Investoren in der Premier League - Wunsch nach 50+1-Regel | Sport | DW | 24.05.2020
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Investoren im Fußball

Investoren in der Premier League - Wunsch nach 50+1-Regel

Saudi-Arabien steht vor der Übernahme von Newcastle United. Viele Fans sehen den Einstieg der umstrittenen Regionalmacht kritisch. Sie wünschen sich ein Modell wie die 50+1-Regel, die die Klubs der Bundesliga schützt.

Seit dem vergangenen Wochenende rollt in der Fußball-Bundesliga wieder der Ball. In der englischen Premier League ist dies noch nicht möglich, da das Land weiterhin gegen die Ausbreitung des Coronavirus kämpft.

Doch richtig ruhig ist es um die englischen Profi-Klubs nicht, denn nachdem Newcastle United 13 Jahre im Besitz des unbeliebten britischen Einzelhandel-Milliardärs Mike Ashley war, steht der Verein nun Berichten zufolge vor einer Übernahme durch einen öffentlichen Investmentfonds (PIF) aus Saudi-Arabien.

Ashley kaufte Newcastle 2007 für rund 149 Millionen Euro. Unter seiner Leitung stiegen die "Magpies" zweimal ab - unter anderem, weil er sich in die Kaderplanung und die Transferpolitik einmischte sowie zu wenig in die Infrastruktur des Klubs investierte, so lauten zumindest die Vorwürfe seiner Kritiker.

Premier League | Newcastle United v Burnley - Fans protestieren (picture-alliance/empics/R. Sellers)

Der bisherige Besitzer, Mike Ashley, ist bei den Newcastle-Fans mehr als unbeliebt

Trotzdem kommt keine Freude über einen Bericht der britischen Zeitung "The Sun" auf. Demnach soll die Premier League grünes Licht für den 335-Millionen-Euro-Deal mit dem PIF gegeben haben soll, der eine eine 80-prozentige Beteiligung an dem Klub beinhaltet. Denn den Vorsitz des PIF führt Mohammad bin Salman (MBS), Kronprinz von Saudi-Arabien.

Sportswashing

Im Oktober 2018 wurde der saudische Journalist Jamal Khashoggi, der MBS regelmäßig scharf kritisierte, in der saudischen Botschaft in Istanbul brutal ermordet. Der CIA kam zu dem Schluss, dass das Attentat höchstwahrscheinlich von MBS angeordnet worden war. Bin Salman wies das jedoch als "fehlerhaft" zurück, übernahm aber offiziell die Verantwortung für Khashoggis Tod. Anfang dieses Monats verfasste Khashoggis Verlobte Hatice Cengiz einen offenen Brief an die Fans von Newcastle United, in dem sie diese auffordert, sich der saudischen Übernahme zu widersetzen.

Hatice Cengiz Verlobte des ermordeten saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi (picture-alliance/AA/B. Seckin)

Hatice Cengiz

"Sie als treue Fans haben dabei ein großes Mitspracherecht", schrieb sie. "Ich flehe sie alle an, sich zu vereinen, um Ihren geliebten Verein und Ihre Stadt vor dem Kronprinzen und den Menschen um ihn herum zu schützen. Sie machen diesen Schritt nicht, um Ihnen zu helfen, sondern einzig und allein, um sich selbst zu dienen."

Menschenrechtsaktivisten werfen Saudi-Arabien schon länger so genanntes "Sportswashing" vor - damit sind Bestrebungen von Nationen gemeint, um ihr (meist schlechtes) Image durch Investitionen im Sport aufzupolieren. Amnesty International wirft Saudi Arabien "ungeheuerliche Menschenrechtsverletzungen" vor und nennt als Beispiele die Unterdrückung von Frauen, die bisher 146 Enthauptungen in diesem Jahr sowie die Kriegsverbrechen im Bürgerkrieg im Jemen.

Vielerorts beneidet: 50+1-Regel

Für viele deutsche Fußballfans, die regelmäßig Spiele besuchen, wäre eine "feindliche ÜbernahmE" wie der geplante Einstieg der Saudis in Newcastle eine Horrrorvorstellung. Sie können im Grunde beruhigt sein, weil es die 50+1-Regel gibt, die besagt, dass die Mehrheit der Klubanteile - also die Hälfte plus eins - immer beim Verein verbleiben muss und nicht in die Hände von Investoren gelangen darf. Für den Erhalt dieser Regel kämpfen Interessenvertreter der Fans.

"Die 50+1-Regel ist die letzte Regelung, die verhindert, dass immer mehr Geld in das Spiel fließt", sagt Manuel Gaber, Sprecher der Kampagne "50+1 bleibt!". "Ich bin gerne Fan meines Klubs, weil ich Mitglied und somit Teil des Vereins bin. Ich glaube nicht, dass ich gerne Teil eines Klubs wäre, wenn ich wüsste, dass er tatsächlich einem Unternehmen oder einem Land gehört."

Ähnlich sieht das der englischen Autor James Montague, der mehrere Bücher über Fußball-Klubeigentümer und Fankultur geschrieben hat: "Im deutschen Fußball gibt es einen Raum, in dem die Fans zu Wort kommen können - ein Ergebnis der kollektiven Erfahrungen der letzten Jahre", so der Buchautor. In England würden Fans und Zuschauer dagegen lediglich als Kunden gesehen und seien aus Entscheidungsprozessen, die die Zukunft ihres Klubs angehen, komplett ausgeschlossen.

In Newcastle sind Mitglieder von "Wor Flags" seit Jahren an Protesten gegen Mike Ashley beteiligt. In dieser Saison haben 15 von ihnen ihre Dauerkarten aufgegeben und boykottieren die Spiele ihres Vereins. Doch ihr Einfluss ist begrenzt.

Proteste der anderen Art

"Wir hätten in England gerne ein Modell wie 50+1", betont Chris. "Als Fangruppe schauen wir auf den ganzen Kontinent, um Inspiration für unsere Aktionen zu erhalten. Wir würden in unserem Klub gerne mitreden wollen und beeinflussen, wie der Verein mit seiner Umgebung interagiert. Das muss das Ziel für jeden Fußballfan sein."

Fussball | Newcastle United v Manchester City (picture-alliance/ZUMAPRESS/S. Bellis)

Newcastles Fans erinnern daran, dass die "Magpies" immer ihr Klub sein werden

Die Coronavirus-Krise hat gezeigt, wie abhängig die deutschen Fußballvereine vom Geld sind und hat die Debatte über die Modifizierung der 50+1-Regel in Deutschland wieder neu entfacht. "Es ist ein klassischer Fall von Katastrophen-Kapitalismus", sagt Montague. "Die Diskussion fand bereits vor der Krise statt. Das 50+1-Modell in Deutschland ist die letzte Hoffnung für eine eigenständige Fankultur im Profifußball in Europa."

In der Premier League scheint dieser Zug bereits abgefahren zu sein. In Newcastle sehen Fans wie Chris keinen Sinn darin, gegen die saudische Machtübernahme zu protestieren, selbst wenn sie es könnten. Stattdessen wollen sie sich auf Dinge konzentrieren, die sie kontrollieren können, und auf Dinge, die ihnen wichtig sind. "Wenn wir der Meinung sind, dass die Saudis die Rechte der Frauen nicht achten, würden wir einen Banner mit einem weiblichen Fan in einem schwarz-weißen Oberteil in Betracht ziehen", so der Vorschlag.

"Das wäre nicht unbedingt ein Angriff auf Saudi-Arabien, aber es wäre ein Ausdruck dessen, wofür wir in Newcastle stehen. Der Klub mag uns vielleicht nicht gehören, aber dies ist immer noch unser Verein, unsere Stadt und unsere Anhänger, die weiblich, muslimisch, jüdisch, schwul oder was auch immer sind. Bei unserem Newcastle United sind alle willkommen."

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