Islamisten ködern Jugendliche im Netz | Aktuell Deutschland | DW | 02.04.2019
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Extremismus

Islamisten ködern Jugendliche im Netz

Islamistische Propaganda bleibt in den sozialen Netzwerken weit verbreitet. Zu diesem Schluss kommt der Lagebericht "Islamismus im Netz 2018", der in Berlin vorgestellt wurde. Ein leichter Rückgang ist indes erkennbar.

Insgesamt wurden demnach im vergangenen Jahr 649 Angebote mit zusammen 872 Verstößen gegen gesetzliche Bestimmungen registriert, davon 85 Prozent auf den führenden Netzwerken Youtube, Instagram, Telegram und Facebook, teilte Stefan Glaser mit, der Leiter des gemeinsamen Kompetenzzentrums von Bund und Ländern für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet - jugendschutz.net. 

Dabei sei es in 491 Fällen um das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen gegangen, in 174 Fällen um Kriegsverherrlichung, in 172 Fällen um Gewaltdarstellungen und Verletzungen der Menschenwürde und in 35 Fällen um sonstige Gesetzesverstöße.

Leichter Rückgang zu 2017

Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies eine rückläufige Entwicklung. 2017 waren demnach noch 786 Angebote mit 1547 Gesetzesverstößen registriert worden. Eine Ursache dafür sei der starke Rückgang von IS-Propaganda nach dem Tod oder der Festnahme vieler Akteure und dem Verlust des zeitweise von der Dschihadistenorganisation kontrollierten Territoriums.

Die meisten der Verstöße (85 Prozent) entdeckte demnach jugendschutz.net selbst im Rahmen seines Monitoring. Auf die übrigen Fälle wurde das Kompetenzzentrum durch Hinweise von Partnerorganisationen, Jugendschutzeinrichtungen oder Beschwerden von Internetnutzern aufmerksam.

Löschungen und Sperrungen immer erfolgreicher

In 82 Prozent der 2018 entdeckten Fälle sei eine Löschung oder Sperrung erreicht worden. Ausschlaggebend war dabei der Studie zufolge fast ausschließlich - in 98 Prozent der Vorgänge - ein direkter Kontakt zum jeweiligen Provider.

Hohe Lösch- oder Sperrquoten erreichten vor allem Youtube (99 Prozent der beanstandeten Inhalte) und Instagram (98 Prozent), gefolgt von Facebook (82 Prozent). Deutlich geringer war die Erfolgsquote bei dem ursprünglich besonders in Russland verbreiteten Dienst Telegram (58 Prozent). Sonstige Plattformen kamen auf durchschnittlich 88 Prozent.

Generell knüpfe islamistische Propaganda häufig direkt an Sehgewohnheiten Jugendlicher an und versuche, diese in ihrer Lebenswelt abzuholen. Auf diese Weise sollten auch Nutzer erreicht werden, die zuvor keine Berührung mit extremistischen Gruppierungen hatten. Gezielt würden etwa aktuelle Debatten oder aktuelle Filme und Computerspiele aufgegriffen. Verschwörungstheorien würden genutzt, um Misstrauen gegen den Rechtsstaat zu schüren.

Schülerin mit Kopftuch (picture-alliance/dpa/F. May)

Bei dem #NichtohnemeinKopftuch wurde verbreitet, dass eine gute Muslima niemals auf ihr Kopftuch verzichtet

Verschörungstheorien durch das Streuen von Gerüchten

Auch bemühten sich die Autoren, an Diskriminierungserfahrungen muslimischer Jugendlicher "anzudocken". Ein Beispiel war demnach die Debatte um das Ausscheiden des türkischstämmigen Fußballers Mesut Özil aus der Nationalmannschaft. Appelle an das Gerechtigkeitsgefühl habe es auch im Rahmen der Twitter-Kampagne "#NichtOhneMeinKopftuch" gegeben, in der Gerüchte über ein in Deutschland drohendes Kopftuchverbot gestreut worden seien.

Zu einem der wichtigsten Verbreitungswege für islamistische Propaganda hat sich laut jugendschutz.net in den vergangenen Jahren der Dienst Telegram mit Sitz in Dubai entwickelt. Über Telegram seien 2018 auch konkrete Anleitungen für den "heimischen Kampf" verbreitet worden, beispielsweise zum Bau von Bomben oder zum Verüben von Anschlägen. Es gab dort demnach aber auch vermehrt subtilere Propaganda, etwa zugunsten einer "Gefangenenhilfe".

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey SPD bei einer Pressekonferenz zum Lagebericht Islamismus (imago images/photothek/F. Zahn)

Familienministerin Franziska Giffey bei der Vorstellung des Berichts "Islamismus im Netz 2018"

Vermeintliche Orientierungshilfe

"Islamistische Akteure kommunizieren bewusst wie Jugendliche und bieten sich als Vertraute an, die die Sorgen, Ängste und Fragen junger Menschen verstehen und ihnen Orientierung geben wollen", schrieb im Vorwort des Berichts Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD). Mit "lebensnahen Angeboten" versuchten diese, "Kinder und Jugendliche zu ködern" und "zum Mitmachen oder zur Weiterverbreitung islamistischer Inhalte" anzuregen.

Die Familienministerin will noch in diesem Jahr eine Novelle des Jugendschutzgesetzes auf den Weg bringen. Angesichts der Herausforderungen und Risiken durch neue Online-Kommunikationskanäle müssten die rechtlichen Rahmenbedingungen dringend geändert werden, sagte Giffey. Dazu zählten sichere Voreinstellungen in Online-Chats, leicht zugängliche Melde- und Hilfesysteme oder klare Alterskennzeichnungen.

as/hk (afp, kna, dpa)