Ist das Glas halb voll oder halb leer? | Wirtschaft | DW | 02.09.2016
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Wirtschaft

Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Risiken und Chancen der Weltwirtschaft werden auf einem hochkarätigen Treffen des "European House Ambrosetti" am Comer See diskutiert. Auch Italiens Ministerpräsident Renzi war zu Gast.

Er kommt im Hubschrauber: Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi ist eigentlich schon auf dem Weg nach China zum G20-Gipfel, aber an diesem Freitag will er sich noch zwei Stunden Zeit nehmen, um über die italienische Wirtschaft zu sprechen.

Eingeladen hat der italienische Think Tank "The European House Ambrosetti", der mittlerweile zu den einflussreichsten Europas gehört. Helmut Schmidt war acht Mal hier am Comer See, ebenso wie viele andere Politiker, Wirtschaftsführer und Staatsmänner.

Europa muss Antworten liefern

"Das Problem 2016 ist meiner Meinung nach nicht die Wirtschaft", sagt Renzi zum Auftakt seiner Rede und erklärt, dass es wirtschaftlich doch langsam wieder aufwärts gehe. Ganz anders verhalte es sich mit der politischen Lage in Zeiten von Terror, Flüchtlingskrisen und kriegerischen Auseinandersetzungen. Hier müsse Europa überzeugende Antworten liefern. "Europa sollte seine eigene starke Botschaft in Bezug auf Politik und Kultur haben", betont er und scheint selber noch nach Antworten zu suchen.

Diskutieren ohne Öffentlichkeit

Draußen patrouillieren Schnellboote der italienischen Polizei, im Saal wird heftig diskutiert. Vieles ist vertraulich und darf nicht zitiert werden. Prinz Turki Al-Faisal, Mitglied der saudischen Königsfamilie spricht über politische Risiken im arabischen Raum, die nicht ohne wirtschaftliche Folgen bleiben werden. Der ehemalige israelische Staatspräsident Shimon Peres ist auf der Rednerliste, ebenso wie Wu Hongbo, Vize-Generalsekretär der UNO, und viele Top-Ökonomen.

Unter den Teilnehmern sind Minister, EU-Kommissare, Mitglieder der europäischen Zentralbank und Unternehmenschefs. Zweieinhalb Tage lang geht es um globale Risiken für die Weltwirtschaft, um Europa und den Euro und um Führung in Krisenzeiten. Das Bedürfnis nach Gedankenaustausch ist groß.

Italien mit Sorgen

Matteo Renzi konzentriert sich dann doch auf die Wirtschaftslage Italiens. "Morgen werden die Schlagzeilen in den Zeitungen über Italien negativ sein", bedauert er. Das italienische Statistikamt meldete am Freitag, dass Italiens Wirtschaft im zweiten Quartal des Jahres gar nicht gewachsen sei. Auch im gesamten ersten Halbjahr 2016 lag das Wachstum nur bei 0,7%. Viele sprechen von Stagnation.

Renzi empört sich. Schließlich seien das viel bessere Zahlen als noch vor einem Jahr oder vor zwei Jahren. Über 500.000 neue Jobs seien dank der Arbeitsmarktreform seiner Regierung geschaffen worden. Doch: "Dass wir uns erholen bedeutet nicht, dass es uns gut geht", erklärt er selbstkritisch. Immer wieder erzählt er auch von Deutschland. Dort seien die notwendigen Reformen bereits vor vielen Jahren angestoßen worden, deshalb stehe die deutsche Wirtschaft jetzt so gut dar.

Deutsche Wirtschaft nicht nur positiv

Das Lob kann Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, DIW, nur bedingt teilen. Fratzscher ist vom European House Ambrosetti eingeladen worden, um zu den wirtschaftlichen Aussichten Europas zu sprechen.

"Deutschland steht im europäischen Vergleich zwar ganz hervorragend da", sagt er im Gespräch mit der DW. "Italien ist das große Sorgenkind mit einem riesigen Einbruch der Wirtschaftsleistung seit 2008, riesigen Schulden und einem großen Bankenproblem. Gleichzeit sollten wir in Deutschland bescheidener sein. Wir haben auch riesige Probleme bei der Wirtschaftspolitik, geringe private und öffentliche Investitionen. Also ein wenig Realismus und Bescheidenheit würde Deutschland gut tun."

Brexit könnte Wachstum bringen

Doch wie geht es weiter mit Italien? "Wir brauchen Zeit", ruft der italienische Ministerpräsident den Teilnehmern zu und betont: "Das Glas ist halb voll, nicht halb leer." Renzi versucht, Optimismus zu versprühen. Selbst im Brexit, dem geplanten Austritt Großbritanniens aus der EU, sieht er Chancen. Denn der europäische Wirtschaftsraum sei nach einem Brexit noch wichtiger als vorher. Es gebe Wachstumsmöglichkeiten, wenn die Briten nicht mehr dabei seien. Im Detail erklären möchte er das aber lieber nicht.

G20 Gipfel wartet

Vor der Tür glitzert die Sonne im wunderschönen Comer See. Matteo Renzi wirft nur einen kurzen Blick darauf. Er wäre gern geblieben, sagt er, und nicht nur die Italiener wissen, wie diskussionsfreudig ihr Ministerpräsident ist. Doch der Hubschrauber hebt ab, später wird er ein Flugzeug besteigen, um nach Hangzhou zum G20 Gipfel zu fliegen. Auch da geht es um die Lage der Weltwirtschaft und um die Risiken in Krisenzeiten.

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