Kirill Petrenko gab seinen Einstand mit den Berliner Philharmonikern | Kultur | DW | 24.08.2019
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Konzertkritik

Kirill Petrenko gab seinen Einstand mit den Berliner Philharmonikern

Vor vier Jahren wurde Petrenko zum Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker gewählt. Nun gab er sein erstes offizielles Konzert mit den Berliner Philharmonikern. Das Publikum dankte es ihm mit Standing Ovations.

Was macht die Macht eines erfolgreichen Dirigenten aus? Charisma? Bühnenpräsenz? Autorität? Technisches Können? Harte Arbeit? Solche Fragen kamen denen, die den ersten offiziellen Auftritt von Kirill Petrenko als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker am 23. August erleben durften. Und sie wurden auch beantwortet.

Dass die Berliner Philharmonie bei der Darbietung von Beethovens Neunter Sinfonie förmlich bebte, könnte man bis nach Bonn spüren: Dort verfolgte der Autor dieser Zeilen das Konzert live in einer Kinoübertragung. Es war ihm nicht möglich, eine Karte für die Aufführung in Berlin zu ergattern, was sich nachträglich sogar als Glücksfall erwies, denn die Kinoübertragung ermöglichte, den musikalischen Entstehungsprozess noch besser zu verfolgen. 

Konzerte mit Seltenheitswert

Vor seiner Wahl zum Chefdirigenten 2015 hatte es nur wenige gemeinsame Konzerte mit Petrenko und den Berliner Philharmonikern gegeben, und in den vier Jahren danach stand der zukünftige Chefdirigent erst viermal vor dem Orchester. In der kommenden Spielzeit sind wiederum nur sechs gemeinsame Auftritte auf dem Spielplan. Ganz anders als beim allgegenwärtigen Vorgänger Simon Rattle. Der Grund? Petrenko ist noch bis Ende der Saison 2020 bei der Bayerischen Staatsoper vertraglich eingebunden und wird zwischen München und Berlin pendeln.

Umso mehr war man auf sein Antrittskonzert gespannt. Begonnen hat es mit den Symphonischen Stücken aus der Oper "Lulu" von Alban Berg. Ein verblüffendes, hochmodernes, atonales Werk aus dem Jahr 1934.

Es waren einhundert hochengagierte Musiker auf der Bühne, und gleich hatte man den Eindruck, dass der Dirigent härter arbeite als alle anderen zusammengezählt. Die Adern traten auf seiner Stirn hervor, und noch lange vor dem Hauptwerk des Abends kommt er ins Schwitzen.

Petrenko und das Orchester in Schwarz, nur eine Solistin trug rot (picture-alliance/dpa/B. von Jutrczenka)

Petrenko und das Orchester in Schwarz, nur eine Solistin trug rot

Mit bescheidenen Mitteln Musik machen

Petrenkos Ansatz? "Wir müssen schauen, was wir mit unseren bescheidenen Mitteln erreichen können", sagt er im Interview im Vorprogramm. Dabei sind die Berliner Philharmoniker eines der renommiertesten Orchester der Welt, manche sagen sogar: das renommierteste überhaupt.

Damit wollte der Dirigent den Klangkörper nicht herunterspielen oder die Leistung seiner Mitglieder schmälern. Im Gegenteil: "Da sitzen nicht nur 130 Musiker", sagt der erste Cellist Olaf Maninger. "Da sitzt die ganze Geschichte des Orchesters. Und diesen Respekt, diese Hochachtung, die bringt er in sein Amt mit."

Mit der Bemerkung um die "bescheidenen Mittel" zeigt Petrenko, um was es bei ihm geht: das musikalische Werk als etwas, dem man sich nur annähern, aber nie völlig erschließen kann.

Beethovens Neunte ganz neu

Umso mehr bei einem bekannten Werk wie der Neunten Sinfonie von Ludwig van Beethoven, das auch schon für Petrenkos Vorgänger Hans von Bülow, Artur Nikisch, Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan, Claudio Abbado und Simon Rattle wichtig war. Beim Dirigat dieses Werks scheint jeder Nerv, jede Faser in Kirill Petrenkos Körper musikalisch getaktet zu sein. Mit ausladenden, energischen Gesten treibt er die Musiker voran, scheint aber vor allem mit seinen Augen zu dirigieren. In den Nahaufnahmen der Kinoübertragung kann man jede Regung, jedes Zwinkern genau verfolgen: von verzweifelt bis jubilierend, von wild bis wahnsinnig - und immer wieder bricht ein ekstatisches Lächeln aus ihm heraus.

Mehrfach erscheint es, als wollte Petrenko die Musiker mit seiner Gestik förmlich anflehen. Immer wieder wirkt er sogar, als stehe er vor einem Abgrund, und als ob nur das letzte Aufgebot seiner Kräfte und das seiner Mitmusiker den Absturz verhindern könnte. Die Anstrengungen werden in den Gesichtern seiner Musiker gespiegelt: Auch sie spielen, als hänge ihre Existenz davon ab.

Leidenschaft und Bescheidenheit

Mitglieder der Philharmoniker bestätigen diesen wilden, kompromisslosen Ansatz: "Er drehte vollkommen durch" sagte die Hornistin Sarah Willis und meinte damit die Leidenschaft, die Petrenko bei einem Konzert an den Tag legte. "Er schlug wie ein Meteor ein", stimmte der Bratscher Matthew Hunter zu. "Es war eine hochexplosive Erfahrung."

Petrenko mit dem Solisten Kwangchul Youn (picture-alliance/dpa/B. von Jutrczenka)

Ergriffen und erschöpft: Petrenko mit dem Solisten Kwangchul Youn (rechts)

Dabei wirkt der Dirigent im persönlichen Gespräch - etwa im Interview mit dem ersten Cellisten Olaf Maninger - bescheiden und ruhig. Er vermeidet zuviel Augenkontakt, spricht mit leiser, heller Stimme und mit deutlichem russischen Akzent, fast als ob es ihm dieser peinlich wäre. Er verrät, was der Abend für ihn bedeutet: "Ein solches Konzert passiert nur einmal im Leben. Gleichzeit ist der Druck unglaublich hoch. Ich wollte den Tag nicht abwarten, sondern wünschte, es wäre gleich Abend."

Auch für den Ausgangspunkt seiner Zusammenarbeit mit den Philharmonikern findet Petrenko deutliche Worte: "Ich hatte das Gefühl, dass die Musiker bereit sind, meiner Intention zu folgen, auf eine ehrliche Art und Weise. Und man möchte eigentlich auch den Musikern eine Art Bestätigung geben, ihnen zuzurufen: 'Ja, ich bin es!'"

Kein Egomane am Pult

Der Amerikaner Matthew Hunter, seit 1996 Mitglied der Berliner Philharmoniker, unterstreicht Petrenkos eher bescheidenes Auftreten, sagt aber auch, was dies für die Pultarbeit bedeutet: "Man braucht kein großes Ego zu haben, wenn man auf der Bühne steht. Das könnte sogar hinderlich sein, wenn es um das Erreichen musikalischer Ziele geht. Man kann bescheiden sein und trotzdem maximale musikalische Autorität besitzen."

Das Ergebnis? Beethovens Neunte Sinfonie erhielt Schwung, Leidenschaft - und Relevanz. Ein Werk, das für feierliche Anlässe jeder Art herangezogen wird, klang frisch, lebendig: so, als wäre es erst- oder einmalig. Diesen Ansatz bringt der Timpanist Rainer Seegers so zum Ausdruck: "Man riskiert so viel wie möglich. Aber man hat die Chance, dass etwas entsteht, das man nicht wieder machen kann."

Ein Blick in die Zukunft

Was kann man in der Petrenko-Ära der Berliner Philharmoniker erwarten? Matthew Hunter deutet es an: "Ich kann nicht voraussagen, wie Petrenko unseren Klang in den kommenden fünf bis zehn Jahren entwickeln wird. Aber ich würde sagen, wir kehren zu etwas zurück."

Rainer Seegers wird da deutlicher: "Da kommt wieder so was, was vor urlanger Zeit mit Karajan auch war. Der Klang der Berliner Philharmoniker, den es mal gab, wiederherzustellen: Ich glaube, das ist sein geheimes Ziel."

Petrenko und sein Orchester auf der Bühne (picture-alliance/dpa/B. von Jutrczenka)

Zum Schluss lässt Petrenko die Orchestergruppen aufstehen

Zum jetzigen Augenblick steht aber erstmal die frisch gebackene Partnerschaft im Vordergrund, die von einer Art Flitterwochen-Gefühl überlagert wird. Am 24. August wird das Programm wiederholt - am Brandenburger Tor vor einem Publikum von bis zu 32.000 Menschen samt Übertragung auf eine LED-Wand, ins Fernsehen und zur Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker. Um 20 Uhr mitteleuropäischer Zeit geht es los.

Und wie ging die Aufführung am 23. August zu Ende? Mit nicht enden wollenden Ovationen, etlichen Vorhängen und den üblichen Ritualen: Einzelne Instrumentengruppen nahmen den Applaus entgegen, Chor, Vokalsolisten - und immer wieder erschien der Maestro, der glücklich und erlöst wirkte. Das hätte vermutlich eine gute halbe Stunde so weiter gehen können. Irgendwann standen jedoch Orchester- und Chormitglieder auf und gingen. Dann lichteten sich auch im Auditorium die Reihen etwas. Es ging aber mit dem Applaus immer noch weiter. Endlich kam dann Kirill Petrenko alleine heraus, ein letztes Mal, und verbeugte sich vor dem Rest-Publikum. So als wollte der bescheidene Maestro nochmal sagen: "Ja, ich bin es!"

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