Israel, Russland und der neue Nahe Osten | Nahost | DW | 21.09.2015
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Nahost

Israel, Russland und der neue Nahe Osten

Bei seinem Besuch in Moskau hatte der israelische Premier Netanjahu einen umfassenden Themenkatalog im Gepäck. Es ging auch um kurzfristige Sicherheitsanliegen. Noch mehr dürften ihm die langfristigen am Herzen liegen.

In erster Linie braucht es Abstimmung. Politische und militärische. Bleibt sie aus, könnte es gefährlich werden. Dann könnten russische und israelische Kampfjets aneinandergeraten - versehentlich, infolge eines schlichten Missverständnisses. Deshalb muss man sich absprechen. Und man muss die Pläne des Gegenübers kennen.

Es waren keine allzu großen Wünsche, die der israelische Premier Benjamin Netanjahu in Moskau vortrug. Russland hat beschlossen, sich militärisch stärker denn je in Syrien zu engagieren, und dabei lässt es sich offenbar von niemandem abbringen. Von den USA nicht. Und von Israel auch nicht. Also musste es Netanjahu darauf ankommen, Israels wichtigstem Anliegen Gehör zu verschaffen, der nationalen Sicherheit. Dies gleich in doppelter Hinsicht, taktisch und strategisch.

Entladung eines russischen Transpotter in Latakia, 17.11.2013 (Foto: /RIA Novosti)

Nachschub: Entladung eines russischen Transporters im syrischen Latakia

Taktische Sorgen

Taktisch, indem die militärischen Oberkommandos beider Länder versehentliche Zusammenstöße vor allem in der Luft so gut wie möglich vermeiden. An die technischen Systeme der Russen hatte sich Israel in den vergangenen Jahren gewöhnt. Die SA-22-Luftabwehrraketen, die Syrien in Russland gekauft hat, stellten zwar lange Zeit eine große Gefahr für die israelische Luftwaffe dar. Aber irgendwann konnten sie das technisch beherrschen und hätten, wenn nötig, Angriffe auf das Gebiet des nördlichen Nachbarn fliegen können.

Nun werden diese Raketen von Russen bedient. Wie aber gehen sie mit diesen Waffen um? Wie und wann setzen sie sie ein, und vor allem: Wie identifizieren sie Flugzeuge im syrischen Luftraum, wie kann sich Israel gegenüber den Russen identifizieren? Dies ist umso wichtiger, als die Anti-IS-Koalition womöglich noch weitere Staaten umfasst. Sie alle müssen sich untereinander koordinieren.

Strategische Interessen

Strategisch sorgt sich Israel, dass russische Waffen in die falschen Hände gelangen könnten. Russland hat die SA-22-Raketen nicht nur an Syrien, sondern auch an Iran verkauft. Israel will unbedingt verhindern, dass diese Waffen in die Hände der Hisbollah gelangen. Bereits mehrfach hatte der Iran versucht, seinem libanesischen Verbündeten solche Raketen zukommen zu lassen.

Russland hat aber noch ganz neue Waffensysteme an Syrien abgegeben. Sie sind viel weiter entwickelt als etwa die SA-22-Raketen. "Diese Waffen sind höchst effektiv und genau, sie treffen ihre Ziele mit höchster Präzision", zitiert die "Jerusalem Post" einen namentlich nicht genannten syrischen Militär. "Wir haben alle Arten von Waffen: solche, mit denen man in der Luft, und solche, mit denen man am Boden kämpft."

Diese Waffen könnten die Manöver des israelischen Militärs erheblich einschränken. Umso mehr dürfte es Netanjahu darauf ankommen, dass sich Russland in Syrien nicht nur als kämpfende, sondern auch als ordnende Macht erweist. "Ein militärischer Außenposten in Syrien könnte auch die Stabilität in der Region fördern und einer Konfrontation zwischen Israel und radikalen Schiiten im Libanon vorbeugen", schreibt der israelische Verteidigungsspezialist Ron Ben-Yishai in einem Essay für das Portal i24news.tv.

Das Gleiche gilt auch im Hinblick auf den Iran: Auf der einen Seite hat er durch seine engen Beziehungen zu Russland wie auch den Abschluss der Atom-Vereinbarungen sein politisches Gewicht steigern können. Durch die russischen Militärposten könnte er nun noch näher an das verfeindete Israel heranrücken. Auf der anderen Seite könnte Russland aber auch mäßigend auf Teheran einwirken.

Eine Frau mit einem Plakat mit dem Gesicht von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, 26.05.2008 (Foto: AFP / Getty Images)

Feind Israels: Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah

Russlands führende Rolle im Syrienkonflikt

Netanjahu, deutet Ben-Yishai an, dürfte auch darum nach Moskau geflogen sein, weil Russland fortan offenbar eine führende Rolle im Syrien-Krieg einnehmen möchte. Bislang haben die USA gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat" nicht allzu viel ausrichten können. Vor wenigen Tagen bat der US-amerikanische Verteidigungsminister Ashton Carter seinen russischen Kollegen Sergej Schoigu, die amerikanischen Luftschläge gegen den IS zu koordinieren.

Tatsächlich, vermutet die arabische Zeitung "Al Hayat", dürfte Amerika im Kampf gegen den IS keine Führungsrolle anstreben. "Der amerikanische Präsident denkt darüber nach, ob er wirklich in die Syrien-Krise hineingezogen werden will. Das versucht er seit Jahren zu vermeiden. Darum dürfte er Russlands Kampf gegen den IS durchaus seinen Segen geben - jedenfalls solange, wie Putin von den USA nicht verlangt, auch dessen Allianz mit Assad gutzuheißen." Für Obama heißt das, gelegentlich beide Augen zuzudrücken.

Durch die sich abzeichnende Führungsrolle, schreibt "Al Hayat", gewinne Russland immer mehr politisches Prestige. "Putin", bemerkt der israelische Verteidigungsexperte Ben-Yishai, "spricht mit jedem, und jeder spricht mit ihm - zumindest, was den Nahen Osten angeht." Das Gleiche, deutet er an, könne Obama nicht von sich behaupten.

Angesichts des ebenso instabilen wie unabsehbaren Kräfteverhältnisses in der Region dürfte Netanjahu darum ein grundsätzliches Interesse daran haben, ein gutes Verhältnis zu Putin zu pflegen. Sollte es Russland tatsächlich gelingen, den IS zurückzudrängen oder sogar weitgehend zu vernichten, wird es dem militärischen ein langfristiges politisches Engagement folgen lassen müssen. Dabei wird es auch darauf ankommen, Iran und die Hisbollah zu einem neuen Verhältnis zu Israel zu bewegen. Auch darüber dürfte Netanjahu mit Putin gesprochen haben.

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