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Iran und Venezuela halten Ölmarkt in Atem

14. Januar 2026

Während die Ölmärkte im Fall von Venezuela relativ gelassen reagiert haben, sorgen die Unruhen und eine mögliche Eskalation in Iran für deutlich mehr Nervosität. Zu Recht?

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Ein Arbeiter steht mit einem Funkgerät vor einer Anlage der iranischen Ölindustrie
Streiken die Arbeiter der iranischen Ölindustrie?Bild: Mehr

Energie- und Rohstoff-Experten sind sich einig: Wenn die Situation in Iran aus dem Ruder läuft, dann hätte das massive Auswirkungen auf die globalen Öl- und Finanzmärkte. Denn Iran fördert viermal so viel Öl wie Venezuela, rechnet der Energieexperte Andreas Goldthau vor.

"Iran ist der drittgrößte Produzent innerhalb der OPEC, seine Produktion entspricht etwa vier Prozent der weltweiten Nachfrage. Venezuela produziert nur etwa ein Prozent. Geschätzt knapp zwei Millionen Barrel der iranischen Produktion gehen in den Export, in Venezuela sind es nur etwa 350.000. Ein Ausfall Irans wäre also deutlich stärker auf den Weltmärkten zu spüren", unterstreicht der Direktor der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt.

Im Falle Irans spiele außerdem immer die Angst vor einem regionalen Konflikt im Golf eine Rolle. "In der Region lagern etwa 50 Prozent der weltweiten Ölreserven, ein Drittel der globalen Ölproduktion findet im Nahen Osten statt. Politische Entwicklungen in Iran bewegen die Märkte daher deutlich stärker als dies bei Venezuela der Fall ist", so Goldthau.

Demonstranten und brennende Fahrzeuge bei Protesten in Teheran
Standbild eines Videos, das auf Social Media verbreitet wurde, auf dem brennende Autos und Demonstranten in Teheran zu sehen sind Bild: SOCIAL MEDIA/REUTERS

Das südamerikanische Land verfügt nach OPEC-Angaben mit schätzungsweise 303 Milliarden Barrel (ein Barrel entspricht 159 Litern) über die größten Ölreserven der Welt. Dabei handelt es sich aber vor allem um Schweröl, das nur mit spezieller Technik gefördert und raffiniert werden kann. Ein großer Anteil davon liegt im schwer zugänglichen so genannten Orinoco-Gürtel.

Abwärtsspirale in Venezuela

Iran leidet wie Venezuela unter internationalen Sanktionen seiner Ölindustrie. Es gibt kaum Zugang zu modernen Förder-Technologien, die Wartung ist aufgrund fehlender Ersatzteile und mangelnder Investitionen kostspielig. Außerdem ist der Sektor in staatlicher Hand, was den Zufluss ausländischen Kapital erschwert, erklärt Andreas Goldthau. Das gelte auch für die Verarbeitung: "Die Raffinerien des Landes stellen keine Erdölprodukte her, die den Qualitätsstandards westlicher Abnehmer entsprechen würden. Neben den Sanktionen ist dies auch eine Folge der Angriffe der USA und Israels auf den iranischen 'Midstream'-Sektor."

Darunter versteht man in der Öl- und Gasbranche den Transport, die Lagerung und die Erst-Verarbeitung von Rohöl und Erdgas nach der Förderung. Nach der Definition des US-Branchenverbands GPA Midstream Association sorgen Midstream-Unternehmen für effiziente Logistik und stabile Versorgung, unabhängig von Produktionsschwankungen wie in Venezuela oder Iran.

Rauch steigt nach einem israelischen Angriff auf ein Öllager im Juni 2025 hinter einer Reihe von mehrstöckigen Gebäuden auf. Im Vordergrund sind fahrende Autos auf einer sechsspurigen Straße zu sehen.
Rauch steigt am 16. Juni 2025 nach einem israelischen Angriff auf ein Öllager in Teheran aufBild: Vahid Salemi/AP Photo/picture alliance

Trotz aller Probleme sei aber der iranische Ölsektor erstaunlich resilient gewesen, sagt Experte Goldthau - jedenfalls was die Fördermenge angeht. Zwar habe die Ölproduktion nie wieder das Volumen der Zeit vor der Revolution von 1979 in Höhe von etwa sechs Millionen Barrel am Tag erreicht. Aber "nachdem die Fördermenge in den 1980er-Jahren auf zwei Millionen Barrel gefallen war, hat sie sich wieder stabilisiert und liegt heute bei etwas über vier Millionen Barrel pro Tag. Die Staatseinnahmen stehen trotzdem stark unter Druck. Iran muss seit Jahren Öl mit Abschlägen anbieten, um Abnehmer zu finden. Notwendige Investitionen in den Ölsektor finden also nicht statt."

Iranische Schattenflotte

Wie bei Russland spielt bei der Umgehung von westlichen Sanktionen eine Schattenflotte von Öltankern eine Schlüsselrolle. "Aufgrund des westlichen Sanktionsregimes sah sich Iran gezwungen, einen Teil seiner Produktion einzulagern. Neben den begrenzten Speichern an Land wurden dazu vermehrt Tanker genutzt", erklärt Andreas Goldthau.

Vor der Küste Indonesiens wird Öl von einem iranischen in einen panamaischen Tanker, die nebeneinander ankern, umgeladen
Illegaler Öltransfer zwischen einem iranischen (rechts) und einem panamaischen Öltanker vor der Küste von Indonesien im Januar 2021 Bild: Indonesian Maritime Security Agency/AP Photo/picture alliance

Diese schwimmenden Lager ankern vor allem in Südostasien und nahe an Verbrauchermärkten wie China, das mehr als 90 Prozent der iranischen Ölexporte aufnimmt. "Es lagern beispielsweise vor Malaysia auf hoher See signifikante Mengen an iranischem Öl. Hierzu nutzt Iran seine Nationale Iranische Tankergesellschaft, die eine der größten Tankerflotten der Welt betreibt."

Um die Sanktionen zu umgehen, würde außerdem wie bei russischen Öltankern, sanktioniertes iranisches Öl auf hoher See auf nicht-iranische Tanker umgeladen, um dann zu seinen Abnehmern gebracht zu werden.

Armut trotz Energiereichtum

Die Lage ist vergleichbar mit der in Venezuela: Die schlechte Energie-Infrastruktur sorgt dafür, dass Iran trotz seines Energiereichtums immer größere Probleme hat, seine Bevölkerung mit bezahlbarer Energie zu versorgen, während Energiesubventionen einen immer größeren Teil des Staatshaushalts auffressen. Die Folge: Wirtschaftskrise, Währungsverfall, Hyperinflation und Proteste in weiten Teilen des Landes.

Ein Szenario könnte besonders gefährlich für die herrschenden Mullahs in Teheran sein. Sollten sich die Arbeiter des iranischen Ölsektors den Protesten anschließen, dürfte es eng für sie werden. Noch ist unklar, ob es in der Provinz Khusistan, der wichtigsten Ölförderregion, zu Unruhen gekommen ist, und bislang gibt es keine Anzeichen für einen Rückgang der Rohölexporte, berichtet das US-Magazin Fortune.

Aber sollten die Ölarbeiter dem Aufruf von Reza Pahlavi, Sohn des ehemaligen Schahs, der im US-Exil lebt, folgen und streiken, wären die Folgen kaum abzusehen. 1978 hatten die Ölstreiks dazu geführt, dass die Monarchie in wenigen Monaten zusammenbrach und der schiitische Kleriker Ayatollah Khomeini die Herrschaft übernahm.

Der iranische Oppositionsführer Reza Pahlavi bei einer Pressekonferenz
Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schahs von Persien, rief die Arbeiter der iranischen Ölindustrie zum Streik auf Bild: Joel Saget/AFP

Falls die Islamische Republik untergehen sollte, würde sich das Kräfteverhältnis in der Region massiv verändern. "Das beste Ergebnis wäre ein vollständiger Regierungswechsel. Das schlechteste Ergebnis wäre ein anhaltender interner Konflikt und eine Fortsetzung der Herrschaft des derzeitigen Regimes", warnt Mark Mobius, US-Investmentpionier in den Schwellenländern Asiens.

Ölpreis von 120 Dollar?

Sollte die iranische Produktion ausfallen, würde kurzfristig der Ölpreis empfindlich steigen, aber mittelfristig andere Produzenten die Lücke schließen, die Iran hinterlässt. Auch strategische Reserven der Internationalen Energieagentur könnten zum Einsatz kommen und den Markt beruhigen, so Energieexperte Andreas Goldthau.

Er sieht als größeres Problem, dass "iranische Akteure den Konflikt in die Region tragen könnten." Eine Sperrung der Straße von Hormuz, durch die über 25 Prozent des auf dem Seeweg gehandelten Öls transportiert werden, könnte nach Schätzungen von Investmentbanken wie JPMorgan den Ölpreis auf bis zu 120 Dollar pro Barrel katapultieren.

Außerdem könnte es zu Angriffen auf Ölförder- oder Weiterverarbeitungsanlagen in Nachbarstaaten des Iran kommen, was sich ebenfalls auf die Ölmärkte auswirken würde. Und weil durch die Straße von Hormus rund 20 Prozent des weltweiten Handels mit verflüssigtem Erdgas (LNG) abgewickelt wird, könnte ein Konflikt in der Region zu höheren Gas-Preisen in Europa führen, warnt Experte Goldthau.

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Thomas Kohlmann
Thomas Kohlmann Redakteur mit Blick auf globale Finanzmärkte, Welthandel und aufstrebende Volkswirtschaften
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