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Kernfusion: deutsche Startups wollen ersten Reaktor bauen

2. Juli 2026

Global liefern sich viele Unternehmen ein Rennen darum, wer den ersten wirtschaftlichen Reaktor für Kernfusion baut. Auch deutsche Startups sind dabei, unterstützt von Konzernen und privaten Investoren.

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Internationales Forschungsprojekt ITER | Versuchs-Kernfusionsreaktor
Der Joint European Torus (JET) nahe Oxford in Großbritannien war eine bis 2023 betriebene Testanlage und ein Vorläufer für das weltweit größte Fusionsexperiment, ITER, in Frankreich.Bild: CEA-IRFM/EUROfusion/ZUMA Wire/IMAGO

Der Traum von der Kernfusion geht so: massiv Energie für die Welt, ganz ohne klimaschädliche Treibhausgase und radioaktiven Müll.

Inzwischen gibt es ein globales Rennen um die Technologieführerschaft. Milliarden werden investiert - und zwar nicht nur von staatlicher Seite. Auch Unternehmen und private Investoren stecken viel Geld in die Vision von sauberer Energie.

Dabei ist es bis zu einem wirtschaftlichen Fusionskraftwerk noch ein langer Weg und es ist unklar, ob das Ziel überhaupt erreicht wird. Aber wenn es erreicht wird, lockt ein riesiger Markt. Bis 2050 könnte der Fusionsenergiesektor ein Volumen von mehr als 350 Milliarden US-Dollar haben, schätzt die Internationale Energie Agentur (IAEA). 

Der Energiehunger der Menschen wächst und wächst - getrieben nicht zuletzt durch die Elektrifizierung der Wirtschaft. Und die Rechenzentren, die für Künstliche Intelligenz (KI) nötig sind, haben den Appetit kräftig gesteigert. Kernfusion sieht da wie die ideale Lösung aus.

Das Prinzip: Leichte Atomkerne verschmelzen miteinander und bilden so neue Elemente und Energie, die in Form von Wärme frei wird. Diese Wärme lässt sich zur Stromerzeugung nutzen - unabhängig vom Wetter, versorgungssicher, ohne fossile Energien und ohne Treibhausgase. Im Gegensatz zur herkömmlichen Atomenergie, bei der Energie dadurch gewonnen wird, dass Atomkerne gespalten werden, ist bei der Kernfusion das Risiko eines Unfalls nur sehr gering und es fällt kein radioaktiver Müll an.

Vier Startups in Deutschland…

Jahrzehntelang fiel der Blick beim Thema Kernfusion vor allem auf staatlich unterstützte Großprojekte wie ITER (International Thermonuclear Experimental Reactor). Hier sind 35 Länder dabei, einen Versuchsreaktor in Südfrankreich zu bauen, darunter die EU-Staaten, die USA, Russland und China. Seit Beginn der Bauarbeiten 2007 sind die Kosten gewaltig gestiegen, während sich die Fertigstellung immer weiter verzögerte. Derzeit ist die Inbetriebnahme für den Zeitraum 2034-36 geplant.

Weltweit wurden aber auch viele Unternehmen gegründet, die ebenfalls den Bau eines Kernfusionsreaktors vorantreiben wollen.

Mittlerweile arbeiten rund 77 Unternehmen daran, die Kernfusion zur Marktreife zu bringen, so ein Bericht der EU-Organisation Fusion for Energy (F4E). Die meisten (42) sind in den USA, acht in China und sechs in Großbritannien. Auch in Deutschland haben sich vier Startups positioniert: Focused Energy, Marvel Fusion, Proxima Fusion und Gauss Fusion.

Investitionen in Kernfusion steigen rasant

Kernfusion ist nicht nur forschungsintensiv, sie ist auch sehr teuer. Zwar möchte Deutschland gerne die Technologieführerschaft übernehmen, aber das meiste private und staatliche Geld fließt in den USA und China.

Vor allem in jüngster Zeit ist die Euphorie für die Kernfusion gestiegen. Unternehmen und Investoren scheinen den Trend nicht verpassen zu wollen und schießen immer mehr Geld in die Entwicklung. Lässt man öffentliche Gelder außen vor, wurden bis Ende 2025 an die 13 Milliarden Euro in die private Fusionsforschung gesteckt. Allein seit Juni 2025 seien die Investitionen damit um 30 Prozent gewachsen, so der F4E-Bericht.

Der Großteil (53 Prozent) fließt zu den US-Unternehmen und etwa ein Drittel zu chinesischen Unternehmen. "Tatsächlich gibt es in beiden Märkten bereits einige 'Einhörner' mit einer Bewertung von über einer Milliarde US-Dollar," so F4E.

Der Rest, gut 700 Millionen Euro, geht an die acht europäischen Unternehmen. Wobei die deutschen Startups Marvel Fusion und Focused Energy die höchsten Summen erhalten haben.

Dominanz von den USA und China befürchtet

Ein Ungleichgewicht, das an die Entwicklung in manch anderen Wirtschaftsbereichen erinnert. Ob Solarpaneele, Windkraft, Halbleiter, E-Autos, Raumfahrt, soziale Medien oder KI - mit großer Finanzkraft und staatlicher Unterstützung haben sich oft die USA oder China zum Marktführer entwickelt.

Während in China der Staat viel in die Kernfusion investiert, wird die Branche in den USA stark von privaten Investoren unterstützt - auch von Seiten der Big Tech. Beispielsweise gibt Google seit über zehn Jahren dem US Unternehmen TAE Technologies nicht nur hunderte Millionen Dollar, sondern Google-Ingenieure arbeiten auch direkt vor Ort in der Entwicklung bei TAE mit.

China Hefei 2026 | Baustelle des Fusionsreaktors BEST
Baustelle des Fusionsreaktors Burning Plasma Experimental Superconducting Tokamak (BEST) in ChinaBild: Zhou Mu/Xinhua/IMAGO

Daneben hat Google Geld in das größte US-Fusionsunternehmen, Commonwealth Fusion Systems (CFS), gesteckt und einen Vertrag unterzeichnet über den Kauf von Strom.

Das US-Unternehmen Helin Energy wird von Sam Altmann, dem CEO von OpenAI, unterstützt. Auch Microsoft hat bei Helion Energy einen Stromabnahmevertrag abgeschlossen.

Vorteile Deutschlands

Natürlich besteht die Gefahr, dass deutsche Unternehmen abgehängt werden, sagt Markus Roth. Der Professor der TU Darmstadt hat 2021 das Startup Focused Energy mitgegründet. Optimistisch sei er trotzdem. "Auch wenn andere Länder deutlich höhere Investitionen zurzeit tätigen, haben wir das bessere Ökosystem zur Verfügung, auf dem wir aufbauen können", glaubt Roth. Wobei das Ökosystem aus Forschungseinrichtungen, Startups und Industrieunternehmen besteht. Daher könnten deutsche Unternehmen auch mit weniger Investitionen schneller vorankommen, meint Roth.

Im Gegensatz zu den meisten Wettbewerbern setzt Focused Energy auf Lasertechnologie. Dass die funktionieren kann, wurde Ende 2022 gezeigt, als es Forschenden in Kalifornien zum ersten Mal gelungen war, bei einer Kernfusion im Labormaßstab mehr Energie zu gewinnen, als aufgewendet wurde, um den Prozess in Gang zu setzen.

So setzt inzwischen auch der Energiekonzern RWE auf die Kernfusion und hat Focused Energy im Mai dieses Jahres weitere 60 Millionen Euro gegeben. Außerdem soll auf dem ehemaligen Kernkraftwerksgelände von RWE in Biblis ein Prototyp für ein Fusionskraftwerk gebaut werden.

Deutschland Biblis 2007 | Kernkraftwerk Biblis
Von der Kernkraft zur Kernfusion: Das Gebäude des ehemaligen Kernkraftwerk Biblis will Focused Energy für die Entwicklung eines Reaktors zur Kernfusion nutzenBild: Ute Grabowsky/photothek/picture alliance

Nebeneffekte auf Wirtschaft erhofft

Eines der großen Hindernisse auf dem Weg zum Fusionsreaktor sei der schnelle Aufbau von Lieferketten, sagt Roth. Zwar sei die deutsche Optikindustrie führend auf dem Weltmarkt, es gebe aber noch Handlungsbedarf. "Wir müssen in Deutschland lernen, Lasersysteme so zu bauen, wie wir Autos bauen - am Fließband, aber mit hoher Präzision," so Roth. So könne sich die Optikindustrie zu einem bedeutenden Stützpfeiler der deutschen Wirtschaft entwickeln.

Von der Kernfusion erhofft man sich noch weitere Nebeneffekte, beispielsweise durch die Entwicklung neuer Materialien und Methoden. Bei Focused Energy gibt es bereits solch einen Effekt. So lässt sich moderne Lasertechnologie beispielsweise auch für zerstörungsfreie Prüfverfahren nutzen.

Mit speziellen Lasern können Objekte durchleuchtet werden, um Inhalte zu prüfen, ohne diese Objekte zu öffnen beziehungsweise zu zerstören. Das hilft beispielsweise beim Umgang mit Behältnissen, die nukleares Material enthalten, bei Containern, die in Häfen ankommen oder auch bei Brücken aus Beton. Es gebe ein riesiges Marktpotential, so Roth.

Der erste Fusionsreaktor? Anfang der 40er Jahre!

Auch die Bundesregierung sieht in der Kernfusion viel Potential und definiert sie als eine der sechs Schlüsseltechnologien für Deutschlands Zukunft, so die Hightech Agenda Deutschland aus dem Juli 2025. Zudem wurden über zwei Milliarden Euro in dieser Legislaturperiode an öffentlichen Investitionen für die Kernfusion zugesagt.

Inbetriebnahme des JT-60SA, des weltweit größten Kernfusionsreaktors, in Naka, Japan 2023
In Japan wurde der Kernfusionsreaktor JT-605SA in Naka im Rahmen eines deutsch-japanischen Forschungsprojektes 2023 in Betrieb genommenBild: National Institutes for Quantum Science and Technology (QST)/AFP

Bis zur tatsächlichen Stromerzeugung wird es aber noch dauern. Focused Energy plant, bis 2037 einen Prototypen für ein wirtschaftlichen Fusionsreaktor zu bauen. "Anfang der 40er Jahre wird sich dann das First-of-a-Kind anschließen", so Markus Roth, "das erste kommerzielle Fusionskraftwerk".

Bis dahin muss aber noch viel Geld fließen. Pro Jahr brauche Focused Energy derzeit zwischen 150 und 200 Millionen Euro, sagt Roth. "Und das wird mit der Zeit steigen. Wir gehen davon aus, dass ein erstes Pilotkraftwerk einige Milliarden an Euro kosten wird.", so Roth. Ohne Staat werde das nicht gehen.

Insa Wrede, DW-Mitarbeiterin
Insa Wrede Redakteurin in der Wirtschaftsredaktion