Homosexuelle Künstler in Südosteuropa: Zwischen Konventionen, Kirche und Klischees | Lebensart | DW | 20.06.2020
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Homophobie auf dem Balkan

Homosexuelle Künstler in Südosteuropa: Zwischen Konventionen, Kirche und Klischees

Im Juni hätte die EuroPride erstmalig auf dem Balkan stattfinden sollen. Ein starkes Signal für Lesben und Schwule, für die Homophobie Alltag ist. Ein Gespräch mit LGBT-Künstlern aus Bulgarien, Griechenland und Kroatien.

Seit 1992 findet die EuroPride, eine paneuropäische Pride-Veranstaltung, jedes Jahr in einem anderen europäischen Land statt. In diesem Jahr freute sich Thessaloniki auf das Großereignis, doch es kam anders - wegen der Corona-Pandemie. Der ehemalige Bürgermeister der griechischen Stadt, Giannis Boutaris, hatte lange für die EuroPride gekämpft - gegen den Widerstand von anderen Politikern und der orthodoxen Kirche. 2017 ließ er sich sogar für ein Magazin ablichten und erklärte, die Veranstaltung sei ein Gewinn für Thessaloniki und es sei die Pflicht einer demokratischen Gesellschaft, Vielfalt anzuerkennen. "Boutaris ist zwar nicht homosexuell, aber er hat sich für unsere Rechte eingesetzt - und dafür hat er viel Hass von Nationalisten geerntet, Thessaloniki mochte ihn nicht", sagt Evi Minou. Sie ist Filmemacherin und homosexuell. "Auch wenn es Politiker gibt, die etwas bewegen wollen, werden sie oft von der Kirche daran gehindert, die einen großen Einfluss in Griechenland hat." Rechtlich hat Griechenland weder die Ehe für alle noch die Adoption von Kindern für homosexuelle Paare eingeführt. Evi Minou erhofft sich in dieser Hinsicht gesetzliche Reformen - und mehr Toleranz und Offenheit, weg vom klassischen Rollenbild, geprägt von Sexismus und männlicher Dominanz: "Homosexuelle sollen sich frei auf der Straße bewegen können, ohne Hass und Häme zu fürchten."

LGBT Künstler*in Evi Minou (Evi Minou)

Evi Minou hofft auf neue Gesetze für mehr Gleichberechtigung

Homosexuelle auf dem Balkan: diskriminiert, ausgegrenzt und verhöhnt

Während in Westeuropa Pride- und CSD-Veranstaltungen schon seit Jahrzehnten stattfinden und als Fest der Freude und des Zusammenlebens gelten, haben die Paraden auf dem Balkan einen anderen Stellenwert. Sie sind keine Feste, sondern gleichen viel mehr Demonstrationen für grundlegende Menschenrechte. Erst im vergangenen Jahr konnten in Sarajevo (September 2019) und in Skopje (Juni 2019) zum ersten Mal Paraden stattfinden. Zwar hat man sich in Städten wir Zagreb und Belgrad an solche Zusammenkünfte gewöhnt, dennoch gehören Lesben und Schwule zu den Gruppen von Minderheiten, die am meisten diskriminiert, ausgegrenzt und verhöhnt werden. Eine Mitschuld daran tragen auch die Kirchen. Sie bezeichnen Homosexualität als Krankheit, Politiker forderten, die Pride "aus Sicherheitsgründen" zu verbieten, wie etwa in Belgrad im Jahr 2009.

Gegen Konventionen, für mehr Gleichberechtigung

Verletzte bei Gay Pride in Belgrad 2001 (picture-alliance/dpa/dpaweb/S. Stankovic)

Die erste Pride in Belgrad (2001) war geprägt von Ausschreitungen und gewaltsamen Auseinandersetzungen

Vasil Boyanov ist bulgarischer Roma und schwul. Geboren wurde er im Frauengefängnis, weil seine Mutter vor dem historischen Wendejahr 1989 mit Kleidungsstücken handelte, was als "unternehmerisches Tun" galt und damit verboten war. "Bis heute erlebe ich Vorurteile, die mich wohl bis zu meinem Tode begleiten werden. Schon als ich fünf oder sechs Jahre alt war, haben sich Kinder geweigert, mit mir zu spielen, weil sie fanden, dass ich stinke. Dabei hat mich meine Mutter aus eben dieser Angst vor Ausgrenzung zwei Mal am Tag gebadet und parfümiert, sie hat mir extra weiße Klamotten angezogen, damit ich sauber aussehe, aber es betonte meine dunkle Haut nur noch mehr." Früh interessierte sich Vasil Boyanov für Musik, zu Beethovens 9. Sinfonie habe er geweint - vor Freude. Heute ist er ein berühmter Sänger - nicht nur in Bulgarien. Der ganze Balkan liegt ihm zu Füßen, er wird überall - selbst in Asien - euphorisch bejubelt. Mit seinen schrillen Auftritten, mit Make-up und auf High-Heels, provoziert Vasil Boyanov alias Azis die konservative, patriarchale Gesellschaft. Zugleich sind viele seiner Texte voller tiefgründiger Gesellschaftskritik. "In meiner Position als erfolgreicher Künstler, aus heutiger Perspektive, sind meine Hautfarbe und meine Sexualität zu verzeihen. Ich stelle die Freiheit dar, und das stört einige, denn viele wollen, dass wir alle weiß sind und blaue Augen haben."

LGBT Künstler Vasil Boyanov (Georgi Malev)

Azis setzt sich über Konventionen und Stereotypen hinweg

Vielfalt ist in vielen Balkanländern ein Problembegriff

Balkanländer wie Bulgarien tun sich noch immer schwer damit, Vielfalt zu akzeptieren. Das hat auch die Debatte um die Unterzeichnung des Übereinkommens des Europarats zur Prävention und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt - auch als Istanbuler Konvention bekannt - gezeigt. Die rechtsextremen Parteien, die die Regierung bilden, sowie die Kirche haben sich gegen dieses Regelwerk ausgesprochen. Mehr noch: Das Verfassungsgericht hat das Übereinkommen als verfassungswidrig erklärt. Grund: Der im Text verwendete Begriff "Gender" sei irreführend, weil er einen mit dem Verfassungsverständnis von "Geschlecht" unvereinbaren Begriff einführe. Das Gericht bekräftigte die Auffassung, "Geschlecht" sei ein Begriff mit zwei starr festgelegten Optionen: männlich und weiblich. Die Debatte mauserte sich zu einem Kulturkampf über Definitionen, was zum Ergebnis führte, dass die Konvention zwar unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert wurde. 

Berlin als Beispiel für Toleranz

"Schwarz und homosexuell zu sein, ist nicht nur in Bulgarien schwer, sondern überall. Wir sind nirgendwo willkommen. Schauen wir mal in die USA, überall ist es schwer, nur in Berlin vielleicht nicht, aber die Welt ist nicht Berlin", sagt Azis. der der drei Jahre - von 1989 bis 1992 - in Berlin gelebt hat. "Schwuler Künstler zu sein ist dort kein Problem, sondern gilt sogar als cool. Doch die Welt ist voll mit Homosexuellen, die nicht Künstler sind, und die werden erniedrigt, bedroht und müssen sich verstecken." Das Problem beginne vor allem in der eigenen Familie, die Eltern müssten zeigen, dass sie ihre Kinder unterstützen, dass Schwulsein nichts Schlimmes ist, nichts Ansteckendes. Die Kinder erlebten ihre ersten Traumata in den eigenen vier Wänden. "Wir brauchen mehr Sichtbarkeit: in Zeitschriften, in den TV Studios, im Radio. Wir sind nicht eklig oder böse, wir sind Menschen."

Kroatien - ein Schritt voraus

Schriftsteller und Moderator Srdjan Sandic aus Kroatien (ZKM/Marko Ercegović)

Srđan Sandić: aus Kroatien: "Vielfalt heißt für mich Gleichstellung"

Das wünscht sich auch Srđan Sandić aus Kroatien. Er ist Schriftsteller und lebt in der Hauptstadt Zagreb. "Ich habe auch verschiedene Drohungen, Klatsch und Tratsch, Herabwürdigungen und Stigmatisierung erlebt, aber im Vergleich zu dem, was andere aushalten müssen, ist das nicht viel", sagt er. Im Vergleich zu anderen südosteuropäischen Ländern wie Bosnien und Herzegowina oder Montenegro, wo Menschen immer noch massive verbale und körperliche Anfeindungen fürchten müssen, ist Kroatien schon einen Schritt weiter, vor allem wenn es um die Rechte der LGBT-Menschen geht. "Anfang der 2000er Jahre war ein größeres Polizeiaufkommen notwendig, damit die Pride überhaupt stattfinden konnte (Anm. d. Red.: Auf der Pride 2002 gab es 32 Verletzte), aber heutzutage gibt es weniger Übergriffe und das ist ein großer Erfolg der LGBT-Gemeinschaft. Es ist jetzt ein Event, der nicht gefährlich ist, sondern Spaß macht. Ich liebe diesen Tag." Srđan Sandić ist sich darüber bewusst, dass diese Toleranz lediglich in der Großstadt Zagreb herrscht. In den abgelegenen Orten Kroatiens ist der Kampf um Anerkennung noch lange nicht zu Ende. "Ich wünsche mir Normalität", sagt Srđan Sandić, der sich in seinem neuen Buch "Ljubav je glagol" (Übersetzung: "Liebe ist ein Verb") dem Thema Homosexualität und Liebe für alle widmet. Darin fordert er Vielfalt und Gleichstellung auch im politischen Sinne: "Wir wünschen uns das gleiche Recht auf Leben, das Recht, wir selbst zu sein."

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