Klimaschutz-Demo: ″Die Erde ist so kaputt wie mein Plakat″ | Politik | DW | 21.06.2019
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Fridays for Future

Klimaschutz-Demo: "Die Erde ist so kaputt wie mein Plakat"

Es ist die größte Demonstration von Klimaschützern in der deutschen Geschichte – so die Veranstalter. Zehntausende protestieren in der Grenzstadt Aachen. Sie fordern vor allem einen schnellen Ausstieg aus der Braunkohle.

Der Schweizer Damian ist mit dem Zug aus Zürich gekommen. Der 30-Jährige hat sein beigefarbenes Hemd mit Aufklebern dekoriert: "Make love, not CO2." "System change, not climate change." "Nous sommes la nature qui se défend." Es sind die Slogans der internationalen Klimaschutz-Bewegung. "Die Klimaveränderung betrifft uns alle", sagt Damian der DW. "Die Verursacher des Klimawandels sind global vernetzt. Deshalb müssen wir uns auch global solidarisieren."

Deshalb läuft er an diesem Freitag mit zehntausenden anderen Demonstranten durch die Straßen von Aachen. Mit dabei sind vor allem junge Leute – Schüler und Studenten. Sie sind aus Deutschland, aus dem nur wenige Kilometer entfernten Belgien, den Niederlanden, Frankreich und 15 weiteren europäischen Ländern angereist.

Aachen Fridays for Future (Reuters/T. Schmuelgen)

35.000 Teilnehmer aus mindestens 19 Ländern waren laut Veranstaltern in Aachen dabei

Kohle? Crazy!

Einen Produzenten des klimaschädlichen CO2 haben die Demonstranten in Aachen besonders ins Auge gefasst. Den Energieversorger RWE, der nur rund 30 Kilometer von Aachen entfernt Braunkohle abbaut und verstromt, also verbrennt. Die Braunkohle aus dem sogenannten Rheinischen Revier gilt als eine der größten CO2-Quellen Europas. "Lasst die Kohle unten", skandieren die Demonstranten in Aachen.

Im Jahr 2038 soll mit der Braunkohle endgültig Schluss sein in Deutschland.Darauf hat sich eine Kohle-Kommission mit Vertretern von Politik, Unternehmern, Umweltverbänden und Wissenschaftlern geeinigt. "Absolut crazy", findet das Antonia Pfeiffer. "Das ist total unvernünftig. Das sind noch fast 20 Jahre. Dann bin ich 35 Jahre alt. Das ist doch krank, dass das so lange dauert, bis wir aus der Kohle aussteigen. Wer weiß, wie die Erde bis dahin aussieht." Dann muss die 15-jährige Schülerin weiter, dem Zug der Demonstranten, den Wagen mit Musik und tausenden selbstgemalten Plakaten hinterher in Richtung der Kundgebung am Aachener Fußballstadion Tivoli.

Antonia Pfeiffer bei der Klimademonstration Fridays for Future in Aachen (DW/P. Hille)

Braunkohle-Ausstieg bis 2038? "Das ist doch krank, dass das so lange dauert," findet Antonia Pfeiffer

Bunt, fröhlich – naiv?

"Die Erde ist so kaputt wie mein Plakat" lautet der Spruch auf einem der bunt gestalteten Pappschilder dort. Dieses hat in der Tat bereits ausgefranste Ränder. "Wenn es keine Schneemänner mehr gibt, dann raste ich aus", steht auf einem anderen. Ein drittes, verschönert mit Bienen und Schmetterlingen: "Kurzstreckenflüge nur für Insekten."

Kreative Slogans, viel Musik und fröhliche Sprechchöre – mit dieser Mischung ist aus den "Fridays for Future" mittlerweile eine Massenbewegung geworden, zumindest unter Gymnasiasten in Deutschland. Die Organisatoren des Aachener Streiks sprechen von der bislang größten Demonstration dieser Art in Deutschland. Sie haben 35.000 Teilnehmer gezählt.

Nicht alle können sich ihrer Begeisterung anschließen. Hermann zieht die Augenbrauen hoch, wenn er zu den Demonstranten schaut. "Naiv" seien die, sagt der weißhaarige Herr im blau-weiß gestreiften Hemd. "Ich finde es gut, dass die jungen Leute etwas tun. Aber sie haben nicht zu Ende gedacht." Die Jobs bei RWE und anderen Unternehmen hätten schließlich dafür gesorgt, dass ihre Eltern ihnen eine angenehme Kindheit und Jugend bescheren könnten.

Deutschland | Klimademonstration Fridays for Future - Aachen (picture-alliance/dpa/H. Kaiser)

Schilder mit kreativen Slogans: Davon findet man viele auf "Fridays for Future"-Protesten

Nächster Halt Garzweiler

Für den Schweizer Damian ist nach der Demo vor der Demo. Gemeinsam mit seiner Reisegruppe aus Zürich erholt er sich vor dem Aachener Hauptbahnhof in der Sonne liegend vom Marsch durch Aachen. Die Aktivisten haben große Rucksäcke dabei, Schlafmatten, Zelte. Sie wollen weiter in Richtung Garzweiler. Dort, an einer der Braunkohle-Abbaustätten von RWE, soll morgen weiter demonstriert werden. Und nicht nur das. "Man skandiert schon lange, man singt schon lange", sagt Damian. "Das ist sicher eine gute Sache. Aber es braucht halt leider doch noch mehr, damit sich etwas ändert. Ich denke, ziviler Ungehorsam ist wichtig und mittlerweile nötig."

Aktivisten des Bündnisses "Ende Gelände" haben angekündigt, in das Gelände von RWE eindringen und den Abbau von Braunkohle blockieren zu wollen. "Illegal", sagt die Polizei und warnt, das Eindringen in den Tagebau bedeute akute Lebensgefahr für alle Menschen. "Ziviler Ungehorsam", sagen Aktivisten wie Damian. Damit sie nicht bis zum Tagebau kommen, haben die Beamten am Freitag bereits den Bahnhof Viersen gesperrt. "Wir möchten damit verhindern, dass mit der Bahn zum Tagebau angereist wird, um dort Straftaten zu begehen", sagt eine Polizeisprecherin. Wie schon beim Kampf um den Tagebau rund um den Hambacher Forst dürfte es auch am Tagebau Garzweiler am Samstag zu hitzigen Szenen kommen.

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