Hirntumoren: Neuer Impfstoff weckt Hoffnung auf mehr Zeit
7. Juli 2026
Hirntumoren sind schwer zu behandeln. Selbst die operablen Tumoren können chirurgisch nur selten ganz entfernt werden. Patientinnen und Patienten erhalten standardmäßig eine Chemo- und eine Strahlentherapie. Menschen mit aggressiven Tumoren leben nach der Diagnose trotzdem oft nur maximal fünf Jahre.
In einer Studie von Forschenden des Deutschen Krebsforschungszentrums, der Universitätsmedizin Mannheim, des Universitätsklinikums Heidelberg und weiteren Forschungseinrichtungen bekamen 33 Patientinnen und Patienten zusätzlich eine Impfung verabreicht.
Acht Jahre später hat das Forscherteam die Ergebnisse der Langzeitbeobachtung im Fachmagazin Nature publiziert. Und es gibt Grund, vorsichtig optimistisch zu sein: 66 Prozent der Menschen, die an der Studie teilgenommen hatten, lebten nach acht Jahren noch. Bei 42 Prozent war der Tumor in dem Zeitraum nicht wieder gewachsen.
Vor allem die Tatsache, dass der Tumor bei einem großen Teil der Betroffenen über einen so langen Zeitraum nicht zurückgekehrt ist, habe ihn überrascht, sagt einer der Hauptautoren der Studie, Michael Platten. Er ist der Direktor der neurologischen Universitätsklinik in Mannheim und Leiter einer Forschungsabteilung am Deutschen Krebsforschungszentrum.
Impfung gegen Hirntumoren verhindert keinen Krebs
Ob gegen Masern, Mumps oder Corona - wir kennen Impfungen vor allem als eine vorbeugende Maßnahme, die verhindern soll, dass wir eine bestimmte Erkrankung bekommen oder unser Immunsystem so trainiert, dass die Erkrankung weniger schwer ausfällt. Hierbei handelt es sich um sogenannte präventive Impfungen.
Therapeutische Impfungen hingegen haben das Ziel, einen Tumor durch die Aktivierung des Immunsystems zu zerstören. Im Fall der von Platten und seinem Team entwickelten Therapie zielt der Impfstoff auf eine Genmutation ab, die nur bei bestimmten Hirntumoren vorkommt: Die 33 Teilnehmenden waren alle an hochgradigen Astrozytomen erkrankt.
Impfung trainiert Immunsystem auf die Bekämpfung von Tumorzellen
Astrozytome gehören zu den Gliomen und zu den häufigsten Tumoren des zentralen Nervensystems, also Gehirn und Rückenmark. Sie sind in vier Schweregrade unterteilt, von gutartig bis hochaggressiv. Astrozytome des Grades drei und vier eint eine bestimmte Genmutation, auf die die Forschenden es mit ihrem Impfstoff abgesehen haben.
Dieses Gen kodiert für ein bestimmtes Enzym, das IDH1. Durch die Genveränderung wird ein bestimmter Eiweißbaustein im IDH1 ausgetauscht - es entsteht eine neuartige Proteinstruktur, die für ein schnelleres Tumorwachstum sorgt. Der Impfstoff trainiert das Immunsystem darauf, diese Proteinstruktur als fremd zu erkennen und zu bekämpfen.
Der in der Studie getestete Impfstoff aktivierte das Immunsystem auf zwei Weisen: Es wurden T-Zellen gebildet, die entartete Zellen direkt bekämpften und B-Zellen, die Antikörper gegen den Tumor bildeten. Ziel sei es, "ein Wiederkehren des Tumors nach einer abgeschlossenen Behandlung, in diesem Fall eine Radiochemotherapie, zu verhindern", sagt Platten.
Beweis für Effektivität der Impfung gegen Hirntumore fehlt noch
Ulrich Herrlinger ist Direktor der Neuroonkologie am Universitätsklinikum in Bonn und war nicht an der Studie beteiligt. Er sieht in der Arbeit seiner Kolleginnen und Kollegen eine echte Chance für Betroffene.
Hochgradige Astrozytome hätten "eine annähernd hundertprozentige Wahrscheinlichkeit, wiederzukommen, weiterzuwachsen und dann irgendwann auch nicht mehr behandelbar zu sein", sagt Herrlinger. Die Ursache solcher Tumoren kennen Forschende nicht. "Niemand weiß, warum es jetzt gerade diese Person trifft", sagt der Krebsforscher.
Auch deshalb stimmt ihn die Forschung seines Kollegen Michael Platten so hoffnungsvoll: "Wenn man es schaffen würde, das Immunsystem dauerhaft aktiv zu halten, dann wäre das ja schon mit der Hoffnung verbunden, den Tumor langfristig zu unterdrücken."
Große Folgestudie für Hirntumor-Impfstoff ab 2027
Wie Studienautor Platten mahnt aber auch Herrlinger zur vorsichtigen Interpretation der Daten: "Bei 33 Patienten kann man keine starken Aussagen treffen." Als nächstes müsse es eine kontrollierte, randomisierte Studie geben, sagt Herrlinger.
Diese ist bereits in Planung: Im März 2027 startet das Projekt mit mehr als 200 Patientinnen und Patienten, erzählt Platten. "Stand heute reden wir über einen Zeitraum von neun Jahren, bis wir tatsächlich belastbare Ergebnisse von der Studie haben werden."
Erst dann würde sich zeigen, wie effektiv die Impfung tatsächlich ist und ob Auffrischimpfungen die Immunantwort noch verstärken können. Trotzdem findet Platten nicht, dass vorsichtiger Optimismus nach den Ergebnissen der aktuellen Studie Fehl am Platze ist. Hoffnung, sagt er, könne man schließlich nie genug haben.