ITB: Zwischen Politik und Reiselust | Wirtschaft | DW | 05.03.2019
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Reiseindustrie

ITB: Zwischen Politik und Reiselust

Klimakollaps und immer mehr politische Krisen - kann man trotzdem noch unbeschwert Urlaub machen? Die Tourismusbranche ist hin- und hergerissen. Das Geschäft boomt trotzdem. Aus Berlin Sabine Kinkartz.

Ein Meer bunter Fahnen flattert vor dem Haupteingang zum Berliner Messegelände im Wind. Bis zum 10. März hat die Internationale Tourismusbörse ITB, die weltweit größte Reisemesse, ihre Tore geöffnet. Rund 10.000 ausstellende Unternehmen aus 181 Ländern und Regionen haben in den komplett ausgebuchten Messehallen ihre Stände aufgebaut. Es ist eine Hochglanzbranche. Verkauft werden Träume und Sehnsüchte für die schönsten Wochen es Jahres. Auf großen Plakaten locken Sonne und Meer, weiße Strände und fröhlich dreinblickende Menschen aus fremden Kulturen.

Weltweit ist der Tourismus ein boomendes Milliardengeschäft. Jedes Jahr machen sich mehr Menschen auf den Weg, um ihren Urlaub in anderen Ländern zu verbringen. 2018 waren es mehr als 1,4 Milliarden Reisende, ein Plus von sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Deutschen haben daran einen nicht unerheblichen Anteil. 20 Tage war jeder Deutsche statistisch gesehen 2018 auf Reisen - das ist ein neuer Rekord. Zählt man die Ausgaben vor Ort im Urlaubsland dazu, haben sich die Bundesbürger das 95,6 Milliarden Euro kosten lassen. Ein Plus von fünf Prozent.

Die Schattenseiten des Reisebooms

Doch die wachsende Touristenzahl bleibt nicht ohne Folgen. Ob Venedig, Amsterdam oder Dubrovnik: Das Gedränge ist an manchen Orten unerträglich geworden. Overtourism nennt man das. Davor kann auch die Reisebranche ihre Augen nicht verschließen. "Das Lächeln der Mona Lisa vergeht einem, wenn man von hunderten Menschen umgeben ist", räumt Michael Frenzel, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft ein. Die Branche bemühe sich um Lösungen, um die Menschenmassen zeitlich und räumlich zu entzerren. Wohin das führen wird, macht derzeit Venedig vor. Dort wird es in Zukunft Einlassbeschränkungen und gestaffelte Eintrittspreise für die Stadt geben.

Auch mit Blick auf den Klimawandel sind die wachsenden Urlauberzahlen ein Problem. Zum Start der ITB rief Bundesentwicklungsminister Gerd Müller die Tourismusbranche zu mehr Nachhaltigkeit auf. Reisen müssten klimaneutral sein. Ende 2018 rief Müller die "Allianz für Entwicklung und Klima" ins Leben. Unternehmen, die sich beteiligen, verpflichten sich, CO2-Emissionen zu vermeiden und zu reduzieren. Die verbleibenden Emissionen kompensieren sie durch Projekte in Entwicklungsländern, etwa zur Förderung erneuerbarer Energien oder zum Schutz des Regenwaldes.

Politik interessiert kaum

Das Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz bewegt viele Touristen, das geht aus entsprechenden Umfragen der Reisebranche hervor. Die politische Lage in einem Urlaubsland ist hingegen für eine Buchungsentscheidung nur bedingt ausschlaggebend. Für die Urlauber ist vor allem wichtig, dass es in Hotelanlagen und an den Stränden ruhig und sicher ist.

Türkei Tourismus l Urlaub - Resort (picture-alliance/Anton Belitsky)

Wieder deutlich mehr Türkei-Urlauber

So sind auch die Buchungszahlen für das laufende Jahr zu erklären. Neben Spanien und Griechenland liegt die Türkei bei den Lieblingsdestinationen der Deutschen ganz vorne. Um 58 Prozent sind die Buchungszahlen in das politisch weiter hoch umstrittene Land gestiegen. Vor den Anschlägen und dem gescheiterten Putschversuch hatten 5,6 Millionen Deutsche Urlaub in der Türkei gemacht. 2016 waren es nur noch 2,5 Millionen. Jetzt sind die früheren Rekordzahlen beinahe wieder erreicht.

Juden und Homosexuelle in Malaysia

Auch Ägypten ist neben Tunesien, Bulgarien und Kroatien inzwischen wieder gut nachgefragt. "Es sind die klassischen Pauschalreiseländer, die deutlich wachsen", sagt Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbands, der sich sicher ist, dass die Deutschen auch 2019 in Reiselaune bleiben. Zwar hätten die Buchungen im Januar noch zwei Prozent unter den Zahlen des Vorjahres gelegen, aber nach dem Rekord-Sommer 2018 würden die Entscheidungen diesmal einfach später fallen.

Die Branche tut sich schwer, wenn es um Menschenrechte und Meinungsfreiheit in den Urlaubsländern geht. Beispiel Malaysia. Die ITB hat das südostasiatische Land 2019 zum Partnerland der Messe erkoren. Eine Entscheidung, die umstritten ist. Im vergangenen Herbst verurteilte in Malaysia ein Scharia-Gericht zwei lesbische Frauen zu Peitschenhieben. Homosexuelle werden mit Haftstrafen bis zu 20 Jahren bedroht. Malaysias Premierminister Mahatir Mohamad äußert sich zudem immer wieder abfällig über Juden, die er unter anderem als "hakennasig" bezeichnet und ihnen einen "instinktiven Sinn für Geld" nachsagt. 

Deutschland Messe ITB Berlin 2019 l Malaysias Minister für Tourismus Datuk Mohamaddin bin Ketapi (picture-alliance/dpa/B. von Jutrczenka)

Malaysias Minister für Tourismus Datuk Mohamaddin bin Ketapi zu Besuch auf der ITB.

Der Kunde ist König

Ob sich Juden und Homosexuelle sicher fühlen könnten, wenn sie Urlaub in Malaysia machten, wird der malaysische Tourismusminister Datuk Mohamaddin bin Ketapi zur Eröffnung der Reisemesse von einem Journalisten gefragt. Für derartige Fragen sei er nicht nach Berlin gereist, erwidert der Minister. "Dazu sage ich nichts." Der Journalist fragt nach. Es gebe in seinem Land keine Homosexualität, wehrt der malaysische Politiker diesmal ab. "Wir haben das Problem nicht." Deshalb könne er die Frage gar nicht beantworten. 

Wie geht die Messe Berlin mit so einer Aussage um? Christian Göke, Vorsitzender der Geschäftsführung, der bei der Eröffnung neben dem Minister sitzt, windet sich bei der Antwort. "Ein Gastgeber hört zu und nimmt zur Kenntnis." Allerdings sei die ITB ja gerade eine Plattform, um umstrittene Themen wie dieses zu diskutieren, auch mit Betroffenen und lokalen Autoritäten. "Je exponierter einer unserer Gäste und Kunden sich auf der ITB präsentiert, umso höher ist seine Verpflichtung, sich eben solchen Fragen zu stellen und Antworten zu geben." Der Messegesellschaft stehe es allerdings nicht zu, Äußerungen ihrer Kunden zu bewerten, so Göke. "Wir sind ein Gewinn erzielendes Unternehmen."

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