Klimakonferenz: Konflikt um Anrechnung von Klimaprojekten | Deutschland | DW | 30.10.2021
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Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Glasgow

Klimakonferenz: Konflikt um Anrechnung von Klimaprojekten

Internationale Zusammenarbeit ist essenziell beim Klimaschutz. Aber wer darf sich welches Klimaprojekt gutschreiben lassen? Ein heißes Eisen für die UN-Klimakonferenz in Glasgow.

Blick auf Stoerrmthaler See und das Kohle Kraftwerk Lippendorf suedlich von Leipzig in der Abendsonne

Mit Projekten anderswo die eigenen Klimasünden kompensieren? Ob und wie, wird in Glasgow heiß diskutiert werden

Es ist eigentlich ein rundum sinnvolles Projekt: Mit deutscher Hilfe werden in Ruanda umweltgerechte Öfen installiert. 90.000 davon sind in den Dörfern schon in Betrieb; der Plan sieht vor, weitere 40.000 Öfen pro Jahr neu zu bauen. Die Öfen wirken sich in gleich zweifacher Hinsicht positiv aus: Die massive Abholzung in der Region durch die Verbrennung von Holz in traditionellen Feuerstellen wird stark vermindert; zugleich nimmt die Luftverschmutzung in den Hütten deutlich ab. Und: Pro Jahr werden so rund 270.000 Tonnen an Klimagasen vermieden.

Die Öfen kosten rund 100 Euro pro Stück; das Geld dafür kommt aus Deutschland. Gesammelt wird es von der Organisation "Atmosfair" - zum Beispiel bei Unternehmen und Privatpersonen, die so einen Ausgleich schaffen wollen für ihre Klimagase aus dem Flugverkehr. Das Ofenprojekt ist nur ein Beispiel für die jahrelange Praxis der internationalen Klima-Zusammenarbeit. Aber ob die auch in Zukunft so stattfindet, ist ungewiss. Denn noch ist mehr als unklar, ob auf der Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Glasgow die Zukunft solcher Projekte verbindlich geregelt werden kann.

Eine Frau kocht gemeinsam mit ihrem Kind auf einem Ofen in einem riesigen Edelstahltopf

In Ruanda retten Öfen wie dieser Wald und sparen CO2

Stichwort "Artikel 6"

Das Stichwort dazu heißt "Artikel 6" - und das ist der Hintergrund: Als 2015 der Pariser Klima-Vertrag ins Leben gerufen wurde, verpflichteten sich alle rund 190 Staaten der Vereinten Nationen, eigene, nationale Klima-Ziele zu verfolgen. Das jetzt alle Staaten ihre Klimagase vermindern sollen, war eine deutliche Stärkung des Klimaschutzes gegenüber dem alten Klima-Vertrag, dem Kyoto-Protokoll, das bis 2020 galt. Das Kyoto-Protokoll hatte lediglich vorgesehen, dass allein die 38 reichsten Staaten der Welt Klimagase vermindern sollen. Mit gutem Recht: Schließlich waren und sind es die Industriestaaten, die hauptsächlich für den Klimawandel verantwortlich sind. Und in dieser Logik von Kyoto wurden Projekte wie das in Ruanda geboren: Die reichen Staaten geben Geld und finanzieren sinnvolle Projekte im armen Süden; im Gegenzug  erhalten sie eine Gutschrift auf ihre eigenen Klimasünden. 

Klimakonferenz Cop21 2015 in Paris. Teilnehmer heben zum Abschluss die Hände, unter anderen UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, Frankreichs Präsident Hollande, Frankreichs Außenminister Fabius, UNFCCC Generalsekretärin Figueres

Jubel bei der COP21 in Paris 2015. Das heiße Eisen Artikel 6 wurde damals vertagt. Jetzt muss Glasgow liefern

Aber seit Paris ist das anders: Jetzt sind alle Staaten zum Klimaschutz verpflichtet, jedes Land auf seine eigene Weise. Mit viel Euphorie wurde in der französischen Hauptstadt beschlossen, dass so die Erderwärmung um nicht mehr als zwei Grad steigen soll, besser nur um 1,5 Grad. Soweit, so gut. Was aber in Paris vertagt und auch auf den Klima-Treffen danach nicht geregelt wurde: Wie und vor allem wem werden künftig Projekte wie das in Ruanda angerechnet? Werden sie auf dem deutschen oder dem ruandischen Klimakonto gutgeschrieben? Wer darf in Zukunft welche Projekte finanzieren? Diese Problematik soll in Artikel 6 geregelt werden. Aber die konkrete Ausgestaltung lässt auch sechs Jahre nach dem Treffen in Paris noch auf sich warten.

Atmosfair: Ohne Einigung müssen wir Projekte stoppen

Wenn auf der Klimakonferenz in Glasgow dazu keine konkrete Klärung erfolgt, sieht der Geschäftsführer von "Atmosfair", Dietrich Brockhagen, gegenüber der DW schwarz für die Zukunft. "Wir bauen täglich neue Anlagen zur Produktion von erneuerbaren Energien. Dazu brauchen wir Geld, und das bekommen wir von unseren Kunden über die freiwillige CO2-Kompensation. Wir brauchen daher auf der Klimakonferenz Ergebnisse zu Artikel 6, die es unseren Projektländern erlauben, die CO2-Minderungen wie bisher Atmosfair zuzurechnen. Sonst müssten wir diese Kompensations-Projekte beenden". Die Anrechnung, heißt das im Klartext, muss nach wie vor in Deutschland erfolgen; Ruanda darf die geringere Menge an Klimagasen nicht auf sein nationales Ziel anrechnen, sonst würde ein und dieselbe Klimaschutz-Maßnahme doppelt gezählt. 

Portrait von Dietrich Brockhagen, Geschäftsführer von Atmosfair, in einer Parkanlage

Dietrich Brockhagen, Geschäftsführer von Atmosfair

Und genau hier liegt der Knackpunkt: Einige Staaten etwa wie Brasilien wollen solche Projekte in Zukunft durchaus im eigenen Land anrechnen. Sollten in Glasgow keine klare Regeln entwickelt werden, droht ein "Wild-West-System", befürchtet David Ryfisch, Klimaexperte der deutschen Umweltgruppe Germanwatch, im Gespräch mit der DW. Ryfisch fordert deshalb vor allem Transparenz: Nur solche Projekte sollen noch möglich sein, die in den armen Ländern einen zusätzlichen Klimaeffekt bringen.

Keine Vermischung der Ziele und der Projekte

Ärmere Länder haben oft ganz einfache Klimaziele, wie beispielsweise die erneuerbaren Energien auszubauen. Ein Ofen-Projekt wie das in Ruanda würde dann eine zusätzliche Leistung darstellen und könnte anerkannt werden. Ryfisch gibt sich überzeugt, "dass der Artikel 6 durchaus eine positive Rolle beim Klimaschutz einnehmen kann: Wenn dadurch Technologien in Entwicklungsländern eingeführt werden, die ansonsten noch nicht wettbewerbsreif sind. Ein reiches Land wie Deutschland hätte so die Möglichkeit, mehr zu tun für den Klimaschutz, als im eigenen nationalen Klimaziel vorgesehen." Aber ob das alle Staaten so sehen, ist offen. Zu verlockend ist die Aussicht, durch Tricks und komplizierte Rechnungen die eigene Klimaschuld schönzurechnen. Da sieht auch Ryfisch so: "Wir bei Germanwatch haben große Sorgen, dass die Integrität des Pariser Abkommens Schaden leidet, wenn die Bestimmungen nicht richtig ausformuliert werden." Denn Kern des Vertrages von Paris bleibt: Alle Staaten tragen durch eigene Minderungsziele zum Klimaschutz bei.

Greenpeace: Wir brauchen keinen weltweiten Kohlenstoffmarkt

Deshalb hält die Klima-Expertin von Greenpeace Deutschland, Lisa Göldner, wenig von Artikel 6, wenn er unsauber formuliert wird. Gegenüber der DW betont Göldner, wie wichtig internationale Kooperation ist, um das 1,5 Grad Ziel zu erreichen: "Staaten müssen zusammenarbeiten, um gemeinsam die Klima-Krise zu bewältigen. Reiche Länder müssen ärmere mit Hilfe von Klima-Finanzierung unterstützen. Und es braucht einen Austausch von Technologien und Know-How. Nur so können der Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas und der klima-freundliche Umbau der Wirtschaft schnell genug gelingen. Was es aber nicht braucht, ist ein weltweiter Kohlenstoffmarkt."

Italien Mailand: Teilnehmer einer Demonstration im Oktober halten PLakate in die Luft mit Aufschriften wie Es gibt keinen Planeten B

Der Druck der Klima-Aktivisten auf die Verhandler in Glasgow ist jetzt schon groß. Klima-Demonstration in Mailand Anfang Oktober

Die Regelungen im Artikel 6 seien erfunden worden, um den armen Süden mit zusätzlichem Geld aus dem Norden zu unterstützen, nicht zum Ausgleich der jeweiligen Klimaziele, die jedes Land schon noch selbst erfüllen müsse, analysiert Göldner: "Kompensationen bedeuten nichts anderes,

Greenpeace Lisa Göldner
Mitarbeiterportrait von Lisa Göldner

Lisa Göldner, Klimaexpertin von Greenpeace

als dass große Verschmutzter dafür bezahlen, dass jemand anderes Kohlenstoff reduziert oder aus der Atmosphäre entfernt, während sie selber weiterhin Kohlenstoff in die Atmosphäre pusten. Kompensation ist Heuchelei. Kompensationen sind Bilanztricks, mit dem sich große Verschmutzer aus der Verantwortung stehlen wollen."

Germanwatch Klima-Experte David Ryfisch hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es in Glasgow zu einer Einigung beim schwierigen Thema der Anrechnung von Klimaprojekten kommt. In den letzten Jahren habe die Debatte um den Artikel 6 des Paris-Vertrages darunter gelitten, dass im Vorfeld der jährlichen Klimatreffen zu wenig Vorbereitungsarbeit für eine stimmige Lösung geleistet worden sei. Das aber sei nun unter der britischen Präsidentschaft der Klimakonferenz in Glasgow anders. Ob Ryfisch damit Recht behält, wird sich am 12. November zeigen: Wenn die Klimakonferenz in Glasgow mit einer Einigung endet. Oder eben nicht. 

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