Der Iran-Krieg und seine Folgen für die Menschen
15. April 2026
Über 93 Millionen Menschen im Iran leben im Schatten eines Krieges, der jederzeit wieder aufflammen kann. Nach dem vorläufigen Scheitern der Friedensverhandlungen zwischen den USA und dem Iran in Pakistan haben die USA mit der Blockade der Straße von Hormus begonnen. Damit wollen sie die iranischen Einnahmen aus dem Ölexport kappen und verhindern, dass Teheran eine Maut für die Durchfahrt durch den Seeweg erhebt.
Die Blockade bedeutet auch, dass keine Güter mehr in iranischen Häfen ankommen. Viele Menschen im Iran fürchten nun, dass noch schwierigere Tage vor ihnen liegen könnten.
Eskalation und humanitäre Lage im Krieg
"Die Fortsetzung des Krieges, sei es auf militärischer Ebene oder in Form von Blockaden und mit regionalen Spannungen, übt den größten Druck auf die einfachen Menschen aus, insbesondere auf Arbeiter, Lehrkräfte und andere Lohnempfangende", schreibt der Gewerkschafter Ismail Abdi auf Nachfrage der DW.
Der Lehrer und Menschenrechtsaktivist war Vorstandsmitglied der iranischen Lehrervereinigung, als er vor elf Jahren aufgrund seines Engagements für die Rechte der Lehrkräfte ins Visier der iranischen Behörden geriet. Wegen angeblicher "Propaganda gegen das politische System" verbrachte er mehrere Jahre im Gefängnis.
Nach internationalem Druck, insbesondere durch Gewerkschaften weltweit, wurde Abdi schließlich freigelassen. Seit März 2025 lebt er im Exil in Deutschland und setzt seine Arbeit für Bildungsrechte und Meinungsfreiheit fort.
"In den letzten Wochen haben wir erschütternde Berichte über das Leid der Arbeiterschaft unter den Kriegsbedingungen im Iran erhalten", ergänzt er. "Wenn Fabriken, Werkstätten oder Dienstleistungsprojekte schließen oder verkleinert werden, sind Vertragsarbeiter, Tagelöhner und informell Beschäftigte die ersten Leidtragenden. Dieser Prozess schwächt die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer und treibt die Löhne weiter in Richtung eines regelrechten Einbruchs."
Der Krieg hat für die iranische Wirtschaft, die ohnehin seit langem unter Missmanagement, Korruption und Sanktionen leidet, verheerende Auswirkungen.
Teheran beziffert die Kriegsschäden bereits jetzt auf umgerechnet rund 229 Milliarden Euro. Es handele sich dabei um eine vorläufige Schätzung, erklärte Irans Regierungssprecherin Fatemeh Mohadscherani am 14. April in einem Interview mit der russischen staatlichen Nachrichtenagentur RIA Nowosti.
Das tatsächliche Ausmaß der Schäden an den größten Industrieanlagen, die als Motor der Wirtschaft fungieren, ist jedoch noch nicht vollständig bekannt.
Zehntausende Tagelöhner nach Hause geschickt
Die Mobarakeh Steel Company in Isfahan, der größte Stahlproduzent des Landes musste nach einem zweiten US-israelischen Angriff den gesamten Betrieb eingestellten.
Die USA und Israel erklärten, mit den Angriffen die militärischen Kapazitäten Irans geschwächt zu haben. Stahl ist ein zentraler Rohstoff für die Herstellung militärischer Güter - etwa von Raketen, Drohnen und Schiffen.
Gleichzeitig spielt er aber eine entscheidende Rolle in zivilen Industrien, darunter der Automobilzulieferindustrie, der Haushaltsgeräteproduktion sowie der Verpackungs- und Konservenherstellung. Auch im Bauwesen, etwa bei der Dacheindeckung, ist Stahl unverzichtbar.
Die Stahlindustrie gilt als eine der wichtigsten Triebkräfte der iranischen Wirtschaft. Laut dem Weltstahlverband (World Steel Association) gehörte der Iran im Jahr 2025 zu den zehn größten Stahlproduzenten weltweit – neben Ländern wie China, den USA und Deutschland – und exportierte jährlich rund 31,8 Millionen Tonnen Stahl. Zwischen März 2025 und Januar 2026 wurden dabei Exporterlöse in Höhe von 860 Millionen US-Dollar (741 Millionen Euro) erzielt.
Mit der Einstellung der Produktion wurden Tausende Arbeiter nach Hause geschickt – für wie lange, ist ungewiss. Mindesten 10.000 Beschäftigte in der Stahlindustrie sind Tagelöhner.
Ein Produktionsstillstand kann zudem eine Kettenreaktion auslösen und Dutzende weiterer Unternehmen, die von diesen Anlagen abhängig sind, zur Einstellung ihrer Tätigkeit zwingen.
Auch die Bombardierung petrochemischer Anlagen werden ebenfalls massive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben, analysiert Umud Shokri, Energiestratege und Senior Visiting Fellow an der George Mason University.
Die Angriffe auf wichtige Zentren der Petrochemie in Asaluyeh, Mahshahr und Shiraz verursachten erhebliche Schäden und legten zahlreiche Anlagen lahm.
Allein in Industriezentren wie Mahshahr, in denen über 30.000 Menschen beschäftigt sind, sehen sich viele nun mit plötzlichem Arbeitsplatzverlust und Lohnausfällen konfrontiert, schreibt Shokri auf Nachfrage der DW und fügt hinzu: "Die Schäden reichen weit über die Anlagen hinaus und betreffen auch Lieferketten, Staatseinnahmen und die Lebensgrundlagen der Bevölkerung."
"Selbst unter optimalen Bedingungen deuten Einschätzungen vergleichbarer Industriekomplexe darauf hin, dass die Wiederherstellung eines wichtigen Zentrums wie Mahshahr etwa zwei Jahre dauern könnte." schreibt Umud Skokri. Dafür benötige das Land einen verbesserten Zugang zu ausländischer Technologie, Kapital, Ersatzteilen und technischem Know-how – Voraussetzungen, die unter den derzeitigen Sanktionen kaum erfüllt werden können.
Wachsende Armut
Die Arbeitsplatzverluste in der Industrie haben bereits zu großer Unsicherheit geführt. Die Nachrichtenagentur ILNA (Iranian Labour News Agency) entließ am 14. April sämtliche Journalisten und stellte ihre Beschäftigung auf Honorarbasis um.
Auch viele andere Unternehmen sollen bereits mit Massenentlassungen begonnen haben. Ein Beispiel ist der digitale Dienstleistungssektor mit Plattformen wie Snapp, welches oft als das "iranische Uber" bezeichnet wird. Solche Dienste funktionieren trotz der anhaltenden Internetsperre, die die Behörden seit Beginn des Krieges verhängt haben, um potenzielle Proteste zu verhindern, weiterhin im Land. Allerdings sind aufgrund des Krieges weniger Menschen unterwegs, und vielen fehlt das Geld.
"Allein aufgrund der Internetbeschränkungen haben Tausende von Freiberuflern, Programmierern und Content-Produzenten die Möglichkeit verloren, zu arbeiten. Sie werden nun zurück auf den traditionellen und ohnehin fragilen Arbeitsmarkt gedrängt", sagt der Gewerkschafter Abdi. "Kurzfristig führt diese Situation zu sinkenden Realeinkommen und zunehmender Armut unter den Arbeitnehmern. Langfristig droht eine ausgebeutete, weniger qualifizierte und stärker abhängige Gesellschaft zu entstehen."
Er warnt davor, dass der Krieg vor allem zu wachsender Armut und zunehmender Unsicherheit für benachteiligte Bevölkerungsgruppen führen werde. "Dieser Krieg muss beendet werden, bevor seine menschlichen und sozialen Kosten irreversibel werden." Den Traum von einem politischen Wandel im Iran hat der Gewerkschafter Ismail Abdi nicht aufgegeben.
An die Bevölkerung im Iran scheint jedoch kaum jemand zu denken – weder die Führung der Islamischen Republik, die an der Macht bleiben will, noch der US-Präsident, der Unterstützung versprochen hat. Seit dem Ausbruch des Krieges am 28. Februar bis zum 8. April, als ein fragiler Waffenstillstand vereinbart wurde, sind laut der in den USA ansässigen Menschenrechtsorganisation HRANA 3.636 Menschen im Iran getötet worden. 1.701 von ihnen seien Zivilisten gewesen, darunter mindestens 254 Kinder.