Iran und Türkei: Partnerschaft mit Hindernissen | Asien | DW | 26.06.2020
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Asien

Iran und Türkei: Partnerschaft mit Hindernissen

Iran und die Türkei arbeiten auf zahlreichen Ebenen zusammen. Beide haben gemeinsame geostrategische Interessen, die sie in enger Abstimmung verfolgen. Doch unverbrüchlich stehen die beiden Staaten nicht zusammen.

Türkei PK Erdogan und Rohani in Ankara (Reuters/U. Bektas)

(Archiv) Der türkische Präsident Erdogan und sein Amtskollege des Irans Rohani (l.) am 20. Dezember 2018 in Ankara

Mitte Juni hielt sich der iranische Außenminister Dschawad Sarif zu Gesprächen mit seinem Amtskollegen Mevlut Cavusoglu in Istanbul auf. Neben der Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie ging es auch um die Intensivierung der Handelsbeziehungen. Iran wolle die Gasexporte in die Türkei wieder aufnehmen, hieß es. Ein vor wenigen Wochen durch einen Sabotageakt zerstörter Abschnitt einer Gaspipeline zwischen beiden Ländern soll instandgesetzt werden.

Auch geostrategische Themen standen auf der Agenda. So sprachen die beiden Minister über die Situation in den von Kriegen zerrissenen Ländern Syrien, Jemen und Libyen. Auch der Kampf gegen den Terrorismus war ein Thema.

Mevlut Cavusoglu, Mohammad Javad Zarif (picture-alliance/AP Photo/B. Ozbilici)

(Archiv) Der iranische Außenminister Sarif (l.) traf mit seinem türkischen Außenminister Cavusoglu am 17. April 2019 in Ankara zusammen

Kooperation im Jemen

Tatsächlich haben der Iran und die Türkei in den genannten Ländern eine Reihe gemeinsamer Interessen. Der Jemen ist für Iran seit Jahren Bühne einer indirekten Auseinandersetzung mit Saudi-Arabien. Seit geraumer Zeit ist mehreren Medienberichten zufolge auch die Türkei in dem Land an der Südspitze der Arabischen Halbinsel präsent. Laut einem Bericht des Magazins "Arab Weekly" vom Mai findet diese Präsenz nicht offen statt, sondern versteckt sich hinter der Hilfsorganisation "Turkish Humanitarian Relief Organisation" (IHH). Diese stehe unter dem Einfluss der Muslimbrüder, eben jener Organisation, die aufgrund ihrer sozialrevolutionären Ideologie der Regierung in Riad als besonders gefährlich gilt.

Unterstützt wird die Türkei "Arab Weekly" zufolge unter anderem von Katar. Das Emirat ist seit dem Sommer 2017 mit einer von Saudi-Arabien angeführten Boykottbewegung konfrontiert. Diese wirft Katar zu große Nähe zum Iran und den Muslimbrüdern vor. Katar seinerseits wird seit dem Boykott von der Türkei unterstützt. Im Jemen hat sich damit ein loses türkisch-katarisches Bündnis etabliert, das auch Beziehungen zum Iran pflegt. Dieses Bündnis bietet sich der Regierung des jemenitischen Präsidenten Abed Rabo Mansur Hadi nun als politische und ökonomische Alternative zu Riad an.

Für die Türkei und Katar ist der Ausbau ihrer Präsenz an der Meerenge zwischen Roten Meer und dem Golf von Aden, der wichtigsten Schifffahrtslinie zwischen Europa und Asien, verlockend. "Die Bemühungen der Türkei, ihre Präsenz in der Nähe der Bab el-Mandeb-Straße zu erhöhen, werden die Sicherheit der arabischen Golfstaaten gefährden", heißt es in einer Analyse von "Arab Weekly". Denn diese Entwicklung spielt Iran, dem entschiedenen Gegner Saudi-Arabiens, in die Hände.

Konflikt in Libyen (picture-alliance/XinHua/H. Turkia)

Ein Kämpfer der von den Vereinten Nationen unterstützten libyschen Regierung des Nationalen Abkommens(GNA) in Libyen

Gemeinsame Interessen in Libyen

Auch in Libyen ziehen Iran und die Türkei zunehmend an einem Strang. In dem nordafrikanischen Land stehen sich zwei miteinander verfeindete Regierungen gegenüber. Vor wenigen Tagen meldete das "Libyan Human Rights Center", von Iran unterstützte schiitische Milizen aus dem Irak hätten libyschen Boden betreten. Diese sollten die Türkei zu unterstützen. Die kämpft in Libyen seit Monaten an der Seite des international anerkannten Premiers Fayyizz al-Sarradsch. Dieser wiederum sieht sich seinem Gegenspieler, dem der Exilregierung in Tobruk verbundenen Kommandanten Chalifa Haftar, gegenüber. Haftar wird unter anderem von Saudi-Arabien und Russland unterstützt.

Die Präsenz der irakischen Milizen geht auf ein im vergangenen Oktober geschlossenes Abkommen zwischen Iran und der Türkei zurück. Informationen des Polit-Magazins "Modern Diplomacy" zufolge lieferte ein den iranischen Revolutionsgarden zugerechnetes Schiff Ende April Waffen in die den Truppen al-Sarradschs unterstehende Hafenstadt Misrata.

Der Regierung Erdogan in arabischen Medien seit langem vorgeworfen, in Libyen eine neo-osmanische Politik voranzutreiben, der Türkei also einen Einfluss zu verschaffen, wie er in Zeiten des Osmanischen Reichs bestand. Außerdem hat Ankara mit Libyen den Tausch von Seegebieten im Mittelmeer vereinbart. Auf diese Weise will die Türkei sich in den Besitz eines Teils der vor einigen Jahren entdeckten Erdgasfelder im Mittelmeer bringen.

Iran hingegen hat weniger konkrete Ziele. Der Regierung in Teheran, vermutet "Modern Diplomacy", gehe es in dem von Iran weit entfernten Libyen vor allem um vage ideologische Ziele. " Der Iran widmet sich weiterhin dem Export der Islamischen Revolution ins Ausland", so das Magazin. "Er sucht nach Möglichkeiten, Rekruten und Unterstützer auch an so unwahrscheinlichen Orten wie dem von Sunniten dominierten Libyen zu finden."

Türkei Panzer im Südosten (Privat)

Türkische Panzerfahrzeuge im Südosten des Landes  

Umgang mit den Kurden

Auch mit Blick auf die Kurden arbeiten Iran und die Türkei zusammen. Geschickt haben es die beiden Staaten dabei bislang vermieden, Interessengegensätze eskalieren zu lassen. Zuletzt zeigte sich diese Kooperation im Irak. Über Tage hatten Iran und die Türkei mehreren Presseberichten zufolge koordinierte Luftschläge gegen kurdische Ziele sowohl an der irakisch-türkischen wie auch der irakisch-iranischen Grenze durchgeführt. Auch Artillerie war dabei zum Einsatz gekommen.

Iran folgt mit Blick auf die Kurden einem komplexen Kalkül. Innenpolitisch will die Regierung die rund fünf Millionen Kurden des Landes (bei einer Bevölkerung von knapp 82 Millionen) möglichst reibungslos in die Gesellschaft integrieren. Darum sah sie es mit Sorge, dass die türkische Armee im Oktober vergangenen Jahres im Norden Syriens eine anti-kurdische Offensive startete. Diese, so die Sorge in Teheran, könnte zu Unruhe und Solidarisierung auch der iranischen Kurden führen. Darum bot sich die Führung in Teheran rasch als Vermittler an.

Zugleich aber sah Teheran die Offensive auch als Herausforderung des iranischen Einflusses in Syrien. Dort unterstützt sie das Assad-Regime, dessen Armee den Kurden zur Hilfe eilte. Damit geriet die iranische Führung in ein Dilemma: Ihre Unterstützung für Assad konnte im eigenen Land auch als Offensive gegen die Kurden verstanden werden. Zugleich beobachtete man in Teheran mit Sorge, dass neben der türkischen Armee auch militant-islamistische oder gar dschihadistische Gruppen kämpften, die in den Schiiten ihre erklärten Feinde sehen.

Zugleich aber, heißt es in einer Analyse des israelischen "Begin-Sadat Center for Strategic Studies", sah die iranische Staatsführung die türkische Präsenz im Nordosten Syriens auch als Chance. Denn diese, resümiert das Center das Kalkül Teherans, könne auch eine iranische Präsenz in der Region legitimieren. "Trotz der taktischen Koordination zwischen dem Iran, Russland und der Türkei könnte Ankaras Wunsch, seine 'Sicherheitszone' in Nordsyrien zu erweitern, dem Iran helfen, den Landkorridor zu erreichen, den er seit Jahren zu etablieren versucht - von der nordwestlichen Grenze des Iran über den Irak bis nach Irak Syrisches Territorium bis zum Mittelmeer." Dieses Projekt verfolgt Iran bis heute.

Israel im Visier

Dies heißt auch, dass Iran, ebenso wie die Türkei, die den Gazastreifen regierende Hamas unterstützt. Die Türkei hat zu Israel ein schwieriges Verhältnis, Iran ein offen feindseliges. Die Nähe der türkischen Regierung zur Hamas gründet auf der gemeinsamen Nähe zur Ideologie der Muslimbrüder. Für Iran hingegen ist die Hamas ein Instrument, Israel weiter unter Druck zu setzen. In einem Tweet vom Februar dieses Jahres hatte der geistliche Führer Irans, Ali Chamenei, dieses Ziel noch einmal ausdrücklich bekräftigt. Auf diese Weise versucht Iran Sympathien und politische Legitimation bei der gesamtarabischen Bevölkerung zu gewinnen.

Iran und die Türkei verfolgen mehrere gemeinsame Ziele. Unverbrüchliche Partner sind sie allerdings nicht. Vor den durch die Regierung Trump erhobenen Sanktionen gegen Iran hat auch die Türkei Respekt. Im Mai dieses Jahres erklärte ein namentlich nicht genannter Vertreter der Türkei gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, sein Land werde fortan kein Erdöl mehr aus dem Iran beziehen. Auch bei Gasimporten aus dem Nachbarland zeigte sich die Regierung in Ankara bislang zurückhaltend. Die beschädigte Gaspipeline zwischen den beiden Ländern könnte womöglich absehbar wieder repariert werden. Ob wieder Gas durch sie fließen wird, ist eine andere Frage.

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