IFA 2018: Mach mal, Google | Wirtschaft | DW | 30.08.2018
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Unterhaltungselektronik und Datenschutz

IFA 2018: Mach mal, Google

Sprachsteuerung und Künstliche Intelligenz sind die zentralen Themen auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin. Für den Menschen wird das Leben noch bequemer, aber das hat seinen Preis. Sabine Kinkartz berichtet.

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IFA 2018: Alles vernetzt

Feierabend im Büro. Der Magen knurrt. Per Sprachbefehl wird die App auf dem Smartphone beauftragt, etwas Passendes auszusuchen. Sie schlägt ein Kochrezept vor. Allerdings nichts kalorienreiches, da die Smartwatch meldet, die tägliche Bewegungsleistung hinke dem Trainingsplan hinterher. Über die im Kühlschrank installierte und vernetzte Kamera wird nun gecheckt, was zuhause vorrätig ist.

Die fehlenden Zutaten übernimmt die App in eine Einkaufsliste und gibt sie an das Navigationssystem des Autos weiter, das daraufhin die Shopping-Route ausarbeitet. Noch während der Einkaufstour regelt zuhause der Kühlschrank die Temperatur für eine lückenlose Kühlkette herunter und falls es das Rezept erfordert, heizt der Backofen schon einmal die richtige Temperatur vor.

Die Zukunft hat längst begonnen

Was wie Science Fiction klingt, macht beim Hausgeräte-Hersteller Siemens einen Großteil des diesjährigen IFA-Auftritts aus. "Connected World", unter diesem Motto ist die Messehalle futuristisch anmutend in blau, schwarz und ein wenig weiß getaucht. Ob Backofen, Waschmaschine oder Kühlschrank, alle neuen Geräte können mit dem Internet verbunden und nicht nur über eine App, sondern auch mit der Stimme bedient werden. Das sei nicht mehr aufzuhalten, bestätigt Roland Hagenbucher, Geschäftsführer Siemens Hausgeräte. "Natürlich können sie ihre Geräte über eine Sprachsteuerung managen. Das wird ein großes Thema, das sieht man hier auch auf der Messe und da arbeiten wir derzeit mit verschiedenen Anbietern zusammen."

IFA 2018 (DW/S. Kinkartz)

Bei Siemens hat die Zukunft schon begonnen

Denn die Geräte werden nicht direkt angesprochen, sondern die Steuerung läuft zentral über einen digitalen Sprachassistenten. Besonders häufig werden die Anwendungen über die offenen Plattformen von Amazon Echo und Google Home gesteuert. Immer mehr dieser smarten Lautsprecher halten Einzug in Häuser und Wohnungen. In Deutschland gibt es bereits 8,7 Millionen Nutzer, Tendenz steigend. Das geht aus der Trendstudie "Consumer Technology 2018" des Digitalverbands Bitkom und des Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmens Deloitte hervor.

Immer mehr Lautsprecher mit Sprachsteuerung

"Wir erleben gerade den rasanten Aufstieg intelligenter Sprachassistenten", sagte Christopher Meinecke, Leiter Digitale Transformation im Bitkom. Es entstehe derzeit ein neuer Milliardenmarkt. Der auch dadurch angeheizt wird, dass etablierte Anbieter von Lautsprechersystemen ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Denn noch werden die smarten Boxen vor allem dazu genutzt, um Musik zu streamen, oder die Nachrichten und das Wetter vorzulesen. 

Selbst High-End-Hersteller von Soundsystemen wie HarmanKardon oder Bang & Olufsen kommen an der Integration eines digitalen Assistenten nicht mehr vorbei. Auf der IFA präsentiert B&O einen soundgewaltigen Lautsprecher mit integriertem Google Home. Über fünf Mikrofone lauscht das Gerät in die Wohnung hinein und kann nun so viel mehr, als nur Musik abzuspielen. Die Box wird zentrales Steuerelement des vernetzten Zuhauses.

IFA 2018 (DW/S. Kinkartz)

Musikbox, Designobjekt und Steuerzentrale

Immer mehr Anwendungen für das Smart Home

Das bildet sich auch auf der IFA ab. 1800 Aussteller aus aller Welt zeigen dort ihre Produkte, vom noch größeren, noch höher auflösenden Fernseher über mobile Computer bis hin zum Haushaltsroboter. Alle diese Geräte lassen sich mit den digitalen Assistenten koppeln, die neben den spontanen Befehlen natürlich auch automatisch tätig werden können. Meldet beispielsweise die Fitnessuhr beim Aufstehen fehlenden oder schlechten Schlaf, wird die Kaffeemaschine sofort umprogrammiert, damit sie den Cappuccino etwas stärker macht.

So entsteht das Bild eines Menschen, der einerseits Maschinen steuert, die ihm ein bequemes Leben ermöglichen, über seine Gesundheit wachen und ihn nach seinen Vorlieben unterhalten. Es sammelt sich aber auch eine Flut von Daten an, die der künstlichen Intelligenz und allen, die auf die Daten Zugriff haben, beinahe alles über den jeweiligen Anwender verrät. Viele Nutzer tun das ab, meinen, dass es nicht relevant sei oder sie nichts zu verbergen hätten.

Der Nutzer weiß gar nicht, wozu die Geräte in der Lage sind

Es sei die Kombination der im Einzelnen vielleicht gar nicht so relevanten Daten, die so problematisch sei, mahnt Markus Preuß, Leiter des europäischen Forschungs- und Analyse-Teams beim IT-Sicherheitsunternehmen Kaspersky. "Wenn das Licht ein und ausgeschaltet wird und je nachdem, wie die Heizung reguliert ist, kann ich schlussfolgern, wann jemand zuhause gewesen ist und auf der Basis der Informationen, die ein Kühlschrank liefert, kann ich sehen, wie die Essgewohnheiten eines Menschen sind."

IFA 2018 (DW/S. Kinkartz)

Übernimmt der digitale Assistent auch das Nachdenken?

An diesen Daten könnten Anbieter von Lebensmitteln Interesse haben, aber auch Versicherungen, so Preuß. "Ernährt sich die Person ungesund, könnte eine Krankenversicherung eingreifen und feststellen, diese Person hat sich nur von Fettigem ernährt, deswegen zahlen wir diese Operation jetzt nicht." Wenn die Daten aus dem Smart Home dann noch mit Facebook & Co also den Social Media Profilen kombiniert würden, "dann weiß ich Sachen von ihm, die er selbst wahrscheinlich nicht von sich weiß".

Die Tücken der Sprachsteuerung

Sprachdaten hält Preuß für besonders sensibel. "Die Sprache ist ein sehr intimes privates Dateninstrument, wo man sich genau überlegen sollte, wem man es zur Verfügung stellt, wie es gespeichert wird und wer darauf Zugriff hat." Sprache verrate viel über den mentalen Zustand eines Menschen, außerdem gebe es inzwischen Systeme, die Sprache nachahmen könnten. Es sei also möglich, mit Hilfe der Sprachdaten eine Identität zu fälschen.

Auch Preuß ist klar, dass die technische Entwicklung nicht mehr aufzuhalten ist. Umso wichtiger sei es, die Nutzer aufzuklären und zu sensibilisieren. Jedem müsse klar sein, dass man für die so verlockende Bequemlichkeit durchaus einen hohen Preis zahle. Der Gesetzgeber sei in der Pflicht, im Bereich der Datensicherheit viel mehr zu regulieren als bisher und sich nicht auf die Selbstverpflichtung der Hersteller zu verlassen.

Industrie wiegelt ab

Das hört die Branche natürlich gar nicht gerne. Man müsse einfach sehen, dass die Privatsphäre an Bedeutung verliere, erklärte Reinhard Zinkann vom Elektrofachverband ZVEI zur Eröffnung der IFA. Bei Siemens ist man davon überzeugt, dass die bislang ergriffenen Maßnahmen vollkommen ausreichen. Die Daten würden auf "neutralen" Servern und natürlich innerhalb von Europa gesammelt. Es gebe ein umfassendes Sicherheitssystem, Hacker-Angriffe würden regelmäßig simuliert. Dass eine Krankenversicherung in der Lage wäre, zwecks Ernährungsanalyse einen Blick in einen Siemens-Kühlschrank zu werfen - dieses Szenario sei nun wirklich "an den Haaren herbeigezogen".

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