Jaafar, shu fi? Als ginge uns der Terror gegen Muslime nichts an! | Deutschland | DW | 19.03.2019
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Kolumne

Jaafar, shu fi? Als ginge uns der Terror gegen Muslime nichts an!

Es ist erstaunlich ruhig unter Politikern und Medien in Deutschland nach dem Anschlag auf zwei Moscheen in Neuseeland. Sind uns die Opfer hier nicht so wichtig, fragt sich Jaafar Abdul Karim.

Am Sonntagabend stand ich in Berlin vor der neuseeländischen Botschaft. Außer mir waren nur zwei weitere Menschen da. Ehrlich gesagt war ich erschrocken und bin seitdem nachdenklich geworden. Irgendetwas in mir sucht nach Antworten auf folgende Fragen: Warum ist die Anteilnahme der Menschen in Deutschland mit dem Opfern von Christchurch so gering? Warum gibt es keine großen Solidaritätsbekundungen? Vielleicht hat Innenminister Horst Seehofer doch recht, wenn er sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Anders kann ich es mir bis jetzt noch nicht erklären.

Muslime in arabischen Ländern und auch in Deutschland fragen sich: Wären die Opfer nicht-muslimisch und der mutmaßliche Täter muslimisch, hätten dann die Medien anders darüber diskutiert? Warum vermeiden manche, den mutmaßlichen Attentäter einen Terroristen zu nennen? Es scheint fast so, als ob Terroristen stets eine bestimmte Religion haben müssten. Bei diesem Terroranschlag ist es eben anders. Die Muslime sind selbst die Opfer und nicht die mutmaßlichen Täter.

Neuseeländische Botschaft in Berlin (DW/J. Abdul Kareem)

Einige Zeichen der Trauer und Solidarität vor der Botschaft Neuseelands in Berlin am Sonntag

Warum versammeln sich internationale Politiker nicht wie nach den Anschlägen in Paris auf der Straße, um gegen dieses Verbrechen zu protestieren? Derartige Fragen haben mir muslimische Zuschauer und User geschickt, als ich mich auf meine Sendung Shababtalk zu dem Anschlag vorbereitet habe. Und ich fragte mich: Verfallen wir in Deutschland in die gleichen Muster wie die Menschen in der arabischen Welt? Wenn die Opfer nicht muslimisch sind, dann ist der Aufschrei nicht groß und die Solidarität nicht sichtbar.

Wäre der Terrorist ein Muslim gewesen, dann stünde wieder einmal der gesamte Islam im Fokus der Aufmerksamkeit. Jetzt ist der Terrorist ein weißer Mann, und keine Bevölkerungsgruppe wird dafür verantwortlich gemacht, sondern der Angreifer gilt schlicht als Einzeltäter. Wann gilt eine Einzeltat als repräsentativ für eine gesamte Gruppe, wann spielt dies keine Rolle? Im Fall von Christchurch verlangt niemand von einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, sich von der Tat zu distanzieren. Und weiße Männer müssen jetzt nicht fürchten, am Flughafen genauer kontrolliert zu werden.

Muslime in Deutschland haben Angst

Eine Studie in den USA hat folgendes ergeben: Amerikanische Medien berichten wesentlich häufiger, wenn der Täter Muslim ist, obwohl Rechtsextremisten in den Vereinigten Staaten deutlich mehr Anschläge begehen. Über Attentäter, die als muslimisch gelten, werde 449 Prozent häufiger berichtet als über nicht-muslimische Attentäter. Ob das in Deutschland auch so ist, dazu gibt es noch keine Studie.

Schon zwei Tage nach dem Anschlag war in einigen deutschen Medien keine Headline mehr zum Thema zu sehen. Ganz unten, nach viel runterscrollen, findet man einige Informationen. Wo sind die Talkshows dazu geblieben?

In Deutschland leben etwa fünf Millionen Muslime. Ich habe am vergangenen Freitag eine Moschee besucht, um die Muslime über den Terroranschlag in Neuseeland zu fragen. Und ja, die Menschen dort sagten mir, dass sie Angst haben. Sie fühlen sich unsicher. Die Polizei registriert jährlich Hunderte islamfeindliche Taten. In Dresden gab es sogar einen Sprengstoffanschlag auf eine Moschee. In den ersten neun Monaten des Jahres 2018 wurden nach vorläufigen Erkenntnissen 578 islamfeindliche Straftaten gezählt. Die Täter waren fast immer Rechtsextremisten.

Der Terror kennt keine Religion

Eine Frau mit Kopftuch sagte mir: "Ich habe Angst, dass sowas in Deutschland auch passiert!" Mit dieser Meinung ist sie heute nicht mehr alleine. Wir dürfen nicht vergessen, was im Jahr 2009 in einem Dresdner Gerichtssaal geschah, als die ägyptisch-stämmige Muslimin Marwa Sherbini von einem Rechtsextremisten niedergestochen und getötet worden ist.

Die Moschee, die ich besuchte, wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Und hier schließt sich der Teufelskreis. Ich  höre immer wieder: Muslime sind ja selber schuld. Ihre Religion steht doch für Gefahr und Unterdrückung und ist nicht mit der Demokratie vereinbar. Ich bin der Erste, der sagt, dass man den Islam kritisieren soll, aber diese muslimischen Opfer verdienen auch unsere Empathie. Es muss möglich sein zu unterscheiden.

Schüsse in Moschee in Neuseeland (picture-alliance/dpa/M. Hunter)

Die Al Noor-Moschee von Christchurch, in der mehr als 40 Menschen während des Freitagsgebets getötet wurden

Die Menschen in Christchurch wurden ermordet, während sie gebetet haben. Sie waren unschuldig. Religionsfreiheit und die freie Religionsausübung ist ein Menschenrecht, das respektiert und geschützt werden muss. Das steht in jeder westlichen Verfassung. Man muss unterscheiden zwischen Islamkritik und Islamophobie. Denn diese Muslime repräsentieren nicht den radikalen extremistischen Islam - genau wie die Europäer nicht das rechtsextremistische Gedankengut des mutmaßlichen Täters repräsentieren.

Ich suche weiterhin nach Erklärungen: Kann es auch sein, dass Neuseeland zu weit weg ist und wir uns deshalb mit den Opfern nicht identifizieren? Wäre es anders, wenn es in Deutschland oder Europa passiert wäre, weil wir uns mehr als Deutsche und Europäer definieren? Aber Menschen sind doch überall Menschen - unabhängig von der Religion, Hautfarbe oder Ethnie!

Ja, es ist zu befürchten, dass eines Tages auch extremistische Muslime wieder einen Terroranschlag verüben. Auch da wollen und müssen wir solidarisch sein. Terror kennt keine Religion.

Jaafar Abdul Karim, 37, ist Redaktionsleiter und Moderator der arabischsprachigen Jugendsendung "ShababTalk" der Deutschen Welle. Das Format erreicht mit seinen gesellschaftskritischen Themen ein Millionenpublikum in Nordafrika, Nahost und der Golfregion. Geboren wurde Jaafar Abdul Karim in Liberia, seine Eltern stammen aus dem Libanon. Dort sowie in der Schweiz wuchs er auf, studiert hat er in Dresden, Lyon, London und Berlin, wo er heute lebt. Seine Kolumne heißt "Jaafar, shu fi?", arabisch für: "Jaafar, was geht?"

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