Kinder in Aleppo: ″Lieber sterbe ich″ | Nahost | DW | 21.10.2016
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Syrienkrieg

Kinder in Aleppo: "Lieber sterbe ich"

Aleppo gleicht einem "Schlachthaus", sagt UN-Menschenrechtskommissar Seid Raad al Hussein. Besonders dramatisch sei die Lage für Kinder. Manche würden depressiv und entwickelten Selbstmordgedanken, warnen Experten.

Es ist ein Bild, das unter die Haut geht: Der blutverschmierte kleine Omran aus dem syrischen Aleppo sitzt in einem Krankenwagen und starrt ins Leere, die Kleidung zerrissen, das Haar voller Staub. Das Foto, das ein Aktivist vor einigen Wochen geschossen hatte, löste weltweit Entsetzen aus, denn der apathische Blick des Kleinkindes ließ nur erahnen, was der Krieg in seiner Heimat, in ihm und bei vielen anderen Kindern und Jugendlichen auslöst.   

Wochenlang litt Aleppo nun wieder unter den Bombardierungen der syrischen Regierung und Russlands - seit Donnerstag herrscht eine Feuerpause. Die Stadt ist am heftigsten umkämpft im syrischen Bürgerkrieg. Mehr als 250.000 Menschen sollen nach UN-Angaben im belagerten Ostteil eingeschlossen sein. Die letzten Bombardierungen waren die schwersten seit Beginn des Krieges 2011.

Über 500 Menschen wurden allein bei der letzten Offensive seit dem 22. September getötet, 2.000 verletzt. Rund ein Viertel der Opfer sind Kinder. Ihre Zahl könnte dramatisch steigen, denn es halten sich nach Schätzungen des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen UNICEF etwa 100.000 Kinder und Jugendliche in dem Ostteil der Stadt auf.

"Mittelalterliche Zustände"

Der syrische Junge Omran Daqneesh sitzt in einem Krankenwagen

Das Foto des verletzten Omran schockierte die Welt

UN-Menschenrechtskommissar Seid Raad al Hussein bezeichnete das Bombardement und die Belagerung der syrischen Stadt als Kriegsverbrechen. Es handele sich um "Verbrechen historischen Ausmaßes", sagte al Hussein in einer per Video zum UN-Menschenrechtsrat in Genf übertragenen Rede. Die einst blühende Großstadt sei heute "ein Schlachthaus".

Trotz der von Russland zugesagten Feuerpause: Verletzte und Kranke können nicht aus der Stadt gebracht werden. Den Vereinten Nationen ist ein Transport derzeit noch zu unsicher. Es fehlten die Sicherheitsgarantien, sagte ein Sprecher am Freitag. "Unter diesen mittelalterlichen Zuständen leiden die Schwächsten am meisten", sagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon.

Selbstmordgedanken bei Kindern

Das kann auch die Nothilfe-Koordinatorin der SOS-Kinderdörfer in Syrien, Katharina Ebel, bestätigen. Die Kinder seien psychisch stark belastet. Sie warnt vor starken Depressionen, die sogar zu Selbstmordgedanken bei Kindern führen könnten.  "Ein Junge, der sich das Leben nehmen wollte, war erst zwölf Jahre alt", sagte sie der "Passauer Neuen Presse".

"Bislang haben wir es noch immer verhindern können, dass sich die Kinder selbst töteten", sagte Ebel. Aber täglich gebe es Kinder, die sagen: "Lieber sterbe ich, als das noch länger mitzumachen." Die tiefe Verzweiflung treibe sie zur Aggression gegen sich selbst und andere. "Viele schlafen auch nicht mehr oder haben Albträume und sind dann tagsüber vollkommen erschöpft." Auch auf der Webseite der UNICEF-Kampagne #ChildrenofSyria berichten Kinder von ihrem schwierigen Alltag. Nicht nur der Gang zur Schule ist lebensgefährlich, auch die Schulgebäude selbst werden angegriffen  etwa 4.000 Mal seit Beginn des Krieges. Doch auch wer versucht sich in Schutz zu bringen, kann getötet werden: Die Organisation Safe the Children berichtet von Bomben, die auch Bunker durchbrechen können.

Spielende Kinder in Aleppo

Man müsse den Kindern Vertrauen zurückgeben, sagt Katharina Ebel von den SOS-Kinderdörfern in Syrien

Erlebnisse zu extrem

SOS-Kinderdörfer haben in jeder Einrichtung in Syrien Psychologen und Sozialarbeiter, "die einzeln mit den Kindern reden, versuchen, an die Traumata heranzukommen, den Kindern Vertrauen zurückzugeben", erzählt Ebel. "Manchmal gelingt es einfach nicht, weil die Erlebnisse zu extrem sind. Wenn ein Kind gesehen hat, wie seine Eltern umgekommen sind, unter Trümmern begraben wurden, das Zuhause verloren ist, dann ist das Sicherheitsgefühl oft für lange Zeit verloren.“

In wenigen Wochen beginnt der Winter in Syrien. Viele Kinder und ihre Familien sind laut UNICEF bereits am Rande ihrer Kräfte. Die Kinder sind besonders von Frosttemperaturen und Schneestürmen bedroht, die in den vergangenen Jahren immer wieder auftraten. Doch auch rund 600 Kilometer weiter östlich - in der irakischen Stadt Mossul - bangt das Kinderhilfswerk um die Kleinsten. Mehr als 500.000 Kinder und ihre Familien seien bei der Rückeroberung der Stadt in extremer Gefahr, heißt es.

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