Klimawandel in den Bayerischen Alpen: Erdrutsche und weniger Schnee | Global Ideas | DW | 06.11.2018
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Klimawandel in den Bayerischen Alpen: Erdrutsche und weniger Schnee

Gletscher verschwinden und es schneit weniger - die deutschen Alpen haben jetzt schon mit dem Klimawandel zu kämpfen, und die Menschen spüren die Auswirkungen. Jennifer Collins berichtet vom höchsten Berg des Landes.

Es ist ungewöhnlich warm auf der Zugspitze, Deutschlands höchstem Berg. Vor dreißig Jahren hätte der September Temperaturen unter Null und die ersten Schneegestöber gebracht. Heute entdecken Touristen die kahle, schneefreie Mondlandschaft in T-Shirt und Shorts. 

Es hat sich viel verändert in den vergangenen 30 Jahren, sagt Toni Zwinger, der auf der Zugspitze groß geworden ist. Die Familie des 33-Jährigen betreibt das Münchner Haus, ein Gasthaus auf 2959 Metern Höhe, nur wenige Meter unterhalb des Gipfels. Seit 1925 empfangen sie hier Gäste. Damals trauten sich nur wenige unerschrockene Kletterer bis auf den Berg, heute kommt ein steter Strom aus Touristen.

Als Junge spielte Zwinger an den Gletschern und machte für einen Teller Pommes Frites Ausflüge auf die österreichische Seite des Bergs. Damals kannte er fast jeden, sagt er und wischt sich die Hände an der Schürze ab.

Nicht nur mit der Ruhe ist es vorbei. Auch die Gletscher seiner Kindheit sind fast verschwunden. Der nördliche Schneeferner ist auf 25 Prozent seines Volumens von 1950 geschrumpft. Beim südlichen Schneeferner ist es noch schlimmer. Da sind nur noch 6 Prozent übrig.

Toni Zwinger steht in der Tür des Gasthauses seiner Familie in der Nähe des Gipfels der Zugspitze (DW/J. Collins)

Toni Zwingers Familie betreibt ein Gasthaus direkt unter dem Gipfel von Deutschlands höchstem Berg. Die Auswirkungen des Klimawandels während der vergangenen 30 Jahre sind dort deutlich zu spüren.

"Dieses Jahr war das heißeste, das wir in den vergangenen 25 Jahren gemessen haben", sagt Zwinger der DW. Er sitzt in einem Zimmer im Gasthaus. Urig ist es hier, die Wände haben Holztäfelungen, dicke Holzbalken ziehen sich an Decke und Wänden entlang. "Man kann es unten am Gletscher sehen", sagt er. "Der wird kleiner."

Das könne man sogar hören. Abends, wenn Ruhe einkehrt, poltert es in den Bergen. Das Phänomen ist bekannt. Forscher, die am Berg die Auswirkungen des Klimawandels untersuchen, haben es ebenfalls beschrieben.

Sie erklären es so: Mit steigenden Temperaturen gibt es auch weniger Permafrost, also die Schicht aus Sediment, Fels und Erde, die durchgehend gefroren bleibt und den Bergfels stabilisiert. Zusammen mit einem messbaren Anstieg der Regenfälle geht die Stabilität der Berge immer weiter verloren. Alleine im vergangenen Jahr hat das zu mehr als eintausend Steinschlägen in den Alpen geführt, sagt Michael Krautblatter, Geologie-Professor an der Technischen Universität München (TUM).

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"Leute kommen hierher und erwarten, dass ich ihnen etwas über die Zukunft erzähle", sagt Krautblatter. Seine Forschungsstation, das Schneefernerhaus, befindet sich in einem ehemaligen Hotel am Berghang unterhalb der Zugspitze. "Gehen sie einfach hin", ergänzt er. "Sie werden sehen, wie sich der Permafrost über die letzten 20 Jahre verändert hat. Der Klimawandel ist schon da."

Der Blick von oben

Seit über einem Jahrzehnt kommt Krautblatter hierher, um die Veränderungen des Permafrosts in den Bergen um die Zugspitze zu untersuchen.

Mit einem kleinen Team von Forschern lädt er dazu Ausrüstung in eine winzige private Seilbahn. Für ein paar Tage sind sie dann direkt am Berg unterwegs, legen Kletterausrüstung an und erklimmen die Bergwand.

Elektroden, die sie dabei im Fels anbringen, messen deren elektrische Leitfähigkeit. Wo der Fels nicht mehr gefroren ist, sei diese gut, so Krautblatter. Das ermögliche es den Forschern zu erkennen, wie sich der "gefrorene Teil des Felsens" mit der Zeit verändert.

Wissenschaftliches Gerät zur Messung im Boden (DW/J. Collins)

Krautblatter nennt das Gerät auf diesem Bild ein "Arbeitstier", mit dem das Team Messungen auf der Zugspitze durchführt

Seit 1985 ist die Durchschnittstemperatur auf der Zugspitze um ein Grad gestiegen, sagt der Forscher. Während die Temperaturen im Januar früher auf minus 20 Grad Celsius fielen, erreichen sie jetzt nur noch Tiefstwerte von minus 10 oder minus 5 Grad.

"Das ist nicht kalt genug, damit der Permafrost den Sommer übersteht", so Krautblatter. In 10 bis 15 Jahren werde kein Permafrost mehr übrig sein. Wie sich diese Entwicklung auf die Wasserressourcen unten im Tal auswirken wird, ist auch Teil seiner Forschung. Voraussagen dazu können der Region dabei helfen, sich an die Veränderungen anzupassen und Frühwarnsysteme für Erdrutsche zu verbessern.

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Einige Alpenhütten sacken bereits ab, weil sich der Boden unter ihnen bewegt, sagt der Forscher. Auch die Verankerungen für Seilbahnen und andere Infrastruktur werde man stabilisieren müssen. Einige traditionelle Kletterrouten mussten bereits aus Sicherheitsgründen geschlossen werden.

"Ich denke, wir müssen dieses sich verändernde Permafrostsystem sehr schnell begreifen, denn die einzige Möglichkeit, es sicher zu machen, ist zu verstehen, wo Dinge passieren und zu vermeiden, dass sich dort Menschen aufhalten", sagt Krautblatter. 

Eine kahle Stelle mit entwurzelten Bäumen an einem sonst bewaldeten Berghang (DW/J. Collins)

Felsblöcke und Schlamm haben diesen Teil des Berges nach starken Regenfällen im Jahr 2016 praktisch gerodet

Der Blick von unten

Die Ortschaft Schwaigen-Grafenaschau liegt direkt nordöstlich von Forschungsstation und Zugspitze. Erdrutsche waren schon immer ein Problem für die kleine Gemeinde mit etwa 600 Einwohnern. Aber sie werden häufiger, erklärt Bürgermeister Hubert Mangold, ein herzlicher Mann in kurzer Jeans und kurzärmeligem Hemd. Er weist auf eine kahle Stelle an einem sonst durchgehend bewaldeten Hang.

Nach schweren Regenfällen im Jahr 2016 habe sich dort eine Schlammlawine entwickelt, die eine Fläche von insgesamt 30 Hektar überrollt und dabei sogar 40 Meter hohe Bäume unter sich begraben habe, sagt Mangold.

"Das war der größte Murenabgang in Deutschland. Ist er nach wie vor", sagt er.

Glücklicherweise wurde dabei niemand verletzt. Die Naturkatastrophe verursachte aber erhebliche Schäden für die Bayerische Forstbehörde und andere private Forstbetriebe. Für ihn besteht kein Zweifel, sagt Mangold, dass die Wahrscheinlichkeit für solche Ereignisse durch den Klimawandel gestiegen ist. 

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"Das hängt mit dem Klimawandel zusammen. Es regnet zwar nicht mehr, aber es regnet in kurzer Zeit viel heftiger", sagt er und fügt hinzu, dass 80 Liter Regen innerhalb von 30 Minuten heutzutage nichts Ungewöhnliches mehr sind. "Solche Mengen hatten wir früher nicht."

Ähnliche Beobachtungen haben auch Forscher des nahegelegenen Instituts für Meteorologie und Klimaforschung in Garmisch-Partenkirchen gemacht.

"Der Klimawandel hat einen großen Einfluss auf den Schnee", sagt Harald Kunstmann, der stellvertretende Leiter des Instituts. "Weil die Niederschläge, die früher im Winter als Schnee gefallen sind, jetzt größtenteils als Regen fallen. Das bedeutet, dass sie nicht auf dem Boden bleiben, sondern im Winter direkt abfließen, was das Risiko von Überschwemmungen erhöht."

Ein Mann, der Würstchen serviert (DW/J. Collins)

Wird Zwingers Familie in 30 Jahren noch Würstchen auf der Zugspitze verkaufen?

Der Blick in die Zukunft

Kunstmann versucht anhand von Computermodellen vorherzusagen, wie sich die Alpenregion durch den Klimawandel bis zum Jahr 2050 verändern wird. Bis Mitte des Jahrhunderts wird der Region 20 Prozent mehr Regen prophezeit.

Sollte die Welt ihren momentanen Kurs beibehalten und die Erderwärmung nicht, wie bei der Klimakonferenz 2015 in Paris beschlossen, auf 2 Grad begrenzen, dann könnten die Temperaturen in den Bergen um 4 Grad steigen, sagt Kunstmann. Das sei in der Vergangenheit schon so gewesen. Temperaturen in den Alpen stiegen zweimal so schnell wie im globalen Durchschnitt. Warum das so ist, sei nicht eindeutig zu erklären.

Sollten sich die Voraussagen erfüllen, ist eines klar: Die Alpen werden sich in Bezug auf Schnee, Gletscher, Flora und Fauna - und auch die Felsen selbst - gewaltig verändern. Ob traditionelle Betriebe wie Toni Zwingers Gasthaus, das seit fast einem Jahrhundert existiert, den Wandel überstehen, bleibt dabei offen.

Sieht schön aus, spürt den Klimawandel aber trotzdem: die Zugspitze

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