungarn und in der ungarischen Regierungspolitik generell. So publizierte der Investigativjournalist Szabolcs Panyi die Abschrift eines Gesprächs zwischen Außenminister Szijjarto und seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow aus dem Jahr 2020, in dem Szijjarto in unterwürfiger Art und Weise um Wahlkampfhilfe für populistische und rechtsnationale Parteien in Ungarns Nachbarland Slowakei bittet.
Bereits vor einigen Tagen war bekannt geworden, dass Szijjarto bereits während der Treffen des Europäischen Rates in Brüssel regelmäßig in Moskau anrief, um die Kreml-Führung zu unterrichten. Szijjarto selbst gab die Gespräche inzwischen zu, bezeichnete sie aber als normale diplomatische Praxis. Dennoch ergibt sich ein merkwürdiger Kontrast zur "Souveränitätspolitik" der Orban-Regierung, die keine Gelegenheit auslässt, um politische Gegner als bezahlte Marionetten ausländischer Mächte und Akteure zu verunglimpfen, die Ungarns Souveränität beeinträchtigen.
Es ist ein Kontrast, der nach der "Ersten Patriotischen Großversammlung" auch so manchen Budapestern aufstößt. Auf dem Szell-Kalman-Platz, nur einige hundert Meter vom Milleniumspark entfernt, haben zwar viele Passanten gar nicht von dem Treffen gehört. Doch andere sind empört. Dani, ein junger Mann Mitte Zwanzig, nennt die Veranstaltung "erbärmlich". Er sagt: "Dass sie nach all den Skandalen der letzten Zeit noch denken, dass es was bringt, die großen Ungarn zu spielen, das ist unangenehm."