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Ist der schwache Dollar eine Gefahr für Europa?

Arthur Sullivan
29. Januar 2026

Der Euro ist gegenüber dem US-Dollar auf dem höchsten Stand seit 2021. Das hat Konsequenzen für europäische Unternehmen und Verbraucher. Sollte die Zentralbank eingreifen?

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Illustration | Dollar gegen Euro Scheine
Der Euro hat gegenüber dem US-Dollar deutlich zugelegtBild: LUNAMARINA/imageBROKER/picture alliance

Der US-Dollar verliert gegenüber wichtigen Währungen weiter stark an Wert und setzt damit den Trend von 2025 fort. Im vergangenen Jahr verzeichnete die US-Währung den stärksten Verlust seit fast einem Jahrzehnt.

Das Minus gegenüber einem Korb verschiedener Währungen betrug 2025 fast zehn Prozent. Seit Jahresbeginn 2026 ging es um weitere 2,6 Prozent abwärts.

Der Wertverlust des Dollars hat Auswirkungen auf den Euro und andere Währungen. Die europäische Einheitswährung hat nun zum ersten Mal seit 2021 die Marke von 1,20 US-Dollar erreicht. Auch das britische Pfund und der japanische Yen kletterten gegenüber der US-Währung ebenfalls auf neue Höchststände.

Mehrere Ökonomen und Analysten führen den anhaltenden Wertverlust des Dollars auf das mangelnde Vertrauen der Anleger in die US-Währung zurück, da die Unvorhersehbarkeit der Politik von US-Präsident Donald Trump weiterhin Anlass zur Sorge gibt.

Es gibt auch die Ansicht, dass Trump und viele Mitglieder seines Wirtschaftsteams einen Wertverlust des Dollars wünschen, in der Hoffnung, dass dies US-Exporte günstiger und damit wettbewerbsfähiger machen würde.

Trump hat wenig unternommen, um diese Vermutungen zu zerstreuen. Als er in dieser Woche gefragt wurde, ob er sich wegen des schwachen Dollar Sorgen mache, antwortete er: "Nein, ich finde das großartig."

Stephen Miran, früher Vorsitzender des Wirtschaftsberaterstabs von Trump und jetzt Mitglied im Verwaltungsrat der US-Notenbank Fed, veröffentlichte im November 2024 einen "Leitfaden zur Umstrukturierung des globalen Handelssystems"

Zölle und die Dollar-Abwertung werden dort als wichtige Instrumente aufgeführt, um das Handelsdefizit der USA zu reduzieren.

Warum betrifft das Europa?

Die Dollarschwäche wirkt sich nicht nur auf die US-Wirtschaft aus, sie hat auch Folgen für die Wirtschaft der Eurozone und den Euro. Die Gemeinschaftswährung hat 2025 gegenüber dem Dollar 13 Prozent an Wert gewonnen - der stärkste Anstieg seit 2017.

Der Anstieg des Euro spiele "eine wichtige Rolle für die Wirtschaftsleistung, den Arbeitsmarkt und die finanzielle Lage der Haushalte" in der EU, sagt Jack Allen-Reynolds, stellvertretender Chefökonom für die Eurozone bei Capital Economics.

"Ein stärkerer Euro macht Exporte weniger wettbewerbsfähig, das schadet den Herstellern in der Region", so Allen-Reynolds zur DW. "Andererseits werden Importe billiger, das lässt Preise für Verbraucher sinken."

Ein Jahr Trump: die Wirtschaftsbilanz

Ricardo Amaro, Chefökonom für die Eurozone bei Oxford Economic warnt, dass ein weiterer Anstieg des Euro gegenüber dem Dollar die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen, die viel in die USA exportieren, zunehmend beeinträchtigen könne.

Das werde zwar etwas dadurch ausgeglichen, dass US-Produkte in Europa günstiger sind, so Amaro. Insgesamt aber würde sich der derzeitige Wechselkurs, wenn er denn so bleibt, negativ auf das Wachstum in Europa auswirken.

"Nach unseren Berechnungen würde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Eurozone in diesem Jahr um etwa 0,2 Prozent niedriger ausfallen, wenn der Euro-Dollar-Wechselkurs auf dem aktuellen Niveau (von 1,20 USD) bleiben würde, anstatt bei der Marke von 1,16 Dollar, die nach dem EU-US-Handelsabkommen Ende Juli als Referenzpunkt diente", so Amaro zur DW.

Gemischtes Bild für Exporteure

Zsolt Darvas weist jedoch darauf hin, dass die europäischen Exporte auch in Zeiten, in denen der Euro deutlich höher bewertet war als heute, weiterhin gut abschnitten.

Der aktuelle Wert von 1,20 Dollar liege immer noch unter dem Niveau von 2021 und deutlich unter dem Bereich von 1,30 bis 1,50 Dollar, der von 2004 bis 2014 häufig zu beobachten war, sagte der Makroökonom des Thinktanks Bruegel in Brüssel zur DW.

"Der leichte Rückgang des Dollar in letzter Zeit dürfte in Europa keine nennenswerten wirtschaftlichen Probleme verursachen", sagte Darvas. Doch weil Exporteure von Trumps Zollpolitik sehr getroffen wurden, gebe es nun die Befürchtung, dass ihnen ein ungünstiger Wechselkurs "einen weiteren Schlag versetzen könnte".

USA Edgemere 2025 | Volkswagen Werk USA
Für viele europäische Firmen sind die USA ein wichtiger Absatzmarkt. Autobauer befürchten, ein starker Euro könne ihrer Wettbewerbsfähigkeit schadenBild: Evelyn Hockstein/Reuters

Unternehmen im Aktienindex STOXX Europe 600, der die wichtigsten europäischen Unternehmen umfasst, erzielen laut Goldman Sachs rund 30 Prozent ihrer Einnahmen in den USA.

Gefährdet durch den schwachen Dollar seien unter anderem die Pharma- und die Automobilbranche, sagt Ricardo Amaro. Andererseits könne die Abhängigkeit der USA von europäischen Pharmaprodukten mögliche Schäden ausgleichen, fügt er hinzu.

Jack Allen-Reynolds verweist unterdessen auf die allgemein schwachen Exporte der Eurozone in den letzten Jahren, insbesondere aufgrund des stärkeren Wettbewerbs aus China in gleich mehreren Branchen.

"Wir bezweifeln, dass die bisherigen Entwicklungen einen sehr großen Einfluss auf die Nachfrage nach europäischen Exporten haben werden", sagt er, "aber sie werden sicherlich nicht hilfreich sein."

Sollte die EZB einschreiten?

Der Anstieg des Euro gegenüber dem Dollar hat Spekulationen darüber ausgelöst, ob die Europäische Zentralbank (EZB) in irgendeiner Form intervenieren sollte.

Martin Kocher, Gouverneur der österreichische Zentralbank, hält den jüngsten Euro-Anstieg für "moderat". Sollte der Euro jedoch weiter aufwerten, müsse die EZB eingreifen.

Euro-Skulptur, Frankfurt Main
Auch die Währungshüter der EZB in Frankfurt haben den Kursanstieg des Euro gegenüber dem Dollar im BlickBild: Daniel Kalker/picture alliance

Schon jetzt versuche die EZB, die Markterwartungen zu beeinflussen, etwa indem hochrangige EZB-Vertreter erklären, sie würden "die Situation beobachten, und Bedenken über die jüngsten Entwicklungen äußern", sagt Ricardo Amaro. "Dies bringt das Thema Zinssenkung auf den Tisch und wirkt der Aufwertung des Euro entgegen."

Auch Jack Allen-Reynolds sieht keine Notwendigkeit, aufgrund der bisherigen Wechselkursveränderungen zu handeln. Er glaubt jedoch, dass weitere Veränderungen dazu führen könnten, dass die EZB im Laufe dieses Jahres die Zinsen senkt.

Und Zsolt Darvas argumentiert, dass die aktuellen inflationären Auswirkungen nahe Null liegen und kein Sektor besonders anfällig sei. "Die Wechselkurse haben in den letzten Jahrzehnten stark geschwankt. Unternehmen haben sich darauf eingestellt, viel größere Schwankungen zu bewältigen als die, die wir gerade sehen", so Darvas.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert.