Iranischer Judoka Saeid Mollaei: Zur WM-Niederlage gezwungen | Sport | DW | 03.09.2019
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Judo

Iranischer Judoka Saeid Mollaei: Zur WM-Niederlage gezwungen

Eigentlich wollte der iranische Judoka Saeid Mollaei in Tokio seinen Weltmeistertitel verteidigen. Doch die iranische Führung untersagte es ihm - weil er im Finale gegen einen Israeli hätte kämpfen müssen.

"Ich bin ein Kämpfer. Ich möchte mich überall, wo ich kann, mit Gegnern messen. Aber ich lebe in einem Land, das es mir nicht erlaubt." Das sagt der iranische Spitzen-Judoka Saeid Mollaei in einem Youtube-Video, das der Weltverband IJF veröffentlichte. Der 27-Jährige kehrte von der WM in Tokio nicht in sein Heimatland zurück, sondern reiste nach Berlin. Mollaei wies Berichte zurück, nach denen er in Deutschland politisches Asyl beantragt habe. "Ich bin kein Flüchtling. Ich habe ein gültiges Visum und besitze auch eine Wohnung in Deutschland", sagte er dem TV-Sender "Iran International" in London.

#IsupportMollaei

Der Fall ist längst ein Politikum. Während der Iraner in Israel auf dem besten Weg zum Volkshelden ist und in den sozialen Netzwerken unter dem vom Weltverband IJF initiierten Hashtag #IsupportMollaei (Ich unterstütze Mollaei) eine Kampagne für den Judoka angelaufen ist, sind die Verantwortlichen im Iran alles andere als "amused". Der Chef des iranischen Nationalen Olympischen Komitees, Reza Salehi Amiri, warf IJF-Präsident Marius Vizer vor, Mollaei zu einem Asylantrag in Deutschland "ermuntert" zu haben.

Telefonanruf von höchster Stelle

Noch vor einem Jahr war Mollaei in seinem Heimatland gefeiert worden. In Baku hatte er den ersten Judo-Weltmeistertitel für Iran seit 15 Jahren geholt. Den wollte er nun in Tokio verteidigen. Mollaei war erneut in Topform und steuerte auf das Finale zu - genauso wie der israelische Judoka Sagi Muki. Und genau das rief die iranischen Sportfunktionäre auf den Plan. Ein Kampf gegen einen Israeli, das sei gegen das Gesetz, ließen die Funktionäre Mollaei wissen. Er solle aus dem Wettkampf aussteigen, forderte der stellvertretende iranische Sportminister Davar Zani und drohte Mollaei und seiner Familie Konsequenzen an, sollte er sich weigern.

Als der Judoka dennoch weiterkämpfte, erschien ein Vertreter der iranischen Botschaft in der Halle. Und schließlich rief auch noch NOK-Chef Amiri an. Laut IJF informierte er Mollaei, dass Sicherheitskräfte im Haus seiner Eltern seien. Bilder, die anschließend aufgenommen wurden, zeigten einen verzweifelten Sportler. Der Judoka trat zum Halbfinale an, verlor den Kampf aber ebenso wie anschließend den um Bronze - absichtlich, wie Mollaei sagt: "Ich habe nur 10 Prozent gegeben, damit ich nicht gegen das Gesetz meines Landes verstieß." 

"Wahrer Champion"

Der Israeli Sagi Muki wurde Weltmeister, Mollaei gratulierte via Instagram. Viele Israelis und Exil-Iraner feierten Mollaei auf den sozialen Netzwerken. "Du bist ein wahrer Champion und ein toller Mensch", schrieb etwa ein israelischer User, in einem anderen Kommentar hieß es: "Respekt, du bist ein tapferer Mann." Eine Iranerin bezeichnete die Machthaber in Teheran als "einziges Regime, dass seine Athleten aus politischen Gründen zwingt, gegen die Gegner zu verlieren. Das muss aufhören."

Auch der neue Weltmeister stärkte dem Iraner den Rücken. "Ich bin sehr traurig über die Situation, in der sich Mollaei befindet", sagte Muki der israelischen Zeitung "The Jerusalem Post". "Ich weiß, wie hart ein Athlet trainiert. Und wenn ihm dann so eine Gelegenheit aus politischen Gründen weggenommen wird, ist es sehr schmerzhaft. Mollaei ist ein großartiger Mensch und soweit ich es beurteilen kann, auch ein großartiger Athlet. Er verdient es nicht, so behandelt zu werden." Er träume davon, so Muki, gegen Mollaei bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio antreten zu können. "Ich möchte ihm die Hand schütteln und ihn umarmen. Zusammen können wir zeigen, dass der Sport über allem steht."

Im Flüchtlingsteam bei Olympia?

Ob Mollaei jedoch in Tokio starten kann, steht noch in den Sternen. IJF-Präsident Vizer habe ihm dafür seine Unterstützung zugesichert, sagt der Iraner. Der öffentlich geäußerte Zorn der iranischen Machthaber richtet sich gegen den IJF-Chef. In einer Regierungszeitung wurde ein Bild Vizers mit einem Zionsstern am Hals abgedruckt und von einer "Verschwörung gegen den Iran" geschrieben.

Vizer habe Mollaei garantiert, dass er bei Olympia im internationalen Flüchtlingsteam antreten könne, heißt es in dem Artikel. NOK-Chef Amiri habe sich bei IOC-Präsident Thomas Bach über diese "Einmischung" beschwert. Mollaei werde bei seiner Rückkehr nach Iran "als Champion mit offenen Armen empfangen", schrieb Amiri an Bach.

Judo - Saeid Mollaei (Getty Images/AFP/C. Triballeau)

"Nur 10 Prozent gegeben" - Mollaei (r.) im Kampf um WM-Bronze gegen den Georgier Luka Maisuradze

Seit der islamischen Revolution von 1979 dürfen auf Weisung der Machthaber in Teheran iranische Sportler nicht mehr gegen israelische Sportler antreten. So wurden 2017 die beiden iranischen Fußball-Nationalspieler Ehasan Hajsafi und Masoud Shojaei vorübergehend aus dem Nationalteam suspendiert, weil sie mit dem griechischen Verein, bei dem sie unter Vertrag standen, in der Europa League gegen den israelischen Verein Maccabi Tel Aviv gespielt hatten.

Bei der U23-WM der Ringer 2017 in Polen wurde der iranische Athlet Ali-Reza Karimi im Halbfinale von seinen Trainern lautstark angewiesen zu verlieren, weil im Parallelkampf ein Israeli auf der Matte stand. 

Auch Saeid Mollaei ist nun zwischen die Mühlsteine der Politik geraten. "Ich bin ein Athlet, kein Politiker", sagt der Judoka. "Ich habe mich niemals in die Politik eingemischt."

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