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PolitikLibanon

Israels Ziele im Kampf gegen die Hisbollah

5. März 2026

Nach Angriffen der Hisbollah ist Israels Armee in den Libanon vorgerückt. Hinter dem Vorgehen stehen mehrere strategische Ziele - von der Schwächung der Miliz bis zur Eindämmung des iranischen Einflusses.

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Israelischer Luftangriff auf Dorf im Südlibanon nahe der Grenze. Über dem Dorf hängt schwerer Rauch
Israelischer Luftangriff auf das Dorf Khiam im Südlibanon nahe der GrenzeBild: Rabih Daher/AFP/Getty Images

In den vergangenen Tagen flog Israels Armee bereits mehrere Luftangriffe auf Stellungen der Hisbollah in Beirut und im Süden des Libanon, nun ist sie auch auf dem Boden auf libanesisches Gebiet vorgerückt. Damit reagierte sie auf Attacken der schiitischen Miliz. Diese hatte im Kontext des Krieges mit dem Iran erstmals in der Nacht zum Montag Ziele im Norden Israels mit Raketen und Drohnen beschossen.

Die militärische Eskalation ist damit Teil des größeren regionalen Konflikts. Aus Sicht der israelischen Führung geht es dabei nicht nur um eine unmittelbare Reaktion auf die Angriffe der Miliz. Vielmehr verfolgt Israel mehrere strategische Ziele - von der Schwächung der Hisbollah über die Stabilisierung der Nordgrenze bis hin zur Eindämmung des iranischen Einflusses in der Region. 

Nördliches Israel: Zerstörungen nach Raketenangriff der Hisbollah aus Libanon. Zu sehen ist ein zerstörter Eingang zu einem Haus. Im Vordergrund ein von Staub bedeckter Wagen
Nördliches Israel: Zerstörungen nach Raketenangriff der Hisbollah aus dem LibanonBild: Ayal Margolin/REUTERS

Beseitigung der militärischen Bedrohung

Israel betrachtet die Hisbollah als eine der größten militärischen Bedrohungen für das Land. Die schiitische Organisation verfügt über ein umfangreiches Raketenarsenal und eine vergleichsweise gut organisierte militärische Struktur. Nach Einschätzung israelischer Sicherheitskreise kann sie mit ihren Waffen nahezu ganz Israel erreichen.

Der Generalstabschef der israelischen Streitkräfte, Eyal Zamir, erklärte laut der Zeitung Haaretz, Israel werde den Krieg nicht beenden, solange die Bedrohung durch die Hisbollah nicht beseitigt sei. Ziel sei es, die militärischen Fähigkeiten der mit dem Iran verbündeten Miliz im Libanon langfristig zu schwächen oder zu zerstören.

Der Israel-Experte Peter Lintl von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin sieht darin eine veränderte militärische Logik. "Das ist generell die neue militärstrategische Ausrichtung Israels, die sich im Zuge des 7. Oktober entwickelt hat", sagt er. Ziel sei es inzwischen nicht mehr nur, Gegner einzudämmen, sondern "sie so zu bekämpfen, dass sie überhaupt keine Gefahr mehr darstellen".

Zugleich weist der Politologe auf Grenzen dieser Strategie hin: "Die Hisbollah ist weitgehend in der Gesellschaft verankert und ein fester Bestandteil der libanesischen Gesellschaftsstruktur." Eine vollständige Beseitigung der Organisation sei deshalb kaum realistisch. Wahrscheinlicher sei, dass Israel versuche, "eine Pufferzone im Süden zu errichten und dort Stellungen der Hisbollah einzunehmen".

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Schutz und Rückkehr der Bevölkerung im Norden Israels

Ein weiteres Ziel Israels ist es, die Sicherheitslage im Norden des Landes dauerhaft zu stabilisieren. Seit den Angriffen der Hamas auf Israel im Oktober 2023 und den folgenden Gefechten mit der Hisbollah wurden zahlreiche Orte nahe der libanesischen Grenze evakuiert. Zehntausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Wie die Zeitung Times of Israel berichtet, wurde von der israelischen Regierung "die sichere Rückkehr der Bewohner des Nordens in ihre Häuser" als weiteres Ziel der militärischen Operationen festgelegt.

Lintl kommt allerdings die politische Perspektive hierbei deutlich zu kurz. Es gehe derzeit vor allem darum, den Gegnern möglichst großen Schaden zuzufügen. Ein politisches Konzept für den Libanon sei dagegen kaum erkennbar. "Man kann eine politische Ideologie nicht aus der Welt bomben", betont Lintl. Militärischer Druck könne zwar Zeit verschaffen, löse das zugrunde liegende politische Problem aber nicht dauerhaft.

Israelische Panzer an der Grenze zum Libanon
Israelische Militärfahrzeuge an der Grenze zum LibanonBild: Shir Torem/REUTERS

Schwächung des iranischen Stellvertreter-Netzwerks

Israel betrachtet die Hisbollah auch als Teil eines größeren regionalen Bündnisses unter Führung des Iran. Dazu zählen neben der Miliz im Libanon unter anderem pro-iranische Gruppen im Irak und in Syrien sowie die Huthi im Jemen. Der israelische Generalstabschef Eyal Zamir erklärte laut der Jerusalem Post,Israel wolle die Bedrohung durch die "schiitische Achse" unter Führung des Iran beseitigen. In israelischen Analysen wird argumentiert, dass Teheran seinen Einfluss in der Region über solche Verbündeten ausübe und Konflikte mit Israel häufig indirekt über diese Gruppen austrage.

Lintl hält das Vorgehen grundsätzlich für nachvollziehbar. "Jeder Staat hat das legitime Interesse, dass seine Bewohner geschützt sind", sagt er. Israel habe nach den Angriffen der Hisbollah die Gelegenheit genutzt, militärisch gegen die Miliz vorzugehen. Gleichzeitig weist er auf die Folgen solcher Operationen hin. Der Schutz der israelischen Bevölkerung gehe häufig mit massiven Auswirkungen im Libanon einher: "Der Versuch, eine Pufferzone zu schaffen, bedeutet gleichzeitig, dass zehntausende Menschen aus dem südlichen Libanon evakuiert werden müssen."

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Verhinderung eines koordinierten Mehrfrontenkriegs

Eng verbunden damit ist das strategische Ziel, einen groß angelegten "Mehrfrontenkrieg" zu vermeiden. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte bereits im vergangenen Jahr, Israel befinde sich in einem derartigen Krieg mit dem Iran und dessen Verbündeten.

Israel sieht sich nicht nur mit der Hisbollah im Libanon konfrontiert, sondern auch mit der militant-islamistischen Hamas im Gazastreifen sowie mit weiteren mit dem Iran verbundenen Milizen in der Region.

Sicherheitsanalysen gehen davon aus, dass diese Akteure im Ernstfall gleichzeitig gegen Israel vorgehen könnten. Ein solcher koordinierter Angriff mit Raketen, Drohnen oder anderen Waffen würde die israelische Verteidigung erheblich belasten. Schätzungen zufolge verfügt allein die Hisbollah über bis zu 150.000 Raketen. Israel versucht daher, einzelne Akteure des iranischen Netzwerks militärisch zu schwächen, bevor es zu einer solchen Eskalation kommt.

DW Kommentarbild | Autor Kersten Knipp
Kersten Knipp Politikredakteur mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika
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