Jeder dritte Arbeitnehmer von Kurzarbeit bedroht | Wirtschaft | DW | 30.04.2020
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Arbeitsmarkt

Jeder dritte Arbeitnehmer von Kurzarbeit bedroht

Normalerweise sinkt die Zahl der Arbeitslosen im April - jetzt ist sie gestiegen. Doch das wahre Ausmaß der Corona-Krise zeigen die Anträge auf Kurzarbeit. Die haben selbst die düstersten Prognosen übertroffen.

Für 10,1 Millionen Menschen haben Deutschlands Unternehmen bis zum 26. April Kurzarbeit angemeldet. Diesen Rekordwert gab die Bundesagentur (BA) für Arbeit am Donnerstag in Nürnberg bekannt.

Damit ist jeder Dritte der rund 33 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von Kurzarbeit bedroht. Die Zahl hat alle Prognosen von Volkswirten bei weitem übertroffen. Die Schätzungen der Experten hatten zwischen drei und sieben Millionen Menschen gelegen.

"Das heißt aber nicht, dass diese Menschen schlussendlich auch alle kurzarbeiten werden", unterstrich die BA.

Viel mehr als in der Finanzkrise

Der bisherige Rekordwert der Bundesagentur für Arbeit für dieses arbeitsmarktpolitische Instrument stammt aus dem Mai 2009. Damals waren 1,44 Millionen Menschen in Kurzarbeit. Im gesamten Krisenjahr 2009 waren 3,3 Millionen Anzeigen für Kurzarbeit bei der Bundesagentur eingegangen.

Die Kurzarbeit dient dazu, Arbeitnehmer mit staatlicher Hilfe im Job zu belassen und Entlassungen zu vermeiden. Laut BA haben bisher 751.000 Betriebe angekündigt, davon Gebrauch zu machen. Die Unternehmen sparen dadurch Lohnkosten, die Bundesanstalt für Arbeit zahlt den Empfängern 60 Prozent ihrer Nettobezüge, für Eltern sind es 67 Prozent. Bei längerer Kurzarbeit sind bis zu 87 Prozent möglich.

In den USA, wo es das Instrument der Kurzarbeit nicht gibt, haben seit Mitte März mehr als 26 Millionen Menschen ihren Job verloren - so viele wie nie zuvor in solch kurzer Zeit.

Ungewöhnlich: Mehr Arbeitslose im April

Doch auch in Deutschland kann Kurzarbeit einen Anstieg der Arbeitslosigkeit nicht verhindern. So waren im April 308.000 Menschen mehr arbeitslos als im Vormonat.

Insgesamt waren damit 2,6 Millionen Menschen offiziell arbeitslos. Die Arbeitslosenquote stieg um 0,7 Prozentpunkte auf 5,8 Prozent.

Es war das erste Mal seit der Nachkriegszeit, dass die Arbeitslosigkeit in einem April gestiegen ist, sagte BA-Chef Detlef Scheele. Normalerweise sinkt die Arbeitslosigkeit in diesem Monat wegen der Frühjahrsbelebung am Arbeitsmarkt.

Deutschland Detlef Scheele gibt Arbeitsmarktzahlen für August 2017 bekannt (picture alliance/dpa/D. Karmann)

"Schwerste Rezession" - BA-Chef Detlef Scheele

Scheele machte auch deutlich, dass die Probleme gerade erst begonnen haben. "Die Corona-Krise dürfte in Deutschland zur schwersten Rezession der Nachkriegszeit führen", sagte der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur, Detlef Scheele. "Dadurch gerät auch der Arbeitsmarkt stark unter Druck."

Die Nachfrage nach Arbeitskräften sei parallel zum Anstieg der Arbeitslosigkeit und zum noch nie da gewesenen Niveau bei der Kurzarbeit regelrecht eingebrochen. Im April 2020 waren nur noch 626.000 unbesetzte Stellen bei den Arbeitsagenturen gemeldet, 169.000 weniger als noch vor einem Jahr.

Jobs mit Zukunft

Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Reiner Hoffmann, begrüßte das von der Bundesregierung geplante Konjunkturprogramm und sagte, dabei müsse in nachhaltige und moderne Arbeitsplätze investiert werden, weil Themen wie Klimawandel und Digitalisierung durch die Corona-Krise nicht verschwänden.

Im Hinblick auf möglichen Lohnverzicht zur Bewältigung der Corona-Folgen äußerte sich der DGB-Vorsitzende zurückhaltend: "Von der Parole, den Gürtel enger zu schnallen, halte ich nichts."

Die Sozialpartner hätten sich bislang in der Krise verantwortungsbewusst gezeigt und die Gewerkschaften wollten die Wirtschaft ebenso wieder zur Normalität zurückbringen wie die Arbeitgeberseite. "Aber wenn sie wieder läuft, müssen die Beschäftigten auch wieder angemessen an den Gewinnen beteiligt werden", so Hoffmann.

bea/ul (dpa, Reuters, AFP)

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