Italien, Corona und die Liebe zur Pizza | Europa | DW | 13.04.2020
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Corona-Pandemie

Italien, Corona und die Liebe zur Pizza

Pizza nach neapolitanischer Art hat die UNESCO 2017 zum Weltkulturerbe erklärt. Doch wegen der Corona-Pandemie sind die Pizza-Bäckereien geschlossen. Zeit für Pizzaiolos und Fans, kreativ zu werden.

Italien und Pizza - das gehört für viele Menschen untrennbar zusammen. Doch die Ausgangssperre wegen der Corona-Pandemie macht auch vor diesem leckerem Weltkulturerbe nicht Halt. Rund 76.000 Pizzabetriebe im ganzen Land sind betroffen, vom Lieferdienst bis zur klassischen Pizzeria. 16 Prozent dieser Betriebe stehen in der südwestlichen Provinz Kampanien, rund um Neapel. Die Schließung ihrer Geschäfte lässt Pizzabäcker und Bürger in der Region verzweifeln und verursacht bei manchem sogar eine Identitätskrise.

Die zu Hause festsitzenden Pizzaiolos, wie man die geschickten Pizzabäcker nennt, überschwemmen die sozialen Medien derzeit mit Videos - auf der Suche nach Anerkennung, Unterstützung und um ihrem Frust Luft zu machen. Indem sie ihre kühnen Teigwürfe, drehenden Handbewegungen und Rezepte teilen, zeigen sie den Italienern, wie sie Pizza nach neapolitanischer Art in ihrer heimischen Küche zubereiten können.

"Wir vermissen das Feuer des Pizza-Ofens"

Auch Errico Porzio, ein Pizzaiolo aus Neapel und Besitzer von sechs Pizzerien mit mehr als 60 Angestellten, teilte sein Pizza-Tutorial auf seiner Facebook-Seite. Innerhalb weniger Tage gab es fast eine halbe Million Zugriffe. "Das bedeutet", sagt er, "dass die Leute wirklich zu Hause bleiben und das Bedürfnis verspüren, Pizza zu machen."

Neapel's Pizza-Restaurants verlagern Arbeit nach Hause (Facebook/Pizzeria Porzio)

Errico Porzio zeigt seine Kunst als Pizzaiolo auf Facebook

Er richtete mehrere Chatgruppen innerhalb der Pizzaiolo-Gemeinschaft ein, um anderen, die sich um ihre Arbeitsplätze und Geschäfte sorgen, Mut machen zu können. Die meisten befürworten die Ausgangsbeschränkungen, andere sind verärgert oder können es sich schlicht nicht leisten, ihr Geschäft so lange zu schließen. "Diejenigen, die Geld gespart haben, können ein oder zwei Monate durchhalten, aber andere sind in ernsthaften Schwierigkeiten", sagt Porzio. Um den Beschäftigten ein Einkommen zu sichern und die Restaurantbesitzer zu entlasten, hat die Regierung einen Fonds eingerichtet. "Aber natürlich vermissen wir alle das Feuer aus unseren Pizza-Öfen."

Auch Egidio De Cicco, ein Pizzaiolo aus der Stadt Quindici, 40 Kilometer östlich von Neapel, würde gerne arbeiten. Nach bisherigem Stand soll die Sperre noch bis Mitte April andauern. Er hofft, dass er danach die staatlichen Gelder nicht mehr in Anspruch nehmen muss. "Was ich am meisten vermisse, ist der Kontakt zu den Menschen. Sie bringen einen dazu, das, was man tut, noch mehr zu lieben."

Pizza-Nostalgie am heimischen Herd

Egidio macht derzeit weiterhin Pizza für seine Familie. "Heutzutage würde in Kampanien jeder für einen Pizzaiolo zu Hause sterben", sagt er lachend. Für viele ist es Tradition, einmal pro Woche in einer Pizzeria zu essen. Da ihre Lieblingsrestaurants geschlossen sind, führen die Einheimischen ihren Brauch nun zu Hause weiter.

Neapel's Pizza-Restaurants verlagern Arbeit nach Hause (DW/D. De Lorenzo)

Egidio Di Cicco backt Calzone für seine Familie daheim

"Es gibt viel Pizza-Nostalgie. Wir versuchen sie zu Hause nachzumachen, aber es ist leider kein Vergleich", sagt die 36-jährige Roberta Esposito aus Portici in der Nähe von Neapel. Sie arbeitet weiterhin als Koordinatorin in einem Heim für Jugendliche, wo auch ihre Schützlinge sich untereinander beibringen, wie man Pizza macht.

"Das ist mein Zeitvertreib"

Paola Dalla Monica ist dagegen zu Hause, nachdem ihr Restaurant im Herzen von Neapel wegen der Corona-Pandemie schließen musste. Die Entscheidung des Präsidenten der Region Kampanien, Vincenzo De Luca, Gaststätten zu schließen, "unterstütze ich, trotz der Wirtschaftskrise", sagt sie. Ihr Restaurant hatte erst im November eröffnet. Ihre Investitionen wollte sie eigentlich während der Frühlings- und Sommersaison wieder hereinholen.

Jetzt verbringt sie ihre Tage damit, zu Hause zu kochen. "Das ist ein Zeitvertreib, meine Tage vergehen schneller", sagt sie. Sie folgt dem Pizza-Rezept ihrer Großmutter. "Es macht Spaß, sie selbst zu machen, aber wenn ein Pizzaiolo sie macht, ist es viel befriedigender."

Neapel's Pizza-Restaurants verlagern Arbeit nach Hause (DW/D. De Lorenzo)

Claudia Giardiello hat festgestellt, dass viele Italiener Hefe durch Sauerteig zu ersetzen versuchen

Weil immer mehr Menschen versuchen, Pizza selbst zu backen, werden Hefe und Mehl in den Supermärkten Mangelware. "Die Leute tauschen jetzt Videos darüber aus, wie man Sauerteig macht, um die Hefe zu ersetzen", sagt Claudia Giardiello, die am Rande der Stadt Benevento lebt. Die Zubereitung der perfekten Pizza ist ein regelmäßiges Gesprächsthema im Freundes- und Familienkreis. "Ich glaube, wir essen doppelt so viel Pizza wie früher."

Von vorne anfangen

Die Pizzabranche war in den vergangenen zehn Jahren exponentiell gewachsen - und mit ihr der Profit. Doch nach dem Ende des Lockdowns dürfte sie sich nur langsam erholen. "Pizza in Neapel ist wie Kaffee. Diese Gewohnheit wird sich nicht ändern", sagt Porzio. "Aber die neuen Einschränkungen nach der Wiedereröffnung werden dazu führen, dass sich unser gesamtes Geschäftsmodell ändern muss. Wir müssen mit Tisch-Reservierungen arbeiten und den Lieferservice ausbauen."

Egidio, seit zehn Jahren ein Pizzaiolo, sagt, er lebe von einem Tag auf den anderen. "Die Menschen haben ihre Liebe zur Pizza bewiesen. Das macht uns Pizzaiolos stolz. Und wenn das alles vorbei ist, wird die Pizza sicher noch mehr geliebt werden als jetzt."

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