Jeder fünfte COVID-19-Patient kann psychische Probleme bekommen | Wissen & Umwelt | DW | 11.11.2020
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Jeder fünfte COVID-19-Patient kann psychische Probleme bekommen

Angststörungen, Depressionen und Schlaflosigkeit sind laut einer neuen Studie der Oxford University häufige Langzeitfolgen einer COVID-19-Erkrankung.

Rund ein Jahr nach Auftreten des neuartigen Coronavirus SARS CoV-2 wissen wir, dass der aggressive Erreger nicht nur die Lungen und Atemwege angreift, sondern auch dem Herzen, den Gefäßen, Nerven, Nieren und der Haut  schwer zusetzen kann. Im Juli schockierte die Nachricht britischer Neurologen, dass SARS CoV-2 selbst bei Patienten mit leichten Symptomen oder bei bereits Genesenen schwerwiegende Schäden am Hirn und am Zentralen Nervensystem auslösen kann, die Psychosen, Lähmungen und Schlaganfälle verursachen und oftmals nur spät erkannt werden.

Nun fanden Wissenschaftler des Oxford Health Biomedical Research Centre heraus, dass eine COVID-19-Erkrankung bei jeder fünften Person zu psychischen Problemen führen kann. Vor allem die Isolation sorge vermehrt zu Angststörungen, Depressionen und Schlaflosigkeit. Veröffentlicht haben die Forschenden ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift "Lancet Psychiatry".

Bei fast 6 Prozent erstmals psychische Probleme diagnostiziert

Für die großangelegte Studie werteten sie gemeinsam mit dem Gesundheitsnetzwerk TriNetX rund 70 Millionen anonymisierte elektronische Patientenakten aus den USA aus. Darunter waren auch 62.000 COVID-19-Patienten mit mildem Krankheitsverlauf. Untersucht wurde, ob bei diesen Patienten im Zweitraum von zwei Wochen nach bis drei Monate nach der Diagnose psychische Probleme auftraten.

Woman Awake In Bed Suffering With Insomnia

Angststörungen, Depressionen und Schlaflosigkeit sind häufige Langzeitfolgen.

Laut Studie wurde bei 18,1 Prozent der COVID-19-Patienten in diesem Zeitraum eine psychische Erkrankung diagnostiziert, also bei etwa jedem fünften an COVID-19 Erkrankten. Und bei 5,8 Prozent von ihnen wurde eine psychische Erkrankung zum ersten Mal festgestellt. 

Vergleich mit anderen Krankheiten

Um sicherzustellen, dass diese psychischen Erkrankungen im direkten Zusammenhang mit COVID-19 stehen, wurden die Daten zudem mit sechs weiteren Erkrankungen im gleichen Zeitraum verglichen: Mit Grippe, anderen Atemwegs-Infekten, Hautinfektionen, Gallensteinen, Steinen im Harntrakt sowie mit Knochenbrüchen. Bei diesen Erkrankungen wurden allerdings nur 2,5 bis 3,4 Prozent psychische Probleme diagnostiziert. 

"Dieser Befund war unerwartet und muss untersucht werden. In der Zwischenzeit sollte das Vorliegen einer psychiatrischen Störung in die Liste der Risikofaktoren für COVID-19 aufgenommen werden", sagte Max Taquet vom National Institute for Health Research und einer der Studienautoren. 

Studie nicht überinterpretieren

Gleichzeitig warnen aber auch die britischen Forschenden davor, die Auswertung der elektronischen Gesundheitsakten überzubewerten, denn für einige Auffälligkeiten gibt es noch keine schlüssige Erklärung. So bestehe laut der Daten für Menschen mit einer psychischen Erkrankung ein zu 65 Prozent erhöhtes Ansteckungsrisiko für SARS CoV-2. 

Symbolbild | Quarantäne | Cornavirus

Bewegungsmangel und fehlende Tagesstrukturen belasten die Psyche zusätzlich

Außerdem wurde Demenz bei COVID-19-Patienten innerhalb der drei Monate doppelt so häufig diagnostiziert wie sonst. Das muss aber nicht bedeuten, dass SARS CoV-2 einen direkten Einfluss auf das Gehirn hat.

Möglicherweise wurde die Demenz auch einfach häufiger diagnostiziert, weil mehr Menschen untersucht wurden, so Paul Harrison, Professor für Psychiatrie an der University of Oxford.

Viele Risiko-Faktoren nicht berücksichtigt

Außer acht blieben auch das Geschlecht oder Alter der Patienten, ob sie rauchen oder Drogen konsumieren - alles Faktoren, die das Risiko einer psychischen Erkrankung erhöhen. Unberücksichtigt blieben auch sozioökonomische Aspekte und der allgemeine Stress durch die Pandemie.

Dabei ist das Risiko einer Erkrankung für Menschen aus ärmeren Verhältnissen aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen und beengter Wohnverhältnisse höher. Sie leiden auch häufiger an psychischen Erkrankungen.

Erst die kommenden Jahre werden zeigen, in welchem Umgang das neuartige Coronavirus tatsächlich Langzeitschäden und psychische Erkrankungen verursacht.