Infektionsgefahr durch Polioviren nicht gebannt | Wissen & Umwelt | DW | 28.10.2019
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Weltpoliotag am 28. Oktober

Infektionsgefahr durch Polioviren nicht gebannt

Polio ist weltweit fast ausgerottet, aber eben nur fast! Die Infektionskrankheit hält sich auch im 21. Jahrhundert in einigen Ländern weiter hartnäckig, und jeder Fall von Polio kann eine neue Epidemie auslösen.

Der einzige wirksame Schutz gegen Poliomyelitis, kurz: Polio, ist die Impfung, und es ist die einzige Möglichkeit, das Virus auszurotten. Aber so einfach ist das nicht. "Das ursprüngliche Ziel war die Eradikation der Poliomyelitis bis zum Jahr 2000", sagt Sabine Diedrich vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin. "Dann verschob sich das immer weiter". Als nächstes gab es einen Fünfjahresplan. Der lief von 2013 bis 2018. "In diesem Zeitraum sollte es endgültig geschafft werden, die Polio auszurotten," sagt die Virologin. Aber auch davon sei man noch einen allerletzten, kleinen Schritt entfernt.

Lesen Sie mehr: Polio - eine gefährliche Infektionskrankheit

Bekämpfung von Poliomyelitis in Pakistan (DW/D. Baber)

Prospekt zum Thema Polio in Pakistan – eines von den drei Ländern, die noch nicht Polio-frei sind

Eine Sisyphusaufgabe

Gestartet hatte die WHO ihr Programm gegen Kinderlähmung vor genau 30 Jahren, und sie hat viel erreicht. Derzeit gibt es noch drei Länder, in denen die Poliomyelitis nicht ausgerottet werden konnte. Das sind Afghanistan, Pakistan und Nigeria. In dem afrikanischen Land hatte es lange Zeit keine Poliofälle mehr gegeben. 2015 war es schon für Polio-frei erklärt worden. Doch ein Jahr später traten nochmals vier Fälle auf.

Vier Fälle von Polio - das klingt nicht viel in einem Land mit 175 Millionen Einwohnern und einer Fläche so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen. Aber jeder einzelne Polio-Infizierte ist eine Gefahr. Nigeria kam also wieder auf die Liste der endemischen Länder. Dort steht es nach wie vor.

Infografik zur Anzahl der gemeldeten Poliofälle seit 1980

Anzahl gemeldeter Poliofälle

Die unsichtbare Gefahr

Das Fatale beim Poliovirus ist, dass die Erkrankung zunächst meist nicht sichtbar ist und sich dadurch schnell ausbreiten kann. "Die Gefahr, dass die Polio zurück nach Deutschland kommt, ist nach wie vor gegeben", warnt Diedrich. "Denn Viren kennen leider keine Grenzen." Die Globalisierung, die Reiselust der Menschen, aber auch die Migrationsbewegungen erhöhen das Risiko, dass das Virus und damit auch die Erkrankung wieder nach Deutschland eingeschleppt werden könnte.

Ein Fass ohne Boden

Im Vergleich zu Polio war sogar die Ausrottung der Pocken relativ einfach, weil jeder Infizierte auch erkrankte. Diese Menschen konnten isoliert werden und so hatte man eine wesentlich bessere Handhabe als bei Polio. Denn die Infizierten sind da oft nur schwer auszumachen.

Sabine Diedrich vom RKI S (RKI/Schnartendorff)

Sabine Diedrich leitet das Nationale Referenzzentrum für Poliomyelitis und Enteroviren am RKI

An Polio erkrankt nur eine Person unter 200 Infizierten. "Wenn ich also eine einzige Person sehe, die Polio hat, kann ich davon ausgehen, dass es mindestens weitere 200 Menschen gibt, die zwar keine Symptome zeigen, aber das Virus in sich tragen und es entsprechend weitergeben können", sagt Diedrich.

In vielen Ländern wird der orale Polio-Impfstoff verwendet. Er enthält abgeschwächte Lebend-Impfviren, die eine Immunantwort im Körper aktivieren. Dieses Lebendvirus vermehrt sich im Darm. Das hat für den Geimpften den Vorteil, dass - anders als bei einem Tot-Impfstoff - auch eine sogenannte Darm-Immunität gebildet wird.

Aber damit ist auch eine Gefahr verbunden: Während dieser Zeit scheidet der Patient das Impfstoff-Virus aus. In Gebieten mit unzureichender Immunität der Bevölkerung kann sich dieses ausgeschiedene Impfvirus weiter verbreiten.

Hygiene ist ohnehin ein entscheidender Faktor um Polio einzudämmen, denn der häufigste Übertragungsweg geht über kontaminierte Hände. So werden die Viren von Mensch zu Mensch gegeben, der das einzige Reservoir für Polioviren ist. Die konsequente Impfung ist für die Wissenschaftlerin vom RKI die einzige erfolgversprechende Maßnahme.

Lesen Sie hier mehr zu den Folgen einer Polio-Erkrankung: Das Post-Polio-Syndrom

Ein Kind aus Nigeria bekommt eine Polio-Impfung (picture-alliance/dpa/M. Wolfe)

Impfung ist der einzige wirksame Schutz vor einer Polioinfektion

Symptome

Die ersten Symptome der Krankheit treten in der Regel schon nach wenigen Tagen auf, sind aber zunächst einmal untypisch. Es kommt zu einem leichten, grippalen Infekt, auch mit Fieber, der einer Sommergrippe ähnelt. Dann kommt eine Phase, in der es den Leuten relativ gut geht.

Eiserne Lunge Beatmungsgerät Polio (picture alliance/IMAGNO/Austrian Archives)

Die Eiserne Lunge war in den 1950er Jahren lebensrettend für Polio-Erkrankte

Aber dann kommt ein zweiter Schub. "Deswegen spricht man bei Polio auch von einem bi-phasischen Verlauf," erläutert Diedrich. "Erste Lähmungen können nach zehn bis zwanzig Tagen auftreten." Es kommt zu sogenannten akuten, schlaffen Lähmungen der Extremitäten, also in den Beinen und in den Armen. In seltenen Fällen kann auch die Atemmuskulatur betroffen sein. Dann muss der Patient beatmet werden. Dazu muss er allerdings schon lange nicht mehr in die Eiserne Lunge wie in den 1950er Jahren. Das war zu jener Zeit das erste klinische Gerät dieser Art. Viele Kranke mussten ihr ganzes Leben in diesem Gefängnis aus Stahl verbringen. 

Gut, aber noch nicht gut genug

Die Impfaktionen sind sehr erfolgreich. Seit 2000 wurden weltweit mehr als zehn Milliarden Dosen Impfstoff an fast drei Milliarden Kinder verabreicht. Weltweit sind die Impfquoten gestiegen. Gleichzeitig ist die Anzahl an Poliofällen gesunken. Vor 30 Jahren gab es weltweit circa 350.000 Fälle pro Jahr. Jeden Tag erkrankten 1000 Kinder an Polio.

In den letzten Jahren sind es weit unter 100 pro Jahr. Im letzten Jahr wurden 22 Erkrankungsfälle registriert, in diesem Jahr sind es weltweit noch 20. "Wir, hier am Robert Koch-Institut, sind nach wie vor sehr optimistisch, dass die Polio in den nächsten Jahren ausgerottet werden kann. Solange es aber noch irgendwo nur einen einzigen Fall gibt, können es auch sehr schnell wieder mehr werden", ist Diedrich überzeugt. Oberstes Gebot ist also: impfen, impfen, impfen! 

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