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Journalismus nach der Pandemie

14. Juni 2021

Das Global Media Forum der DW versucht unter dem Titel "Disruption und Innovation" Antworten für einen Journalismus nach der Corona-Krise zu finden. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Veranstaltung eröffnet.

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Message from German Chancellor Angela Merkel | DW Global Media Forum 2021
Grußwort zu Beginn des GMF von Bundeskanzlerin Angela MerkelBild: DW/P. Böll

Grußwort von Kanzlerin Angela Merkel zum GMF

Die Corona-Pandemie prägt auch den Start des diesjährigen Global Media Forums der Deutschen Welle, das am Montag mit einer hybriden Auftaktveranstaltung eröffnet wurde. Teils vor Ort im Funkhaus der DW in Bonn, teils online mit zugeschalteten Gästen.Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)wandte sich mit einer Videobotschaft an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der zweitägigen Veranstaltung aus mehr als 120 Ländern - und das mit einem Blick nach vorne in die digitale Zukunft der Medien weltweit: "In demokratischen Gesellschaften, in denen wir uns neuen Entwicklungen aufgeschlossen zuwenden", sagte Merkel, "müssen wir auch immer wieder gewissenhaft abwägen, was Freiheit für uns konkret bedeutet und wie wir Freiheit und grundlegende Rechte schützen."

Journalisten in Europa verfolgt

Wie sehr die Pressefreiheit auch in Europa unter Druck gerät, machte DW-Intendant Peter Limbourg in der live gestreamten Auftaktveranstaltung deutlich - am Beispiel der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung in der belarussischen Diktatur von Machthaber Alexander Lukaschenko. "Was in Belarus geschieht, ist eine Schande für Europa, und es wäre ohne die massive Unterstützung der russischen Regierung nicht möglich. Wie alle Autokraten wollen Lukaschenko und Putin eine Presse, die sie immer lobt." Doch das, so Limbourg, sei eben nicht freier Journalismus, sondern pure Propaganda.

Zu den Teilnehmerinnen des diesjährigen Global Media Forums gehört auch die belarussische Oppositionspolitikerin Swetlana Tichanowskaja, die seit den gefälschten Wahlen im Land im benachbarten Litauen lebt. Zu den Rednern zählt auch Professor Timothy Snyder von der Universität Yale in den USA, der in seinen Forschungen die autokratischen Entwicklungen im Osten Europas beleuchtet.

Austausch zwischen Nord und Süd

DW-Intendant Limbourg machte auch erneut auf die Verurteilung des belarussischen Journalisten Alexander Burakow aufmerksam, der für die DW über einen Gerichtsprozess berichtet hatte und danach zu 20 Tagen Haft verurteilt worden war. "Wenn es um Pressefreiheit und freie Meinungsäußerung geht, müssen wir klar Stellung beziehen", so Limbourg, "überall auf der Welt." Der Austausch zwischen den hochindustrialisierten Ländern der Welt und dem globalen Süden müsse als Lehre aus der Pandemie noch stärker intensiviert werden, so Limbourg.

Opening ceremony | Director General Peter Limbourg | DW Global Media Forum 2021
Harsche Kritik an Belarus kam von DW-Intendant Peter LimbourgBild: Philipp Böll/DW

Er rief die Medienmacher aus aller Welt dazu auf, nach der Pandemie stärker an "lösungsorientiertem Journalismus" zu arbeiten - und zwar "gemeinsam". Das würden die Nutzerinnen und Nutzer in der digitalen Welt von Journalisten heute erwarten. Der diesjährige "Freedom of Speech Award" der Deutschen Welle geht an eine Journalistin aus Nigeria. Die 33-jährige Tobore Ovuorie hat in monatelangen, teils verdeckten Recherchen und teils unter Lebensgefahr die Spur von Menschenhändlern aufgedeckt, die Frauen aus Nigeria zur Prostitution auch in Europa zwingen. In der Folge ihrer Veröffentlichungen haben nigerianische Behörden Ermittlungen gegen die Täter aufgenommen.

Freie Informationen in der Pandemie

Dass die Corona-Krise eineinhalb Jahre nach Bekanntwerden von Sars-CoV-2 im chinesischen Wuhan die Medien weltweit womöglich schon jetzt mehr verändert hat als viele sich zuvor das hätten vorstellen können, zeigen auch die Ausführungen der beiden Kanzlerkandidaten von CDU/CSU und Bündnis90/Die Grünen zum Auftakt des Medienforums der DW. Die globale Pandemie, "die uns überrascht hat und sehr deutlich gemacht hat, wie sehr diese Welt zusammenhängt", zeige die Bedeutung von tiefgründig recherchiertem Journalismus, sagte der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) in seiner Rede zu Beginn der Konferenz. "Wenn sich irgendwo ein Virus ausbreitet, kann es in der ganzen Welt die Menschen treffen."

Impulse Armin Laschet | DW Global Media Forum 2021
"Tiefgründiger Journalismus wichtiger denn je": Unions-Kanzlerkandidat Armin LaschetBild: DW/P. Böll

Darauf brauche es eine globale Antwort. "Es reicht nicht, dass die reichen Länder des Nordens sich impfen, aber ein großer Teil der Welt keinen Impfstoff hat". Laschet begrüßte die Entscheidung des G7-Gipfels vom Wochenende Impfstoff für die Welt zur Verfügung zu stellen. Die Staats- und Regierungschefs der ehemals sieben größten Industrienationen der Welt hatten sich auf die Lieferung von einer Milliarde Impfdosen für die ärmsten Länder der Welt verständigt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von einem Bedarf von elf Milliarden Dosen bis Ende 2022 aus. Die Co-Vorsitzende von Bündnis90/Die Grünen und Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock erklärte in einer zuvor veröffentlichten Stellungnahme zum Global Media Forum, dass "die Meinungs- und Pressefreiheit schon seit langem und vor dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie unter Druck geraten" sei, doch die Pandemie habe "repressive Tendenzen weltweit verstärkt und intensiviert."

Ausblick: Konstruktiver Journalismus

Welche Wege das Global Media Forum für einen Journalismus nach der Pandemie aufzeigen könnte, machte schon das erste Diskussions-Forum am Montag deutlich. Der Harvard-Professor Steven Pinker legte den Finger in die Wunde: Zu oft seien die Medien heute in der Welt der schnellen digitalen Information Getriebene von Breaking News, von der schnellen Nachricht über Unglücke und Krisenausbrüche. Das bliebe nicht ohne Folgen für die Psyche vieler Mediennutzer, sagte der Kognitivitätsforscher. Außerdem verstelle es den Blick auf viele positive Realitäten in der Welt, aus denen man lernen könne. "Wir sollten uns Trends viel mehr in einem statistischen Kontext bewusst machen", so Pinker. So sei die Armut in der Welt in den vergangenen 200 Jahren massiv zurückgegangen.

What about tomorrow? Going beyond pandemics, pollution and political upheaval | Steven Pinker | DW Global Media Forum 2021
Was macht die Berichterstattung mit der Psyche der Nutzer? Harvard-Wissenschaftler Steven PinkerBild: Philipp Böll/DW

Lebten einst noch 90 Prozent der Menschheit in extremer Armut, seien es heute noch neun Prozent. Auch, wenn die 700 Millionen betroffenen Menschen noch immer viel zu viel seien - um ihnen helfen zu können, müsse der Blick auf die Entwicklung gelenkt werden. Ähnlich verhalte es sich mit den Kriegstoten in der Welt, während beider Weltkriege oder in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts während der Irak-Kriege oder in Vietnam. Auch die gestiegene Lebenserwartung mit über 80 Jahren in Europa und Nordamerika sei eine positive Entwicklung, die in den Kontext aktueller Krisen gestellt werden müsse.