Horst Seehofer: Mehr Polizeipräsenz an Bahnhöfen nötig | Deutschland | DW | 30.07.2019
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Konsequenzen aus Frankfurt

Horst Seehofer: Mehr Polizeipräsenz an Bahnhöfen nötig

Der mutmaßliche Täter vom Frankfurter Hauptbahnhof galt in der Schweiz als "gut integriert". Er wurde allerdings seit Tagen polizeilich gesucht. Bundesinnenminister Seehofer will die Sicherheit an Bahnhöfen verbessern.

Deutschland PK Seehofer (REUTERS)

Präsident des Bundeskriminalamts Münch (l.), Bundesinnenminister Seehofer und Bundespolizeipräsident Romann

Nach Angaben des Präsidenten der Bundespolizei, Dieter Romann, bedrohte der mutmaßliche Täter am 25. Juli eine Nachbarin mit einem Messer, sperrte sie ein und floh. Wie Bruno Keller von der Kantonspolizei Zürich mitteilte, sperrte der Mann auch seine Frau und Kinder ein. Die Familie gab an, ihn "so noch nie erlebt" zu haben. Danach wurde er in der Schweiz zur Festnahme ausgeschrieben. 

Romann gab einen Tag, nachdem der Mann am Frankfurter Hauptbahnhof eine Mutter und ihren achtjährigen Sohn vor einen einfahrenden ICE gestoßen haben soll, weitere Details zum 40-jährigen mutmaßlichen Täter bekannt. Demnach reiste der 1979 in Eritrea geborene Mann 2006 unerlaubt in die Schweiz ein. Ihm sei zwei Jahre darauf Asyl gewährt worden. Dem Präsidenten der deutschen Bundespolizei zufolge geht der Mann in der Schweiz einer festen Arbeit nach und besitzt eine Niederlassungsbewilligung der Kategorie C, was "gut integriert" bedeutet. 

Deutschland Attacke im Frankfurter Hauptbahnhof (Imago Images/epd/H. Lyding)

Menschen gedenken im Frankfurter Hauptbahnhof des Opfers der Gewalttat

Nach Angaben des Züricher Staatsanwalts Thomas Brändli hatte der Mann psychische Probleme und war deswegen in ärztlicher Behandlung. Die Kantonspolizei ergänzte, dass er krank geschrieben war und unter anderem aus diesem Grund seit Januar nicht mehr gearbeitet habe. Es hätten aber "keine Hinweise auf eine Radikalisierung oder ein ideologisches Motiv" vorgelegen, teilten die Schweizer Ermittler in Zürich mit.

Seehofer: Keine Änderung des Ausländerrechts nötig

Da der mutmaßliche Täter einen anerkannten Aufenthaltsstatus habe, genieße er auch die Freizügigkeit, betonte der deutsche Bundesinnenminister Seehofer bei einer Pressekonferenz in Berlin. In diesem Fall sehe er keine Konsequenz für das deutsche Ausländer- oder Aufenthaltsrecht. Seehofer forderte mit Blick auf die Tat allerdings eine größere Polizeipräsenz an Bahnhöfen. Außerdem müsse man technische Möglichkeiten zur Verbesserung der Sicherheit prüfen - "und zwar vorurteilsfrei". Er erneuerte auch seine Forderung nach einer stärkeren Videoüberwachung im öffentlichen Raum.

Zündstoff vor wichtigen Landtagswahlen

Erst vor etwas mehr als einer Woche kam es im nordrhein-westfälischen Voerde zu einem ähnlichen Verbrechen. Ein 28-Jähriger schubste eine 34-Jährige vor einen einfahrenden Zug, die Frau starb. Die Vorfälle von Voerde und Frankfurt haben Deutschland erschüttert und politische Diskussionen ausgelöst: wegen Forderungen nach erhöhter Sicherheit an Bahnhöfen und wegen der Herkunft der Täter. Der mutmaßliche Täter aus Voerde ist in Deutschland geboren, er ist serbischer Staatsbürger kosovarischer Herkunft. Bereits mehrmals war er mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Attacke im Frankfurter Hauptbahnhof (picture-alliance/dpa/A. Arnold)

Ein Polizist legt im Frankfurter Hauptbahnhof Blumen nieder

Innenminister Seehofer war sich der politischen Brisanz angesichts der Herkunft der Täter wohl nur zu bewusst, als er nach der Tat von Frankfurt beschloss, seinen Urlaub zu unterbrechen, um mit den Chefs der Sicherheitsbehörden zu beraten.  Am 1. September finden wichtige Landtagswahlen in Ostdeutschland statt: in Brandenburg und Sachsen. Am 27. Oktober wählt Thüringen. In allen drei Bundesländern ist die Alternative für Deutschland (AfD) auf dem Vormarsch.

Die Rechtspopulisten punkten bei ihren Wählern besonders wegen ihrer nationalistisch-migrationskritischen Aussagen. Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass die Taten in Voerde und Frankfurt politisch instrumentalisiert werden und die AfD-Parteispitze in den Sozialen Netzwerken die Geschehnisse bereits in ihrem Sinn deutet und anprangert.

AfD-Fraktionschefin Alice Weidel sprach von einer abscheulichen Tat in Frankfurt. Zugleich zog sie eine Verbindung zwischen der afrikanischen Herkunft des Täters und der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung seit 2015. "Schützt endlich die Bürger unseres Landes - statt der grenzenlosen Willkommenskultur!", schrieb sie bei Twitter und sorgte damit bei allen anderen Parteien im Bundestag für Empörung. Der mutmaßliche Täter soll nach Angaben der Frankfurter Staatsanwaltschaft bereits seit 2006 in der Schweiz gelebt haben.

Suche nach dem Tat-Motiv

Die psychologische Komponente der Taten ist nur langwierig ermittelbar. Was bringt jemanden dazu, ein solch schreckliches Verbrechen zu begehen? Sowohl bei dem Vorfall in Voerde als auch in Frankfurt geht die Polizei davon aus, dass sich Täter und Opfer nicht kannten. Das wäre nicht ungewöhnlich, sagte der Kriminalpsychologe Rudolf Egg im Ersten Deutschen Fernsehen (ARD). Das Motiv müsse nicht mit dem Opfer zusammenhängen.

Deutschland 40-Jähriger stößt in Frankfurt Mutter und Kind vor Zug - Achtjähriger stirbt (picture-alliance/dpa/F. Rumpenhorst)

Kurz nach der Tat im Frankfurter Bahnhof sichern Polizisten die Gleise, während Sanitäter Augenzeugen betreuen

Insofern spricht Egg von einem "Zufalls-Opfer". Das Verbrechen hänge mehr mit dem Täter, dessen Persönlichkeit und dessen Stimmung zusammen. "Wenn jemand mordlustig ist oder wenn jemand Gewalt zeigen will, um irgendetwas nach außen zu brüllen durch böse Handlungen, dann kann das ein Motiv sein." Völlig offen ist, ob beim mutmaßlichen Täter von Frankfurt eine psychische Erkrankung oder Drogen eine Rolle gespielt haben. Insofern könnte es jeden Passanten auf den Bahngleisen treffen. Allein schon aus dieser Unsicherheit heraus werden viele Reisende in Deutschland in der nächsten Zeit sicherlich noch mehr Abstand zu den Gleis-Begrenzungslinien halten, als sie das ohnehin schon tun.

Gefahr durch Nachahmungstäter

Es sei auch nicht auszuschließen, dass es zu Nachahmungstaten komme, sagt der Kriminalpsychologe Thomas Bliesener im Gespräch mit der Deutschen Welle. Er spricht von Personen, die "aufgrund eines übersteigerten Geltungsdrangs der Ansicht sind: Wenn ich das mache, komme ich auch mal in die Presse und man redet über mich." Das sei bei einer ganzen Reihe von Taten der Fall, "die einfach auszuführen sind, aber ganz schwere Konsequenzen haben können. Steine werfen von Autobahn-Brücken wäre solch ein Beispiel", erklärt der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.

Der Kriminalexperte und Kinder- und Jugendpsychotherapeut Christian Lüdke ist ähnlicher Ansicht. In der ARD erklärte er, man könne bei solchen Taten natürlich nur spekulieren. Oft aber entwickelten sie sich aus Frust, Wut, Angst oder dem Gefühl, alles verloren zu haben. "Das führt zu einem Ohnmachtsgefühl. Durch die Gewaltausübung verwandelt sich diese Ohnmacht in ein Gefühl der Allmacht." Im Bruchteil einer Sekunde könne die Stimmung kippen und so eine Attacke auslösen, sagt Lüdke. Vielleicht sei der Tatverdächtige nicht einmal mit dem Plan zum Bahnhof gegangen, jemanden zu töten. Aber: "Niemand wird über Nacht zum Mörder. Das ist immer der Abschluss einer langen, gestörten Entwicklung."

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