Iran: Kurdische Kämpfer als "Boots on the Ground"?
6. März 2026
US-Präsident Donald Trump fand deutliche Worte: Er fände es "wunderbar", sollten die iranischen Kurden gegen das Regime in Teheran in die Offensive gehen, sagte er in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. "Ich wäre voll dafür. Wenn sie das tun, ist das gut."
Unbestätigten Berichten zufolge soll Trump in den vergangenen Tagen bereits mit mehreren kurdischen Führern gesprochen haben. Demnach könnte der US-Geheimdienst CIA schon seit Monaten Waffen an kurdische Gruppen liefern. Offiziell weist das Weiße Haus solche Berichte zurück.
Die meisten der rund 30 Millionen Kurdinnen und Kurden leben im Irak, im Iran, in Syrien und in der Türkei. Viele iranische Kurden sind in den vergangenen Jahrzehnten vor Repressionen in den benachbarten Irak geflohen. Dort genießen sie größere politische Rechte. Einige sehen nun die Chance, durch einen Sturz der Regierung in Teheran künftig auch im Iran mehr Schutz und Autonomie zu erlangen.
Kurden als "Boots on the Ground"?
Die Nahost-Expertin Hanna Voß von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Beirut sieht die Diskussion über kurdische Kämpfer vor allem im Kontext der militärischen Lage. "Den beteiligten Akteuren ist klar geworden, dass ihre Ziele allein aus der Luft nicht zu erreichen sind", sagt sie. Damit stelle sich die klassische Frage nach sogenannten "Boots on the Ground".
Die USA wollten dafür jedoch keine eigenen Soldaten einsetzen. Kurdische Gruppen könnten deshalb als eine indirekte Form solcher Bodentruppen betrachtet werden.
Entlang der rund 1500 Kilometer langen Grenze zwischen Iran und Irak sind bereits Tausende kurdische Kämpfer stationiert. Beobachter halten es für möglich, dass sie mit Unterstützung amerikanischer und israelischer Luftangriffe in den Iran vordringen könnten. Die "Washington Post" berichtete unter Berufung auf informierte Kreise, Trump habe kurdischen Führern "umfangreichen Schutz aus der Luft" zugesagt. Israels Luftwaffe hat bereits Militär-, Grenz- und Polizeiposten im Westen des Iran bombardiert.
Doch es gibt Zweifel, ob die kurdischen Gruppen militärisch stark genug sind. Ein US-Regierungsvertreter sagte der Website Axios, sie könnten im schlimmsten Fall "zum Kanonenfutter werden".
"Im Vergleich zu allen anderen Grenzregionen im Iran sind die kurdischen Gruppen politisch und militärisch am stärksten", sagt dagegen der Konfliktforscher Hessam Habibi Doroh vom Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement (IFK) in Wien. Das liege auch an ihrer langen Erfahrung in politischen und militärischen Auseinandersetzungen. Gleichzeitig seien die Gruppen sehr unterschiedlich organisiert. "Sie sind nicht einheitlich, aber sie verfügen über starke Netzwerke."
Zwischen Autonomie und geopolitischem Risiko
Dabei betonen viele kurdische Politiker, dass es ihnen nicht um eine Abspaltung vom Iran geht. Hassan Sharafi von der Demokratischen Partei Kurdistans im Iran erklärte in einem Interview mit der Farsi-Redaktion der Deutschen Welle, die iranischen Kurden betrachteten sich als Teil des Landes. "Ihr Land ist der Iran", sagte er. Wenn Kurden über Demokratie oder Gleichberechtigung sprächen, würden sie jedoch häufig des Separatismus beschuldigt. "In der Geschichte hat es noch nie einen Präzedenzfall gegeben, dass ein Teil Irans von seinem Volk abgetrennt wurde", so Sharafi. Wenn solche Abspaltungen dennoch stattgefunden hätten, seien sie "das Ergebnis des Handelns oder der Inkompetenz von Herrschern".
Auch Habibi sieht innerhalb der kurdischen Regionen nicht nur Aufbruchsstimmung. "Es wird diskutiert, dass einige kurdische Gruppen schon vor dem Krieg ihre Bereitschaft erklärt haben, aktiv gegen die Islamische Republik zu kämpfen", sagt er. Viele sähen die aktuelle Situation als historische Chance. Gleichzeitig beobachte er aber große Vorsicht. "Man rechnet damit, dass jede Bewegung massiv vom Regime unterdrückt wird."
Gleichzeitig versuchen kurdische Organisationen im Iran selbst, die Bevölkerung auf mögliche Eskalationen vorzubereiten. Die Partei für ein freies Leben in Kurdistan (PJAK) rief Menschen im westlichen Iran - von Kurden als Rojhilat bezeichnet - dazu auf, lokale Strukturen in Dörfern und Stadtvierteln aufzubauen. Die regionale Lage könne sich zu einem länger andauernden Krieg ausweiten, warnte die Organisation.
Auch Voß hält die militärischen Möglichkeiten der kurdischen Gruppen für begrenzt. Selbst wenn sie Waffen aus dem Ausland erhielten, stünden relativ kleine Einheiten einem hochorganisierten Sicherheitsapparat gegenüber. "Das iranische System ist aus einer Revolution entstanden und seit Jahrzehnten auf eine mögliche Konterrevolution vorbereitet", sagt sie.
Risiko eines neuen Konflikts
Zudem könnte ein kurdischer Vorstoß neue Spannungen im Vielvölkerstaat Iran auslösen. "Eine militärische Unterstützung einzelner Gruppen könnte innerstaatliche Konflikte weiter anheizen", warnt Voß. Viele Iraner - vor allem außerhalb der kurdischen Regionen - würden ein solches Szenario skeptisch sehen.
Auch Habibi verweist auf mögliche Gegenreaktionen des Regimes. In den iranischen Medien werde zunehmend das Szenario verbreitet, kurdische Gruppen wollten den Iran zerschlagen. "Meiner Meinung nach wird das stark übertrieben", sagt er. Gleichzeitig könne Teheran solche Narrative nutzen, um andere ethnische oder religiöse Gruppen gegen die Kurden zu mobilisieren. "Es gibt sowohl eine ethnische als auch eine konfessionelle Karte, die gespielt werden kann."
Hinzu kommen regionale Risiken. Eine Stärkung kurdischer Kräfte könnte auch Auswirkungen auf die Türkei haben, die selbst einen Konflikt mit kurdischen Bewegungen führt. "Präsident Erdogan hat natürlich kein Interesse daran hat, dass kurdische Gruppen irgendwo in der Region gestärkt werden", sagt Voß.
Unter Kurden selbst gebe es ebenfalls Vorbehalte. "Diese Erfahrung, von internationalen Partnern wieder fallen gelassen zu werden, ist sehr präsent", sagt Voß mit Blick auf frühere Kooperationen mit den USA.
Für viele Beobachter steht deshalb weniger die Frage eines kurdischen Aufstands im Mittelpunkt als die möglichen Folgen für die Stabilität der Region. Ein militärischer Vorstoß könnte kurzfristige taktische Vorteile bringen - langfristig aber neue Konflikte auslösen. "Strategisch hat das wenig Tiefe", sagt Voß. Ein völlig chaotischer Iran liege kaum im Interesse der meisten Staaten der Region.