″Ich bin nicht Mutter Teresa″: Warum eine Ukrainerin zur Leihmutter wurde | Europa | DW | 14.06.2020
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Leihmütter

"Ich bin nicht Mutter Teresa": Warum eine Ukrainerin zur Leihmutter wurde

Ist es schwierig, Leihmutter zu sein? Was sagen die eigenen Kinder und der Ehemann? Ist es traurig, das Baby nach der Geburt abzugeben? Eine Ukrainerin spricht mit der DW offen über ihre Gefühle und Erfahrungen.

Leihmutter aus der Ukraine Alina Stachorsjka NEU

Alina Stachorska war schon drei Mal Leihmutter

Alina Stachorska ist eine von rund 1500 Ukrainerinnen, die im vergangenen Jahr für Ausländer Kinder zur Welt gebracht haben. Für die 32-jährige Frau aus Charkiw, die selbst zwei Söhne hat, war es die dritte Leihmutterschaft. Den ersten Jungen gebar die ehemalige Verkäuferin für ein Paar aus Irland, als sie erst 21 Jahre alt war, die anderen beiden für ein Paar aus Deutschland und ein Paar aus Indien, mit denen Alina Stachorska bis heute freundschaftliche Beziehungen pflegt. Im Gegensatz zu vielen anderen Leihmüttern war Alina bereit, unter ihrem richtigen Namen der Deutschen Welle ein Interview zu geben. Nur zu den Honoraren, die sie bekommen hat, wollte sie nichts sagen. Dies sei vertraglich verboten. Wie die DW jedoch aus anderen Quellen erfuhr, erhalten Ukrainerinnen pro Leihmutterschaft durchschnittlich 15.000 Euro.

Deutsche Welle: Wie sind Sie Leihmutter geworden?

Alina Stachorska: Das erste Mal war ich noch sehr jung. Damals ging die Beziehung zu meinem ersten Mann in die Brüche. Ich musste ihn verlassen. Aber ich hatte für mich und mein erstes Kind - damals dreieinhalb Jahre alt - keine Wohnung. Zuerst wohnten wir ein halbes Jahr bei meiner Großmutter. Ich suchte Arbeit, hatte aber keine Ausbildung. Durch eine Anzeige bin ich auf das Leihmutterschafts-Programm aufmerksam geworden. Mit Geld aus diesem Programm konnte ich eine Wohnung mieten. Zu den Tests in der Klinik fuhr ich mit meinem Sohn. Er wartete dort im Flur auf mich. Manchmal brachte ich ihn zur Großmutter.

Fiel Ihnen die Entscheidung schwer, Leihmutter zu werden?

Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, weil ich wusste, wofür ich das mache. Natürlich hatte ich Angst. Ich dachte, man würde mich wegen meines jungen Alters nicht nehmen. Aber alles lief gut und ich gebar ein Kind. Später ein zweites und drittes.

Wussten Ihre Eltern davon?

Ja. Sie leben in Russland. Als sie dorthin umgezogen sind, blieb ich bei meiner Großmutter in Charkiw, woher ich auch stamme.

Wie haben Ihre Eltern auf Ihre Entscheidung reagiert?

Gut. Es gab überhaupt keine Probleme. Ich habe nichts verheimlicht, weder vor Nachbarn noch vor Freunden oder Verwandten. Einige dachten natürlich schlecht über mich, dass ich mein Kind verkaufe und so weiter. Aber viele meiner Freundinnen, zehn bis 15, haben auf meine Empfehlung hin auch an dem Programm teilgenommen.

Von den Kliniken hört man meist, die Leihmütter würden kinderlosen Paaren helfen wollen.

Ehrlich gesagt bin ich nicht als eine Mutter Teresa, die kinderlosen Paaren helfen möchte, dorthin gegangen. Ich wollte in erster Linie Geld verdienen. Das ist die Wahrheit. Ich habe bis heute Kontakt zu den Eltern und sie sind mir sehr dankbar. Und ich freue mich, dass ich ihnen geholfen habe. Aber es ging mir dabei vorrangig um eigene Ziele.

Sie finden also nicht, dass eine Leihmutterschaft Ausbeutung von Frauen ist?

Wenn sich eine Frau dazu entschließt, dann weiß sie, warum sie das tut. Mir wurde ein Betrag genannt und ich wusste, was ich mir dafür kaufen kann. Ich sehe hier keine Ausbeutung.

Wofür haben Sie das Geld ausgegeben?

Nach der ersten Leihmutterschaft bezahlte ich die Hälfte einer Dreizimmerwohnung, nach der zweiten die Hälfte einer Zweizimmerwohnung. Später habe ich beide verkauft und eine Einzimmerwohnung gekauft, die ich später auch verkauft habe. Als ich dann das Geld für die dritte Leihmutterschaft erhielt, konnten wir uns ein Haus in Charkiw und zwei Autos kaufen. So viel Geld hätte ich in all den Jahren anders nicht verdienen können.

Fiel es Ihnen psychisch oder physisch schwer, Leihmutter zu sein?

Beim ersten Mal war es schwierig. Ich hatte Schwangerschafts-Übelkeit, konnte nirgends hingehen und hatte ein kleines Kind. Ich saß nur in den eigenen vier Wänden. Beim zweiten und dritten Mal wusste ich, was auf mich zukommt. Da fiel es mir leichter. Unangenehm ist nur, dass man für Tests und Spritzen oft in die Klinik muss. Vor Blutabnahmen fürchte ich mich nicht, aber vor Spritzen habe ich Angst.

Video ansehen 03:05

Das lang ersehnte Kind endlich in den Armen

Was waren das für Spritzen?

Hormone. Man bekommt Progesteron.

Gibt es Einschränkungen bei einer solchen Schwangerschaft?

Man muss auf sich aufpassen und gut essen. Man darf alles - außer Sex, Rauchen und Trinken.

Was hält Ihr Ehemann von Leihmüttern?

Wir sind seit vier Jahren verheiratet. Die letzte Leihmutterschaft war schon in unserer Ehe. Mein Mann war strikt dagegen. Doch ich sagte ihm, anders würde es nicht gehen. Er bekommt als Schlosser unregelmäßig Lohn. Da wir einen gemeinsamen Sohn haben, kann ich nicht arbeiten gehen. Aber die Wohnung muss bezahlt werden und essen muss man auch. Als ich die Untersuchungen absolviert hatte und nicht aufgab, fand er sich damit ab. Aber es fiel ihm schwer, mich mit einem fremden Kind schwanger zu sehen. Er will noch eine Tochter, aber ich will keine Kinder mehr. Ich habe zwei, das reicht mir. Aber auch damit hat er sich abgefunden. Er hat nun ein Auto und fühlt sich gut.

Gab es sonst noch Konflikte?

Überhaupt nicht. Immer wenn ich zum Ultraschall musste, fuhr er mich. Wenn ich nachts auf Ananas oder Granatäpfel Appetit hatte, brachte er mir alles. Er verhielt sich so, als wäre es unsere eigene Schwangerschaft.

Ukraine Kiew | Coronavirus | Leihmutterfirma

Babys von Leihmüttern warten in einem Kiewer Hotel auf ihre Abholung

Waren Ihre Gefühle während der Schwangerschaften zu Ihren eigenen und den "fremden" Kindern verschieden?

Ja. Ich spürte, dass sie nicht meine Kinder sind, aber ich behandelte sie auch mit Sorgfalt, wie es sich gehört. Zum Beispiel schickte mir während meiner dritten Leihmutterschaft der Vater des Kindes aus Indien Lieder, die er in seiner Sprache sang, damit ich sie dem Kind vorspiele. Ich muss zugeben, das habe ich ein- oder zweimal im Monat getan, nicht jeden Tag. Mit meinen eigenen Kindern habe ich hingegen gesprochen. Das war ganz anders. Hier wusste ich, dass ich das Kind austragen und abgeben muss. Schluss. Um ehrlich zu sein, Liebesgefühle hatte ich keine.

Nicht einmal nach der Geburt?

(denkt nach) Als ich das letzte Kind zum ersten Mal sah, lag es auf der Kinderstation. Ich unterschrieb gerade die Dokumente und in diesem Moment weinte der Junge. Keine der Schwestern oder Ärzte ging zu ihm, sie waren mit mir beschäftigt, mit diesen Papieren. Sie beeilten sich auch nicht, ihm einen Schnuller zu geben. Irgendwie tat er mir leid und ich wollte ihn in den Arm nehmen. Aber man bat mich zu gehen. Danach habe ich natürlich etwas geweint. Es war schon schwer.

Später, als wir aus der Klinik entlassen wurden, besuchten mein Mann und ich die Eltern des Kindes, die in Charkiw eine Wohnung angemietet hatten. Dort nahm ich den Jungen in den Arm. Meine Hände begannen zu schwitzen und zu zittern. Ich gab ihn sofort dem Vater zurück. Und mein Mann sagte mir, wir sollten besser nach Hause fahren.

Waren die Eltern des Jungen nicht mit im Krankenhaus?

Die Mutter hatte es nicht rechtzeitig zur Geburt bis Charkiw geschafft. Nur der Vater war da. Das Kind blieb bis zur Entlassung im Krankenhaus. Der Vater kam jeden Tag und blieb mehrere Stunden bei ihm. Die restliche Zeit war das Kind bei den Ärzten und Schwestern.

Hatten Sie bei den ersten beiden Leihmutter-Schwangerschaften auch solche Gefühle

Während der ersten war ich völlig gleichgültig. Bei der zweiten habe ich das Baby gestillt. Als man es mir wegnahm, fiel es mir schon schwer. Ich habe oft an das Kind gedacht. Ungefähr ein halbes Jahr später schickten mir die Eltern Fotos, wie er Junge sitzt und lächelt. Ich war zu Tränen gerührt und habe mich gefreut, ihn zu sehen. Ich möchte sehen, wie diese Kinder wachsen, ich möchte wissen, wie sich ihre Zukunft gestaltet.

Video ansehen 05:14

Ukraine: Die gestrandeten Babys

Wissen Ihre eigenen Söhne von den Kindern?

Der Jüngere versteht das noch nicht, er ist noch keine vier Jahre alt. Der Älteste weiß es. An die erste Leihmutterschaft kann er sich nicht erinnern, weil er klein war. Aus der zweiten kann er sich an die Eltern erinnern, weil sie zu uns zu Besuch kamen und ihm Geschenke mitbrachten. Er weiß, dass ich schwanger war, und er weiß auch warum.

Haben Sie mit allen Eltern der Kinder noch Kontakt?

Bei der ersten Leihmutterschaft habe ich die Mutter erst nach der Geburt kennengelernt. Sie kommt aus Irland. Wir haben keinen Kontakt. Aber mit den anderen Eltern habe ich Kontakt. 2013 hatte ich die zweite Leihmutterschaft und ich brachte für eine Familie aus Deutschland einen Jungen zur Welt. Wir schreiben uns auf WhatsApp. Im Oktober waren sie nach sieben Jahren in Charkiw zu Besuch. Sie wollten dem Jungen zeigen, wo er geboren wurde, und mich ihm vorstellen. Doch die Mutter traute sich noch nicht, ihm die ganze Wahrheit zu sagen, wer ich bin. Ich wurde als Bekannte vorgestellt.

Wie war es für Sie, den Jungen zu sehen? Hatten Sie Gefühle wie zu einem eigenen Sohn?

Nein. Mir war klar, dass er nicht mein Sohn ist. Aber als ich zu dem Treffen fuhr, weinte ich, weil ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte.

Wurden Sie nach Deutschland eingeladen?

Sie haben mich eingeladen, aber irgendwie traue ich mich nicht zu fahren. Und der Junge, den ich für das Paar aus Indien zur Welt gebracht habe, ist erst fünf Monate alt. Der Vater schickt mir ständig über WhatsApp Fotos von ihm. Und ich wünsche ihnen jedes Mal Glück und Gesundheit.

Möchten Sie ein viertes Mal Leihmutter werden?

Das möchte ich. Wenn man mich trotz meines Alters und der vielen Geburten noch nimmt, dann bin ich dazu bereit. Ein letztes Mal.

Das Interview führte Mykola Berdnyk

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