Islamisch-Theologische Fakultät in Münster: "Meilenstein"
30. Juni 2026
Noch ist vieles eine Baustelle. Seit 2021 laufen im westfälischen Münster die Arbeiten für einen "Campus der Religionen" der Universität. 2027 soll er eingeweiht werden. Im Neubau werden dann die Katholische, die Evangelische, die Islamische Theologie und auch die Religionswissenschaften angesiedelt sein.
Mit der Gründung wurde ein Meilenstein erreicht: Erstmals gibt es in Deutschland und Europa an einer staatlichen Hochschule eine eigenständige Islamisch-Theologische Fakultät.
"Ich darf an einer einmaligen Geschichte mitwirken", sagt der Wissenschaftler Mouhanad Khorchide der DW. Nach 15 Jahren harter Arbeit an der Uni Münster erfülle ihn das mit tiefer Dankbarkeit. Zugleich spricht der 54-Jährige von großer Verantwortung. "Wir wollen diese einmalige Chance nutzen und für einen weltoffenen, aufgeklärten Islam einstehen." Das werde ausstrahlen in ganz Europa, aber auch in die islamische Welt.
Für Khorchide ändert sich mit dem 1. Juli viel – auch wenn er vorerst weiter in den gleichen provisorischen Räumen der Universität in der Nähe des Paulus-Doms der Stadt arbeiten wird. Bislang war der Soziologe und Religionspädagoge Leiter des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) an der Universität Münster. Nun ist er Gründungsdekan, also der erste Dekan der neuen Fakultät.
Die Aufwertung zur Fakultät verleiht der Islamischen Theologie innerhalb der Universität einen ganz anderen Stand und ist auch wissenschaftspolitisch von Bedeutung. Bislang war man als ZIT letztlich immer von einer "richtigen" Fakultät abhängig. Nun hat die Islamische Theologie mit der Neugründung eigenes Promotions- und Habilitationsrecht – das erleichtert Professoren den Aufbau einer eigenen Schülerschaft mit Breitenwirkung. Und auch die Anwerbung von Drittmitteln für die Forschung wird damit leichter.
Künftig mehr als 500 Studierende
Khorchide erinnert sich an die Anfänge des ZIT 2012 mit 15 Studierenden und drei Mitarbeitern. Künftig erwartet er mehr als 500 Studierende. Und schon jetzt sind es acht Professorinnen oder Professoren sowie mehr als 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Dekan macht sich keine Sorgen um die Nachfrage nach Studienplätzen. In Deutschland laufe die Einführung des Islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen. Allein das Bundesland Nordrhein-Westfalen brauche dafür bis zu 3000 Lehrkräfte – und habe bislang rund 330. Das biete eine konkrete Berufsperspektive.
Ab 2027 will Khorchide einen Master-Studiengang "Islam und soziale Arbeit" anbieten. Auch für diesen Schwerpunkt bestehe eine hohe Nachfrage, sagt er und verweist auf Bereiche wie Jugendarbeit, Krankenhaus-Betreuung, Altenpflege.
In Leitlinien verpflichtet sich die Fakultät unter anderem zur Vereinbarkeit von Glauben und Demokratie, zu einem wissenschaftlichen, zeitgemäßen Zugang zum Koran und einem interreligiösen Dialog. Zudem grenzt sie sich gegen Extremismus, Antisemitismus und Islamismus ab. "Wir setzen uns gegen jede Form religiös begründeter Gewalt und Ideologisierung ein", heißt es.
Khorchide zeigt sich ausgesprochen beeindruckt über das Interesse, das ihn seit Bekanntwerden der neuen Fakultät erreicht. Selbst Medien in Afrika und Asien hätten darüber berichtet. Ausdrücklich nennt er Indonesien, das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung weltweit. Von dort meldeten sich Leute, die weniger an einem Bachelor- oder Master-Studiengang interessiert seien, sondern an einer Promotion. "Weil sie genau diesen Islam wollen. Die Leute haben Sehnsucht nach einem weltoffenen Islam." Damit könne Münster längerfristig ausstrahlen auf den gesamten Diskurs um die Entwicklung des Islam.
Münster und Sarajevo
"Münster ist tendenziell immer stark in der Theologie gewesen", sagt Norbert Robers, der Pressesprecher der Universität, der DW. Nun kämen zum ersten Mal die beiden christlichen Konfessionen und die Islamische Theologie unter ein Dach, mit einer gemeinsamen Bibliothek, einer gemeinsamen Mensa. "Das hat eine hohe Symbolkraft". Münster biete somit die erste Fakultät für Islamische Theologie in Westeuropa und europaweit die erste an einer staatlichen Hochschule; in Sarajevo gibt es seit längerem eine Fakultät, die aber nicht staatlich eingebunden ist.
Robers würdigt auch die Arbeit der Professoren. Gerade Khorchide und der Religionsphilosoph und Islamwissenschaftler Ahmad Milad Karimi seien "international wahnsinnig gut verdrahtet". Das zeige beispielsweise die Nachfrage nach Hospitanzen und akademischem Austausch. Der Uni-Sprecher verweist darauf, dass der jetzige Schritt wie ein "reiner Verwaltungsakt" wirke und doch wichtige Rechtskraft habe. Zum Start sei für den 24. September ein Festakt in der Aula der Universität geplant.
Die CDU-Politikerin Annette Schavan, die von 2005 bis 2013 Bundesbildungsministerin war und in dieser Zeit maßgeblich für die Etablierung von Islamischer Theologie an deutschen Universitäten sorgte, nennt den jetzigen Schritt einen "Meilenstein". Die Eröffnung der Islamisch-Theologischen Fakultät bedeute "eine Stärkung der wissenschaftlichen Theologie insgesamt", schrieb sie Mitte Juni auf dem Portal des Kölner Domradios. "Die Fakultät wird europaweit wahrgenommen werden."