ICMA-Galakonzert in Bamberg: Es lebe die klassische Musik
19. März 2026
Preisträgerinnen und Preisträger der International Classical Music Awards (ICMA) präsentierten sich auf der Bühne des Bamberger Konzertsaals. Ihr Können begeisterte nicht nur das Publikum im Saal, sondern auch die Zuhörer weltweit. Die DW hat das Konzert live übertragen.
Es reicht heute oft nicht aus, sein Instrument oder seine Stimme auf der Bühne exzellent zu beherrschen. Gerade für die Karriere von Nachwuchskünstlern und -Künstlerinnen ist es wichtig, auf dem globalen Musikmarkt von Agenten und Musiklabels wahrgenommen zu werden. Genau da kommen unabhängige Musikpreise ins Spiel, die die Musikszene beleben und Nachwuchstalenten ein Forum bieten. In Europa spielen die "International Classical Music Awards" (ICMA) seit nunmehr 15 Jahren im übertragenen Sinn die erste Geige.
"Trüffelschweine" der klassischen Musik
Die Jury-Mitglieder der ICMA, 20 Musikjournalisten und Kritiker aus 17 europäischen Ländern, bezeichnen sich gerne salopp als "Trüffelschweine der klassischen Musik". Sie würdigen nicht nur die hohe Qualität der musikalischen Darbietungen, sondern wollen auch Originelles und Besonderes entdecken – und das jenseits des Mainstreams und der Markterfolge. Das ganze Jahr über durchstöbern die unabhängigen Profis das Dickicht der Neuerscheinungen in allen möglichen Sparten. Das reicht vom Debüt-Album der Nachwuchssolisten bis hin zu Neuentdeckungen alter Barockmusik aus den Tiefen der Archive, aber auch die Entdeckung zeitgenössischer Werke und deren Komponisten.
Für den Preis können weltweit auch die Musizierenden oder Ensembles selbst ihr jüngstes Album einreichen, egal ob als Tonträger oder als digitalen Release. Die Zahl der Neuerscheinungen ist hoch und steigt kontinuierlich, nach Einschätzung der ICMA gibt es jedes Jahr rund 10 000 Aufnahmen, aus denen die Juroren auswählen können.
301 Produktionen wurden Ende 2025 für die ICMA-Preise in 27 Kategorien nominiert. In geheimer Abstimmung wählten die Juroren Anfang 2026 die Gewinner. Einige von ihnen wie die ungarisch-ägyptische Geigerin Mariam Abouzahra (Discovery Award), der amerikanische Pianist Anthony Ratinov (ICMA Classeek Award für Nachwuchstalente) oder die israelische Flötistin Sharon Bezaly (Flute Award in der Kategorie Zeitgenössische Musik) hatten die Ehre, im Gala-Konzert aufzutreten. Gastgeber waren diesmal die Bamberger Symphonikern, eines der traditionsreichsten Orchester Deutschlands, unter der Leitung von Chefdirigent Jakub Hrůša.
Traditionsorchester Bamberger Symphoniker
Mit dem international besetzten ICMA-Galakonzert feierte das Orchester auch sein eigenes 80. Jubiläum: am 20. März 1946 spielten Spitzenmusiker aus Böhmen und Mähren ihr erstes Konzert. Sie mussten durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs fliehen und fanden in Bamberg eine neue Heimat und ein friedliches Leben.
Auf dem Programm des ersten Konzerts stand damals die "Leonoren-Ouvertüre Nummer 3" von Ludwig van Beethoven, der das Werk in der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleons Besatzungsmacht geschrieben hatte. Acht Jahrzehnte später eröffnete auch der tschechische Maestro Jakub Hrůša am 18. März 2026 das Jubiläumsprogramm mit diesem Werk. Für Hrůša ist die Wahl programmatisch was die Botschaft seines Orchesters anbelangt, das er seit 14 Jahren leitet. "Ich glaube, die Harmonie ist das Stichwort für unseren Klang und unsere Arbeit. Auch im Kontakt mit dem Publikum, ob im Saal oder am anderen Ende der Welt bei einer Übertragung des Konzertes", sagt Hrůša im DW-Gespräch. "Gerade in stürmischen Zeiten stehen wir für Stabilität und Solidarität, das ist unsere Mission."
Auf der Suche nach der unverwechselbaren Persönlichkeit
Diese Stabilität und Freundlichkeit spürten auch die jungen preisgekrönten Künstlerinnen und Künstler des Gala-Abends, die als Solisten mit dem Orchester musizierten. Unter ihnen die junge in Deutschland geborene ungarisch-ägyptische Geigerin Mariam Abouzahra.
"Das Orchester und Maestro Hrůša haben mich regelrecht getragen mit ihrem Klang", sagt sie. Denn obwohl die 17-Jährige bereits zahlreiche internationale Auftritte hinter sich hat, etwa bei der Eröffnung des neuen Grand Egyptian Museums in Kairo, gesteht auch sie ihr Lampenfieber vor großen Auftritten, das ihr die Bamberger Symphonikern genommen haben.
Remy Frank Frank ist Musikjournalist in Luxemburg und Präsident der ICMA-Jury. "Es gibt heute mehr herausragende junge Künstler als je zuvor", sagt er der DW. "Die jungen Menschen haben es nicht einfach." Doch gerade das mache das Musikleben spannend für das Publikum und für die Musikkritiker.
"Die Konkurrenz unter jungen Talenten wird immer härter", bestätigt ein weiteres Jury-Mitglied, der italienische Musikkritiker Nicola Cattò. "Ich stelle jedoch fest, dass dem übertriebenen Streben nach technischer Perfektion eine Rückkehr zu einer menschlicheren Dimension des Klangs und des Musizierens gegenübersteht", sagt er. Insbesondere junge Pianisten und Geiger – Instrumente, bei denen die Konkurrenz am größten ist – seien heute weniger auf technische Perfektion fixiert. "Man ist vor allem auf der Suche nach einer unverwechselbaren Persönlichkeit."
Die DW übertrug die jährliche ICMA-Gala zum fünften Mal. Bereits die Konzerte in Luxemburg (2022), Wroclaw (2023), Valencia (2024) oder Düsseldorf (2025) fanden großen Zuspruch bei den Usern des Klassik-Kanals "DW Classical Music" auf Youtube.